Gläsernes Ökosystem

Susanna Koeberle
21. Juni 2021
Lichtspiel in der Installation «Enchanted Forest» mit Arbeiten von Melli Ink und Michel Comte (Foto: Alessandro D’Angelo, mit freundlicher Genehmigung von Grieder Contemporary)

Die Galerie Grieder Contemporary zeigt Arbeiten von Melli Ink und Michel Comte. Die Installation «Enchanted Forest» in einem Anbau von Fuhrimann Hächler ist eine gelungene Symbiose von Architektur und Kunst.

Unsere Erde – das heisst auch alle auf diesem Planeten wohnenden Lebewesen – besteht aus Materie. Das klingt banal, ist aber in Wahrheit komplex. Denn Materie befindet sich in stetiger Wandlung, man müsste sie also vielmehr als Prozess verstehen statt als etwas Statisches. Transformation ist zwar per se nichts Unnatürliches, nur dass gewisse Veränderungen für unseren Planeten extrem schädlich sind. Mittlerweile ist es bekannt: Der wesentliche Schadensfaktor ist der Mensch. Die menschengemachten Veränderungen zeitigen seit der Industrialisierung immer extremere Folgen. Globale Erwärmung (oder deutlicher ausgedrückt: die Klimakatastrophe), Artensterben oder Pandemien sind nur die Spitzen dieser negativen Einflüsse, denn viele Folgen sind für uns – oder zumindest in unseren Breitengraden – gar nicht erkennbar. Zu den Folgen des Klimawandels gehören das Schmelzen der Polkappen und ein weltweiter Rückgang der Gletscher. Wissenschaftler*innen wissen das schon lange und weisen auch regelmässig darauf hin. Das Problem dabei ist die Übertragung dieser Fakten in eine allgemein verständliche Sprache, die auch das Handeln politischer Entscheidungsträger*innen (sowie jedes einzelnen Menschen) beschleunigen würde. Mit anderen Worten: Es fehlt für diese Tatsachen an einer Erzählung oder neumodisch ausgedrückt an einem Narrativ. 

Gläserne Pilzskulpturen von Melli Ink (Foto: Alessandro D’Angelo, mit freundlicher Genehmigung von Grieder Contemporary)

Und hier kommt die Kunst ins Spiel. Denn sie schafft sinnlich wahrnehmbare Bilder für abstrakte Phänomene. Dabei geht es nicht darum, künstlerische Ausdrucksformen für einen bestimmten Zweck zu instrumentalisieren. Kunst ist lediglich eine andere Form der Äusserung, eine Sprache, die direkt zu uns spricht, ohne «Vermittlung» von Worten und Gedankenkonstrukten. «Enchanted Forest» bei Grieder Contemporary in Küsnacht bietet eine solche Erzählung. Die immersive Installation mit neueren Arbeiten von Melli Ink und Michel Comte katapultiert Besucher*innen unvermittelt in eine fremde Welt, sie erzeugt einen magischen Erfahrungsraum – einen verzauberten Wald eben. Wobei die Bezeichnung Wald zunächst fehlleitet, denn was wir antreffen, ist ein Material, das im Wald sonst nichts zu suchen hat, nämlich Glas. Aber wir sind ja in einem besonderen Wald, in einem erzählten Wald, der aus einem Märchen oder vielleicht aus einem japanischen Anime stammen könnte. Die beiden Werkkomplexe adressieren das Thema Natur aus entgegengesetzter Perspektive. Nicht, was ihre Haltung dazu betrifft, diesbezüglich verstärken sie sich vielmehr, doch der Einstieg in die Materie geschieht über zwei Welten, die geographisch und physikalisch nicht unterschiedlicher sein könnten: Pilze und Gletscher. 

Michel Comte setzt sich in seiner Arbeit schon länger mit dem Thema Erosion auseinander und hat mit verschiedenen Werken darauf reagiert. Seit dreissig Jahren hält der Schweizer Künstler und international tätige Fotograf das Schwinden der Gletscher fotografisch fest. In Küsnacht liegen 16 schroff gehauene Glasskulpturen aus der Serie «Drifts» am Boden des Hauptraums der Galerie (die 1950er-Jahre-Villa von Theodor Laubi wurde 2017 durch Fuhrimann Hächler umgebaut), den Comte für diese Installation mit Aluminiumplatten auslegen liess. Betritt man diese Fläche barfüssig oder in Socken, findet auf einer ganz unmittelbaren Ebene ein Wandel statt. Die Füsse werden zum Leiter, denn sie nehmen den Temperaturwechsel wahr und schaffen eine Neukalibrierung der Sinneswahrnehmung. Auch die Augen folgen instinktiv dem stetig sich verändernden Lichtspiel im Raum, das durch die Durchlässigkeit des Werkstoffs Glas intensiviert wird. Die roh wirkenden Glasblöcke erzählen von den radikalen Kräften, die in der Natur wirken, führen aber zugleich die feine kristalline Struktur von Eis vor Augen. Wir erfahren dadurch auch etwas über die Fragilität unserer Erde. In dieser Spannung zwischen Staunen und Mitgefühl liegt auch die besondere Schönheit dieser amorphen Gebilde. 

Je nach Tageszeit und Entfernung oszillieren die Skulpturen von Michel Comte zwischen blickdichten Steinen und lichtdurchlässigen Eisblöcken. (Foto: Alessandro D’Angelo, mit freundlicher Genehmigung von Grieder Contemporary)

Dazu im Gegensatz steht die ätherische Anmut der feinen Pilzskulpturen von Melli Ink. Sie arbeitet seit mehreren Jahren mit einem Glasbläser zusammen, der basierend auf ihren Skizzen die verrücktesten Glasartefakte anfertigt. Angeregt durch das 1904 erschienene Buch «Kunstformen der Natur» von Ernst Haeckel ersinnt die österreichische Künstlerin, die seit mehreren Jahren in Zürich lebt, fantastische Pflanzengebilde. Es erstaunt kaum, dass sie bei ihren botanischen Recherchen auch auf die faszinierende Welt der Pilze stiess. Sie verweist dabei auch auf das wunderbare Buch «Verwobenes Leben» von Merlin Sheldrake, dessen verzweigte und packende Ausführungen unsere Sicht auf diese Lebewesen und ihre Wirkung grundlegend verändern (ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen). Die gemeinsame Herangehensweise durch das Material Glas reflektiert den tiefen Respekt der beiden Künstler für die Schönheit und Komplexität der Natur. Die Installation «Enchanted Forest» findet physisch in einem klar definierten Raum statt – sein architektonischer Ausdruck unterstützt die Wirkung der Kunst übrigens sehr schön. Die Werke erweitern aber auf einer universellen Ebene auch unsere Denkweise, indem sie Materie eine neue Gestalt geben. Kunst ist kein Luxus, sie ist die Basis für Veränderung.

Im Anbau von Fuhrimann Hächler (2017) sind die Galerieräumlichkeiten untergebracht. Im Wohnhaus von Theodor Laubi leben der Galerist Damian Grieder und seine Frau Melli Ink. (Foto: Valentin Jeck)

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