Landschaft reloaded

Susanna Koeberle
13. April 2022
Die Ausstellung «Akt in der Landschaft» im Belvedere 21 in Wien (Foto: Stefan Altenburger, mit freundlicher Genehmigung von studio rondinone)

«Akt in der Landschaft» ist eine Installation von Ugo Rondinone im Belvedere 21 in Wien. Die multimediale Inszenierung des Schweizer Künstlers schafft eine magische Wirklichkeit, die fremd und vertraut zugleich ist.

 

Eine Landschaft im traditionellen Sinne ist das mit Bestimmtheit nicht. Doch ist Landschaft überhaupt etwas klar Definiertes? Besucher*innen treffen in Ugo Rondinones Inszenierung einer solchen – zumindest insinuiert dies der Titel «Akt in der Landschaft» – auf eine «Landschaft», die ambivalent ist. Genau das macht sie so interessant. Diese künstlich erzeugte Landschaft schafft einen hybriden Raum, der eine starke Sogwirkung erzeugt. Und sie wirkt bis in unsere Seelenlandschaft. Die Ausstellung im Belvedere 21 ist die erste Museumsausstellung des Schweizer Künstlers in Österreich. Bekannt für seine multimedialen und disziplinübergreifenden Interventionen zeigt Rondinone, dass er auch Räume lesen kann. Der ikonische Bau, 1958 von Karl Schwanzer (1918–1975) als Österreichpavillon für die Weltausstellung in Brüssel entworfen, wurde erst Jahre später, nämlich 1962, als Museum wiedereröffnet. 2002 erfolgte die Übergabe ans Belvedere, 2011 die Renovierung und 2018 die Umbenennung in Belvedere 21. 

So ausgeprägt hat man die Schönheit dieses luftigen und fast asiatisch anmutenden Raumgefüges selten erlebt. Die Inszenierung von Ugo Rondinone schafft gleichsam eine Landschaft in der Landschaft. Seine Eingriffe strukturieren und öffnen den Raum – in diesem Fall kein Gegensatz – und tauchen ihn in eine traumähnliche Atmosphäre. Dazu trägt die eigentümliche Lichtstimmung bei, die der Künstler durch das Anbringen einer speziellen UV-filternden Folie an der gläsernen Fassade des Gebäudes erzeugt. Rondinone hatte ganz bestimmte Vorstellungen davon, wie dieses Licht sein sollte, berichtete ein Kurator des Museums bei einer Führung. Diese fand anlässlich der Neueröffnung des dritten Sitzes – nach Zürich und New York – der Galeristin Eva Presenhuber in ihrer Heimatstadt statt. Presenhuber vertritt auch die Arbeit des Schweizer Künstlers.

 

Für die eigentümliche Lichtstimmung in der Ausstellung sorgt eine Spezialfolie an der gläsernen Fassade. (Foto: Stefan Altenburger, mit freundlicher Genehmigung von studio rondinone)

Beim Betreten des Raumes fällt das merkwürdig verfremdete Licht als erstes auf. Wir betreten nicht nur einen neuen Raum, sondern ebenso eine besondere Zeit. Die Beziehung zwischen Raum und Zeit ist ein wiederkehrendes Motiv im Werk des Schweizer Künstlers. Dieses Raumklima hat eine sofortige, entschleunigende Wirkung, wir werden Teil einer surrealen Szenerie, in der die Zeit stillzustehen scheint. Auf diese entrückte zeitliche Dimension deuten auch drei farbige Uhren aus Glas an den Fenstern hin, die bezeichnenderweise ohne Zeiger sind. Auch die sitzenden Figuren aus Wachs, die verstreut im Raum platziert sind, verstärken dieses kontemplative Moment. In sich versunken, träumend und nachdenklich scheinen die 14 Akte – übrigens Abgüsse der Körper einer real existierenden Tanztruppe – uns auf eine Reise in unser Innenleben mitzunehmen, an einen Ort, der nicht «existiert», aber dennoch real ist.

 

Die 14 Akte sind Abgüsse der Körper einer real existierenden Tanztruppe. (Foto: Stefan Altenburger, mit freundlicher Genehmigung von studio rondinone)

Es ist ein Ort, den wir vielleicht öfters besuchen müssten, um den Irrsinn dieser Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Würde uns das «menschlicher» machen? Die vielen Anführungszeichen indizieren, dass wir uns auf einem unsicheren Terrain bewegen. Dennoch erdet diese Installation auf berührende Weise. Wir wissen, dass wir uns in einem künstlich erzeugten Raum befinden, aber es ist, als ob diese Kunst die Kraft besässe, das Koordinatensystem der Erde zu verschieben; uns erlauben würde, die physikalischen Grössen Raum und Zeit in ein Raum-Zeit-Kontinuum aufzulösen, sozusagen hinter die Fassade der vermeintlichen Realität zu blicken. Klingt das arg esoterisch? Oder nach «The Matrix»? Aber in der Tat, wir begegnen in diesem Raum zwei irdenen, über 4 Meter hohen und 16 beziehungsweise 18 Meter breiten Wänden (oder Fassaden), eine davon steht gleich beim Eingang. Der Titel dieser Doppelarbeit «two standing landscapes with sunrise and sunset» ist unmissverständlich: Hier stehen Landschaften kopf. Solch produktive Verschiebungen können durchaus eine heilende Wirkung haben.

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