Le Corbusiers Gesellenstück

 Manuel Pestalozzi
6. August 2018
Die Villa Schwob grenzt sich zum Strassenraum mit einer durchgestalteten, mit den Konturen des Grundstücks spielenden Mauer ab. Bild: Manuel Pestalozzi
Die Villa Schwob in La Chaux-de-Fonds bedeutet für Le Corbusier den Bruch mit Konventionen – und den definitiven Abschied von seiner Heimatstadt. Das Gebäude wirkt 101 Jahre nach seiner Fertigstellung frisch und intakt.
Für den Velotouristen ist das 1917 fertiggestellte Haus leicht zu finden – Google Street Maps führt hinauf zur rue du Doubs, eine der Strassen, die parallel zum Hang verlaufen. Im Gegensatz zu den anderen Häusern Le Corbusiers in La Chaux-de-Fonds, der Maison Blanche für seine Eltern, der Villa Jacquemet und der Villa Fallet, befindet sich das Grundstück dieses Hauses zentrumsnah im berühmten Strassenraster der Stadt, wenn auch am äussersten südwestlichen Rand, wo die begrenzende Strasse quer zum Hang zu einer spitzwinkligen Grundstücksecke führt. Hangseits wird der Strassenraum von den Garagen und niedrigen Werkstattsgebäuden der oberhalb liegenden Mietskasernen aus der Gründerzeit begrenzt, die Nachbarparzelle nordöstlich wurde nie bebaut, man kann dort einen verstohlenen Blick in den Garten der nicht öffentlich zugänglichen Villa werfen. Talseitig ist das Grundstück durch eine hohe Stützmauer und eine Hecke begrenzt, wie das auch bei den anderen Villen in der Nachbarschaft der Fall ist.
 
Die Eingangafassade wurde mithilfe von tracés régulateurs komponiert, die Einfassungs des Grundstücks ist integraler Bestandteil des Entwurfs. Bild: Manuel Pestalozzi
Le Corbusier betrieb damals in La Chaux-de-Fonds ein eigenes Architekturbüro. Er vollendete 1917 sein dreissigstes Altersjahr und war beileibe kein Grünschnabel mehr; bereits war er in den Büros von Auguste Perret in Paris und bei Peter Behrens in Berlin in Kontakt mit den aktuellsten Architektur- und Konstruktionstrends gekommen. 1915 hatte er zusammen mit einem Ingenieur dasBetonskelett-Konstruktions-System Dom-Ino mit den unterzugslosen Decken patentieren lassen. Das Projekt für den Uhrenfabrikanten Anatole Schwob lässt auf den ersten Blick zwar nicht das Genie der späteren Jahre durchscheinen. Trotzdem zeugt die Villa Schwob als symmetrische Komposition von freigespielten Volumen von einem Gestaltungswillen, der eine Emanzipation von hergebrachten Konventionen anstrebt. Auf der Website der Fondation Le Corbusier ist die Villa gut dokumentiert. Skizzen des Meisters, offenbar erst nach Bauende angefertigt, stellen das Werk an den Anfang einer Evolution, die zu den berühmten fünf Punkten führen sollten.
 
Der Eingang offenbart eine vielseitige und solide Materialisierung - und auch eine Suche nach dem «richtigen Stil». Bild: Manuel Pestalozzi
Betrachtet man das Gebäude von der Strasse, so fällt die Solidität in der Ausführung ins Auge. 1986 wurde die Villa von der Uhrengruppe Ebel übernommen und saniert. Man hat das Gefühl, das Haus sei für die Ewigkeit gebaut worden und könne problemlos noch weitere Jahrhunderte überstehen. Der honiggelbe Klinker umhüllt eine moderne Stahlkonstuktion, welche offene Grundrisse zuliess. Presseberichte melden, das Anwesen, das vom Volksmund des ungewohnt exotischen Aussehens wegen den Namen Villa turque erhielt, sei viel teurer geworden als ursprünglich geplant. Dass Bauherr und Architekt in Streit gerieten. Jedenfalls verliess Le Corbusier seine Heimatstadt 1917 endgültig in Richtung Paris und baute nie mehr in La Chaux-de-Fonds.
 
Der gegliederte Gartenraum zeugt von einer sorgfältigen Auseinandersetzung mit der Topographie und dem Strassenraster der Stadt. Bild: Manuel Pestalozzi

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