Kristin Feireiss ist eine Institution in Sachen Baukultur. Am 1. Juli wurde sie 80

Falk Jaeger
5. Juli 2022
Zaha Hadid, Patrik Schumacher und Kristin Feireiss im Jahr 1992. Auch für die spätere Pritzker-Preisträgerin war die Berliner Galeristin eine wichtige Wegbereiterin. (Foto: Regina Schubert)

Kristin Feireiss wird international zu Vorträgen, Symposien und in Preisgerichte eingeladen, so auch in die Jurys des renommierten Pritzker-Preises und der Biennale von Venedig. Die TU Braunschweig verlieh ihr die Ehrendoktorwürde und der deutsche Bundespräsident heftete ihr das Bundesverdienstkreuz am Bande ans Revers. Doch begonnen hatte alles mit einer gescheiterten Idee: 1980 gründete die gebürtige Berlinerin Kristin Feireiss in der Grolmanstrasse am Savignyplatz, dem Kultur-Hotspot Westberlins («Paris Bar»), gemeinsam mit der Architektin Helga Retzer die Architekturgalerie Aedes. Damals hatte die Postmoderne ihre hohe Zeit und mit ihr die Architekturzeichnung. Blätter von Oswald Mathias Ungers, Zaha Hadid, Hans Hollein und vielen anderen mehr wurden zum gewinnversprechenden Handelsgut. Die überall gegründeten Architekturmuseen rangelten um die Vor- und Nachlässe berühmter Baukünstler. Feireiss und Retzer wollten mitmischen. Neben der Galerie Max Protetch in New York gab es kaum private Konkurrenz.

Kristin Feireiss und Helga Retzer im Jahr 1980 (Foto: Nina von Jaanson)

Peter und Alison Smithson, Peter Cook, Giorgio Grassi und Rem Koolhaas waren die ersten Ausstellungen gewidmet, allesamt erstaunlich prominente Namen für einen Neubeginn. Feireiss wollte mit Originalzeichnungen handeln, und es blutete ihr das Herz, als der junge Christoph Mäckler 1987 bündelweise Handskizzen auspackte und mit den schönen Originalen die Wände tapezierte. Aber der Markt entwickelte sich nicht, und die Idee, mit Architekturzeichungen Geld zu verdienen, ging nicht auf.

Doch die Freude an hochkarätigen Architekturausstellungen blieb. Auch als die Partnerin Helga Retzer 1984 unerwartet verstarb, machte Kristin Feireiss unverdrossen weiter. Sie organisierte zunächst ein halbes Dutzend, in den 1990er-Jahren schliesslich bis zu 28 Ausstellungen pro Jahr. Bis heute sind so weit über 500 zusammengekommen. 400 Ausgaben der kleinen, quadratischen Kataloge sind mittlerweile erschienen, eine bibliophile Reihe von erstaunlicher Kontinuität und internationalem Renommee.

Zaha Hadid, Kristin Feireiss, Odile Decq und Francine Houben im Jahr 2002 (Foto: Aedes)

Die Galerie Aedes zog 1988 in die S-Bahnbogen am Savignyplatz, 1995, einige Jahre nach der Wende also, an den Hackeschen Markt in Berlin-Mitte und 2006 auf den Pfefferberg nach Friedrichshain auf den Aedes Network Campus Berlin (ANCB). Dort etablierte sich das Aedes Architecture Forum mit dem Aedes Metropolitan Laboratory, das internationale Workshops und Symposien zum Beispiel über Städtebau in Zusammenarbeit mit Hochschulen aus aller Welt veranstaltet. ANCB-Co-Direktor ist seit 1994 Kristins Partner Hans-Jürgen Commerell.

