Geschäftsmann der Fotografie

Nadia Bendinelli
28. Oktober 2020
Ansager Geo Molo sitzt im Herbst 1939 an den Mikrofonen des Schweizer Radios – die Gasmaske griffbereit. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen und mit ihm die ständige Angst vor einer Invasion durch die deutsche Wehrmacht und ihren italienischen Verbündeten. (Foto © Città di Lugano, Archivio storico, Fondo Vincenzo Vicari)

Die Stadt Lugano widmet dem Fotografen Vincenzo Vicari dieses Jahr gleich mehrere Ausstellungen. Sein Lebenswerk deckt die Geschichte des Tessins im 20. Jahrhundert ab und illustriert Wandel und Wachstum des Kantons. Eine gute Gelegenheit, die Region besser zu verstehen und neu zu entdecken.

Entweder ist es Kunst, sonst ist es Kommerz. Vielleicht. Trotzdem hat sich Vincenzo Vicari (1911–2007) den anerkennenden Beinamen «Der Tessiner Fotograf» erworben. Dieses Jahr feiert die Stadt Lugano sein Werk gebührend: Das Projekt «Vincenzo Vicari, Fotograf. Das Tessin im Wandel der Zeit» umfasst eine Hauptausstellung, fünf thematische Schauen und eine Monografie.

Liebe und Geschäftssinn

Angefangen hat alles 1927 mit einer Zwei-Jahres-Lehre, welche den angehenden Fotografen von 7 bis 19 Uhr beschäftigte und ihm ganze fünf Franken im Monat einbrachte. Gut fünfzig Jahre später führte er ein kleines Imperium, das aus drei gut etablierten Geschäften bestand und zahlreiche Angestellte hatte. Vicari war einer der wichtigsten Bildlieferanten der Tessiner Tourismusbranche, für die Region sehr relevant und beinahe allgegenwärtig. Seine Liebe zur Fotografie und seine exzellente Technikbeherrschung allein hätten ihm aber wahrscheinlich nicht derart grossen Erfolg eingebracht – sein ausgeprägter Geschäftssinn hingegen machte den Unterschied. Er wusste Kontakte mit relevanten Persönlichkeiten aus dem Tessin zu pflegen und konnte sich besser als andere selbst vermarkten und etablieren, sodass er fortlaufend für lokale Zeitungen und Illustrierte, das Radio della Svizzera italiana (RSI), Banken sowie zahlreiche Geschäfte arbeiten konnte. Er störte sich sehr am Monopol, das Deutschschweizer Fotografen in den 1930er-Jahren im Tessin aufgebaut hatten, und war in höchstem Masse motiviert, das Geschäft mit der Fotografie im Südkanton wieder in einheimische Hände zu bekommen.

Arbeiterinnen verpacken 1937 Zigaretten in der Fabrik Orienta in Lugano. Ein Plakat gebietet: «Sprechen verboten» (Foto © Città di Lugano, Archivio storico, Fondo Vincenzo Vicari)
Dieses Luftbild zeigt die Piazza Alessandro Manzoni in Lugano im Jahr 1950. (Foto © Città di Lugano, Archivio storico, Fondo Vincenzo Vicari)

Vicaris Aktionsradius blieb kantonal, wenn nicht gar in und um Lugano verhaftet. Er befasste sich mit dem Wandel seiner Heimat. Die Monografie «Vincenzo Vicari, Fotograf. Das Tessin im Wandel der Zeit» illustriert die Entwicklung dekadenweise und zeigt, wie Vicari sie über viele Jahre wahrgenommen hat: In den 1930er-Jahren verbinden sich die Tessiner Täler und Gemeinden dank neuer Verkehrsmittel und -wege. Das 1933 gegründete Radio Monte Ceneri (heute als Rete Uno im Besitz des RSI) hilft, eine eigene, zwischen Schweiz und Italien schwankend Identität zu definieren. Die Industrie wird von schwer schuftenden Frauen vorangetrieben. Der Zweite Weltkrieg vermag die Neugestaltung der Stadt Lugano und ihrer Vororte nicht zu bremsen. In den 1940er-Jahren macht Vicari über 1200 Luftaufnahmen zur Dokumentation der Landschaft im Wandel. In den 1950er-Jahren verlegt sich der Schwerpunkt der Wertschöpfung endgültig von der Landwirtschaft zur Industrie. Vermehrt entstehen Bauten in einer neuen Architektursprache. Lugano geniesst im Sport internationale Aufmerksamkeit: Die Radweltmeisterschaft von 1953 – mit keinem Geringeren als dem legendären Fausto Coppi als Protagonist – findet dort statt und ein Jahr danach die Fussball-Weltmeisterschaft. Staumauern offenbaren in den 1960er-Jahren sowohl den Fortschritt des Ingenieurwesens als auch den wachsenden finanziellen Wohlstand. Die Bevölkerungszahl steigt in dieser Zeit, und immer mehr Menschen besitzen ein Auto. Ab den 1970er-Jahren schlägt der Südkanton eine neue Richtung ein: Die Banken gewinnen an Bedeutung, Lugano wird schliesslich zum drittgrössten Finanzplatz der Schweiz. Die ländliche Seite des Tessins aber ist dabei bis heute nie gänzlich verschwunden; die Erinnerung an die ruralen Wurzeln des Kantons ist noch immer lebendig. 

Lieferwagen der Glacé-Fabrik Luganella parkieren 1960 an der Seepromenade. (Foto © Città di Lugano, Archivio storico, Fondo Vincenzo Vicari)

Die Ausstellung «Vincenzo Vicari, Fotograf. Das Tessin im Wandel der Zeit» und das zugehörige Buch bieten eine schöne Gelegenheit, das Tessin und seine Geschichte visuell aufs Neue zu entdecken. Vicaris Bilder belichten Menschen, Alltagsleben, Ereignisse und die landschaftliche wie architektonische Entwicklung seines Heimatkantons. Fern von Klischees und Kitsch bildete Vicari die Region ab, wie sie war – mit Nüchternheit und manchmal auch einer Prise Humor.

Die Hauptausstellung «Das Tessin im Wandel der Zeit» ist bis 10. Januar 2021 im Museo d’arte della Svizzera italiana im Palazzo Reali in der Via Canova 10 in Lugano zu sehen.
 
Orte und Termine der weiteren Ausstellungen sowie zusätzliche Informationen
Vincenzo Vicari, Fotograf. Das Tessin im Wandel der Zeit

Vincenzo Vicari, Fotograf. Das Tessin im Wandel der Zeit
Damiano Robbiani (Hrsg.)
Mit Beiträgen von Antonio Mariotti, Damiano Robbiani, Gianmarco Talamona und Nelly Valsangiacomo

170 x 240 Millimeter
352 Seiten
307 Illustrationen
Broschiert
ISBN 9783858816924
Scheidegger & Spiess
Dieses Buch kaufen

Verwandte Artikel

Andere Artikel in dieser Kategorie