Heiliger Beitrag

 Jenny Keller
28. Mai 2018
Die «Morning Chapel» von Ricardo Flores und Eva Prats. Bild: Alessandra Chemollo
Jedes Jahr gibt es Neulinge auf der Architekturbiennale. Dieses Jahr sorgte der Vatikan für Aufregung und Pilgerscharen.
Auf der kleinen Insel San Giorgio Maggiore in Venedig stehen seit letzter Woche zehn Kapellen von zehn Architekturbüros aus fünf Kontinenten*. Inspirationsquelle des vatikanischen Auftritts ist die Waldkapelle von Gunnar Asplund auf dem Friedhof von Stockholm. Die Kappellen von Venedig entstanden unter der Ägide des Kardinals Gianfranco Ravasi, dem Präsidenten des pontifikalen Kulturrats. Die Kuratoren sind Francesco Dal Co und Micol Forti. In einem kleinen Wäldchen, umgeben vom Wasser haben grössere und kleinere Architekten sich der begehrten Bauaufgabe «Kapelle» widmen können. Jedem Architekten wurde ein Hersteller zur Seite gestellt, der den Entwurf auf die eine oder andere Weise mit prägt.

Anlässlich der offiziellen Eröffnung am vergangenen Freitag staunte man ob der Pilgerscharen, die in überfüllten und überhitzten Vaporetti die Reise nach San Giorgio Maggiore antraten (zum Glück nur eine Haltestelle vom anderen Ufer entfernt). Die riesige Masse musste am Eingangstor kanalisiert werden und einer Prozession gleich schritt man zu den einzelnen Kapellen, die je nach Name des Architekten mehr oder weniger Jünger fanden. Smiljan Radics Beitrag war kaum zu betreten, Edouardo Souto de Mouras Steinkapelle musste mehr Besucher hinnehmen als der Raum ertrug, und Norman Fosters lichte Holzstruktur wurde just in dem Moment von hohen Würdenträgern geweiht, – einer davon der Auftraggeber Kardinal Gianfranco Ravasi, als wir auch dort waren – und so gab es fast kein Durchkommen. Wer dachte, wir hätten längst Ersatz für die Religion gefunden, sah sich an dem Abend vom Gegenteil überzeugt. Es schien, Katholizismus sei das neue Yoga. 

Ein Besuch der Insel San Giorgio lohnt sich an einem ruhigen Morgen oder Abend bestimmt mehr. Die spirituellen Räume, die als 1:1-Situation erlebt und begangen werden können, sind einzigartig. Die Bauaufgabe ebenfalls. Kein Architekt würde wohl den Auftrag für eine katholische Kapelle ausschlagen, auch wenn der Auftraggeber nicht über alle Zweifel erhaben ist. Auf dem Experimentierfeld des Vatikan auf San Giorgio ist auf jeden Fall sehr eindrücklich zu erleben, was verschiedene Architektinnen und Architekten aus ein und derselben interessanten Bauaufgabe am selben Ort machen. Es ist beinahe wie an einer Diplomausstellung. 
Venedig nicht Capri. Bild: Alessandra Chemollo
Norman Fosters Kapelle ist in Wirklichkeit besser als auf Bildern. Dazu bei trägt der betörende Jasmin-Duft, der sich an der Holzstruktur rankt. Bild: Alessandra Chemollo
Die Kapelle von Sean Godsell mutet sehr technisch an und ist raffiniert einfach. Bild: Alessandra Chemollo
Ein eher klassischer Ansatz bei Souto de Moura. Bild: Alessandra Chemollo
Andrew Bermans Kapelle. Bild: Alessandra Chemollo
Der radikalste Beitrag (zwei Kreuze und ein Auflager aus Beton) stammt von Carla Juaçaba aus Rio. Bild: Alessandra Chemollo

*Mitwirkende Architekten
Sean Godsell, Australien
Carla Juaçaba, Brasilien
Smiljan Radic, Chile
Francesco Cellini, Italien
Teronobu Fujimori, Japan
Javier Corvalán, Paraguay
Eduardo Souto de Moura, Portugal
Eva Prats & Ricardo Flores, Spanien
Norman Foster, UK
Andrew Berman, USA

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