Ihre Lebensgeschichte hat die frühere Journalistin Kristin Feireiss in einer lesenswerten Biografie niedergeschrieben («Wie ein Haus aus Karten. Die Neckermanns – meine Familiengeschichte», Ullstein, 2012). Kristin Feireiss ist, nachdem ihre Eltern und ihr Bruder 1948 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen, bei ihrem Onkel Josef Neckermann aufgewachsen. Sie hatte keine glückliche Kindheit in der Familie des obsessiven Versandhausmagnaten, mit der sie heute nichts mehr verbindet. Dennoch ist das Buch keine Abrechnung, sondern ein einfühlsames Familienepos, in dem man Heikles nur zwischen den Zeilen liest. Aber es erklärt ihre Prägung, ihre Zielstrebigkeit, ihre feste Haltung und offenbart ihr warmherziges Wesen.

Kristin Feireiss in der Ausstellung «architektonische Situationen, z.B. Häuser, Hans-Dieter Schaal», 1981 (Foto: Hermann Kissling)

Es ist das Geheimnis ihres Erfol­ges, dass sie mit allen Men­schen – selbst mit Architekturschaffenden – locker umge­hen kann. Architekten sind ja fast Künstler und deshalb auch fast so schwierig im Umgang. Wenn ein Architekt mit der bösen Welt fertig ist – Kristin richtet ihn auf. Wenn ein Baukünstler mit allen Kritikern und ganzen Redaktionen im Clinch liegt – Kristin kann noch immer mit ihm. Wenn einer glaubt, er sei der Grösste – Kristin pflichtet ihm bei und stutzt ihm sanft die Flügel.

Wer hat nicht schon alles in der Galerie Aedes ausgestellt? Und keinen stört es, dass ihm vielleicht gerade der Name seines Intimfeindes auf dem Katalog der Aus­stellung zuvor entgegenleuchtet. Architekten unterschiedlichster Positionen von Frank O. Gehry bis SANAA, von Dominique Perrault bis Tadao Ando, von Volkwin Marg bis Ai Weiwei, von GRAFT bis Gottfried Böhm sind bei Aedes aufgetreten. Kaum ein berühmter Name fehlt. Letztlich ist es an Kristin Feireiss zu entscheiden, wer eingeladen wird, und es geht ihr immer um architektonische Kultur. Aus diesem Grund wird auch die Arbeit von Institutionen und Hochschulen ausgestellt und vor allem die noch unbekannter junger Architekten, für die Aedes schon oft das Sprungbrett war.

Helle Juul und Kristin Feireiss, 1986 (Foto: Aedes)

Finanziert werden alle Aktivitäten von Aedes und des ANCB jeweils projektbezogen durch Sponsoren, Botschaften, Stiftungen, aber auch durch Zuwendungen der Architekten – ein nach wie vor mühsames Geschäft. Finanzmittel vonseiten des Berliner Senats hat es nie gegeben, obgleich sich dieser gerne mit der weltweit bedeutendsten und am längsten existierenden privaten Architekturgalerie schmückt. 

1996 wurde Kristin Feireiss überraschend zur Direktorin des Niederländischen Architekturinstituts (NAI) in Rotterdam berufen, das lange vor sich hingedümpelt hatte. Feireiss lernte Holländisch und zündete ein Feuerwerk an Aktivitäten und legendären Ausstellungen. Sie sprengte mit den Mitteln und dem Personal, die sie ausgehandelt hatte, den Rahmen üblicher Architekturausstellungen. 2001 sah sie die anstrengende Mission erfüllt. Sie verliess das NAI, das noch lange von dem Aufschwung und den Besucherrekorden zehrte, und ging zurück nach Berlin.

Kristin Feireiss ist als Botschafterin der Architektur eine Institution. Wenn die Baukultur in Berlin und in Deutschland wieder etwas gilt und Franzosen, Ame­rikaner, Japa­ner, ja selbst die Italiener dies anerkennen, so ist das auch ihr Verdienst. Nun feierte Kristin Feireiss am 1. Juli dieses Jahres ihren 80. Geburtstag, und wir schliessen uns den Glückwünschen aus aller Welt gerne an.

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