Hermann Czech in Zürich

 Susanna Koeberle
9. November 2018
Lokal Salzamt, Entstehungszeitraum: 1981–1983. Bild: Gabriele Kaiser
Anlässlich der Präsentation seiner neu erschienen Monographie kam der Wiener Architekt nach Zürich.
Es gibt Architekten, die bauen einfach. Allgemeinplatz, werden Sie denken. Aber auch die Architektur ist nicht gefeit vor den Versuchungen der grossen Gesten und der medialen Inszenierung. Baukünstler verwenden dafür zuweilen mehr Energie als für das Kernbusiness – das Bauen oder Entwerfen eben. Heute mehr denn je. Die grosse Geste ist nicht Hermann Czechs (*1936) Ding. «Nicht mehr als notwendig», soll Mozart geantwortet haben, als ihm Joseph II. vorwarf, seine Oper habe zu viele Noten. Diese Anekdote, die der Wiener Architekt anlässlich der Präsentation seiner neu erschienenen Monographie in der Buchhandlung «Never Stop Reading» zum besten gab, ist zugleich eine gültige Beschreibung für Czechs Haltung zur Baukunst. Diese Zurückhaltung ist allerdings nicht sehr gut zu vermarkten. Seine Projekte seien nicht gerade fotogen, gab die ebenfalls anwesende Autorin der Publikation, Eva Kuß, zu bedenken. Man müsse sie sehen, um sie zu verstehen. Keine «instagrammable» Architektur also.

​Wer jemals in einem von Czech entworfenen Lokal war (und das sind in Wien einige), weiss wovon sie spricht. Trotz der häufig engen räumlichen Verhältnisse wirken diese Orte nie klein. Der Umgang mit Raum und Licht ist virtuos, auch wenn – oder gerade weil – er schlicht und unspektakulär ist. Czech arbeitet mit einfachen «Tricks» wie Spiegeln oder dem Glanz eines Farbanstrichs, was «virtuelle Räume» erzeugen würde, wie es der Architekt ausdrückt. Wobei er das Wort Trick nicht mögen würde, denn Architektur soll ihre Verbraucher nicht manipulieren oder gar betrügen. Sachlich soll sie sein. Oder einfach schön. Doch bei aller Sachlichkeit: Einfach «nur» funktional sind Czechs Räume nie. Funktion sei nämlich einer der irreführendsten Begriffe in der Architektur, vor allem seine Koppelung an das Wort «Form». Dass letztere der Funktion folgen solle, hält er für schwachsinnig. «Die Funktion ist ja nicht vorher da, man muss ganz einfach mit den Mitteln arbeiten, die da sind», findet der Architekt. Paradoxerweise entsteht für Czech gerade aus Sachlichkeit eine gewisse Heterogenität, also eben keine klinisch toten Räume, sondern lebendige, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Nicht primär der Entwurf als kreativer, künstlerischer Akt steht dabei an erster Stelle, sondern das Finden der bestmöglichen Lösung. Eine Architektur, die passt – wie die Wiener sagen würden.
Hermann Czech in seinem Atelier, Singerstraße. Foto: Gabriele Kaiser
Die Diversität des Werks von Hermann Czech bringt auch das Buch von Eva Kuß sehr gut zum Ausdruck. Während ein erster Teil das kulturhistorische Umfeld (nämlich Wien) untersucht, beleuchtet der mittlere, biographische Teil die Anfänge des Architekten. Dann folgen verschiedene Projektbeschreibungen sowie ein vollständiges Verzeichnis von Czechs Bauten, Projekten und Schriften. Ein Essay der Wiener Philosophin Elisabeth Nemeth über das Verhältnis von Architektur und Philosophie im Werk Hermann Czechs rundet den Band ab.

Hermann Czech: Architekt in Wien
Kuß, Eva. Mit einem Vorwort von Liane Lefaivre und einem Essay von Elisabeth Nemeth
Park Books, 2018
Gebunden
456 Seiten
ISBN 978-3-03860-001-5

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