Macht, Missbrauch und mangelhafte Kommunikation

Jenny Keller
24. Oktober 2018
Gebäude HIL auf dem Hönggerberg. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv. Fotograf unbekannt. Ans_01295 / CC BY-SA 4.0

«Machokultur auf dem Hönggerberg», titelte die WOZ am 18. Oktober und meinte damit, dass gegen einen Architekturprofessoren ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden ist aufgrund von Vorwürfen sexueller Belästigung. Wieso aber redet niemand darüber?

Dem Artikel in der WOZ von letzter Woche ging eine frühere Enthüllung auf Tsüri.chein Interview in der Republik und ein Bericht im Blick vor. Details können dort nachgelesen und sollen hier nicht kolportiert werden. Die Leserschaft erfährt, dass
 

  • der erwähnte Professor mittlerweile suspendiert wurde
  • das aktuelle Verfahren nicht das erste seiner Art sei – die ETH darüber stets schwieg und schweigt
  • alle Interviewpartnerinnen und -partner, die sich in der WOZ dazu äussern, anonym bleiben wollen (!)
  • nicht mal ein Siebtel der Professorinnen an der ETH weiblich ist

Trotz dieser medialen Verbreitung liest man in den Fachmedien nicht viel darüber (Hochparterre erwähnt den WOZ-Artikel beiläufig in einer «Presseschau»). Aber auch aus Architektenkreisen hört man nichts. Wird ein denkmalgeschütztes Gebäude unsachgemäss renoviert, ist die Empörung grösser als wenn Studentinnen belästigt werden. Das empört mich. Deshalb hier ein Anstoss zu weiteren Diskussionen:

Macht und Missbrauch stehen sich leider nahe. Nicht nur an Unis, Hochschulen oder im Geschäftsleben. Deshalb etwas zu verharmlosen, wäre genau so falsch, wie wegen eines schwarzen (oder weissen, männlichen) Schafes eine ganze Profession («die Architekten») zu verunglimpfen. Das Architekturstudium an der ETH ist speziell, ja, so kann man es ausdrücken. Der Habitus (um es mit Bourdieu zu sagen) der Architektenschaft wird zelebriert, von den Professoren, Assistenten und Studentinnen. Man kleidet sich anders als die Physiker vis-à-vis oder die Juristinnen unten in der Stadt, man hat längere Stunden, übernachtet im Zeichensaal etc. Die Gemeinschaft wird durch diese äusseren Verhaltenskodizes zelebriert und auf Seminarreisen gefestigt. Diejenigen, die sich diesem System nicht unterordnen, verlassen den Hönggerberg im ersten Semester freiwillig. Die anderen bleiben und nehmen – ebenfalls freiwillig – ziemlich viel in Kauf, weil Architektur ihre Leidenschaft ist, der sie sich verschrieben haben.

Wir haben uns aber trotzdem gefragt: Gab es bei uns auch Belästigungen im Architekturstudium? Kennen wir eine Kollegin, die einen ähnlichen Vorfall geschildert hat wie denjenigen, der zur Suspendierung des Professors geführt hat? Ich habe in den Nullerjahren studiert, und die Zeiten haben sich anscheinend geändert. Ja sogar zugespitzt. Oder die Betroffenen getrauen sich erst heute, darüber zu sprechen. Beides ist alarmierend. Damals wurde das divergierende Machtgefälle zwischen Professor, Assistent und Studentin (wie es auch im Artikel der WOZ beschrieben wird) bisweilen als seltsam empfunden. Auf jeden Fall von mir. Das Verhältnis zwischen Lehrstuhl und Studentenschaft ist sehr «casual» – und dann wieder total autoritär. Ich zitterte an der Schlusskritik vor vielleicht vernichtenden Worten des Professors und tanzte dann auf der «Wednesdaze» mit dessen Adlaten, die mir während des Semester auch nicht helfen konnten, mir dann aber einen Drink bezahlten. Es war nie ganz klar, weshalb die blonde Kommilitonin mit den langen Haaren stets bessere Noten erhielt, und es wurde gemunkelt, dass die einzige weibliche Assistentin in der Koje mit dem Professor ein Verhältnis hatte.

Vorbilder, gute Vorbilder fehlten auf dem Hönggerberg weitgehend, seien das männliche oder weibliche. Und sie scheinen immer noch zu fehlen. Danach, im Berufsleben geht es genau so weiter: «Die Architektur» gehört nicht zu den fortschrittlichen Branchen. Architektin ist man schliesslich 24/7, Teilzeitarbeit wird kategorisch abgelehnt («das geht nicht als Projektleiter», hört man von allen Seiten und fragt sich, weshalb es denn in anderen Branchen geht), die Löhne sind tief, die Verantwortung hoch. Diejenigen Frauen (und Männer), die «es» geschafft haben, hüten sich, andere zu ermutigen, geschweige denn ihnen Tipps zu geben, wie man Architekturkarriere, Beziehung und allenfalls Kinder – oder schon nur einen Hund oder Hobby – unter einen Hut bringen kann. Von ihnen hört man nur, dass sie es ja auch geschafft haben. Wir erinnern uns: Lux Guyer starb mit nur 55 Jahren an einem Herzinfarkt …

Auch wenn der Vorfall auf dem Hönggerberg schändlich und für gewisse Karrieren hoffentlich schädlich ist, hofft man, dass sich dadurch endlich etwas ändert. Denn, das «Problem» ist ein strukturelles, das im Studium beginnt und danach seinen «natürlichen» Lauf nimmt. Schade um die gute Architektur, die somit verhindert wird, weil gewisse talentierte Architektinnen und Architekten aufgeben. Es ist Zeit für einen Strukturwandel und Zeit dafür, dass sich das überholte System ändert. Die ETH könnte mit gutem Beispiel vorangehen und in der Diskussion um den suspendierten Professor und ähnliche Vorfälle «ihren Mann stehen».

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