Jacques-Gros-Chalet ist umgezogen

 Manuel Pestalozzi
8. Januar 2018
Nicht mehr hier – und doch noch da. Der repräsentative Chaletbau musste seinen Standort in Teufen, über der Hauptstrasse mit dem Gleis der Appenzeller Bahnen, räumen. Bild: www.villatobler.ch
1904 erbaute der Heimatstil-Architekt Jacques Gros für einen Fabrikanten eine Villa in Teufen (AR). Jetzt wurde sie in ein kleines Appenzeller Tal verpflanzt und sucht nach Bewohnern.
Der Chalet-Spezialist Jacques Gros (1858-1922) war ein «Unterländer», der sich zum Hauptexponenten des Schweizer Holzstils hocharbeitete und dessen Karrierestationen, der Epoche angepasst, jenen von Peter Zumthor nicht ganz unähnlich sind. Sein bekanntestes Werk ist das Kurhaus oberhalb von Zürich, das heute als «Dolder Grand» zu den ersten Adressen der Limmatstadt zählt.
 
1904 liess sich der Stickereiindustrielle Fritz Tobler von Gros ein Villen-Chalet errichten, auf dem Eggli in der Ausserrhoder-Gemeinde Teufen, in prestigeträchtiger Lage oberhalb der Hauptstrasse nach St.Gallen. Nun steht auch im Appenzellerland eine Verdichtung an; die Villa wurde durch die Gemeinde zum Abbruch freigegeben. Als ein Bauunternehmer mit seiner Familie davon Wind bekam, setzte er alles daran, die Bausubstanz zu erhalten. Grundsätzlich sind Chalets ja vorfabrizierte Fertigbauten und lassen sich beliebig auf- und abbauen.
Der neue Standort befindet sich ebenfalls im Kanton Appenzell-Ausserrhoden, in einem bewaldeten Taleinschnitt. Bild: www.villatobler.ch
Abholen, zwischenlagern, neu aufbauen
Nach dem Anmelden des Interesses an der Bausubstanz und einer längeren Wartezeit, erhielt die Familie die Erlaubnis, jene Teile des Gebäudes zu demontieren und mitzunehmen, die sie wünschten. Die Wahl fiel auf die Fassaden der beiden oberen Geschosse und die Dachkonstruktion mit ihren zwei Türmchen. Die neuen Besitzer mussten diese Elemente zwischenlagern. Zwar fanden sie einen neuen Standort im Nordwestzipfels des Gemeindegebiets von Lutzenberg, hart an der Kantonsgrenze oberhalb der St.Galler-Gemeinde Thal. Doch für die Baubewilligung am Siedlungsrand, aber ausserhalb der Bauzone, brauchte es Geduld. Sie wurde schliesslich aufgrund der bauhistorischen Bedeutung der eingelagerten Villenbestandteile erteilt.
Die Silhouette kommt auch am neuen Standort gut zur Geltung. Bild: www.villatobler.ch
Der Holzbau ruht nun auf einem neuen Sichtbeton-Sockel, der gleichzeitig als Terrasse dient und auf der Talseite nach oben mit einer Zinne abgeschlossen ist. Nach Süden orientierte Dachflächen auf der Hangseite wurden mit Photovoltaikmodulen ergänzt. Die Villa befindet sich nun nicht mehr wie in Teufen nahe des allgemeinen Geschehens sondern etwas abseits an einem lauschigen Plätzchen. Doch die Lage und die Setzung des neu aufgebauten Volumens sind mit Bedacht bestimmt worden, die von Gros so aufwendig gestaltete Silhouette kommt dank der erhöhten Lage auch in Lutzenberg gut zur Geltung. Ortsunkundige werden wohl denken, Gros habe die Villa explizit für diesen Standort entworfen. Sie steht jetzt zum Verkauf.
 
Die schwungvolle Darstellung des Architekten lässt seine Nähe zum Jugendstil erkennen.

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