Murks am See

Manuel Pestalozzi
15. April 2019
Blick ins Graue beim Bürkliplatz. Bild: Manuel Pestalozzi

Neuigkeiten zum Umbau des Kongresshaus Zürich: Er kostet mehr und dauert länger. Als Gründe nennt das Hochbaudepartement der Stadt eine schlechtere Bausubstanz als erwartet, Zielkonflikte sowie Unschärfen in der Planung.

Just in der Woche, als einer staunenden Allgemeinheit «erste Fotos eines schwarzen Lochs» als grandiose Sensation vorgestellt wurden, traf auch die neueste Meldung über die Ereignisse an Zürichs General-Guisan-Quai ein. Hier handelt es sich im Vergleich mit dem offenbar doch nicht ganz unendlichen Universum zwar nur um ein Löchli. Es wurde schon zig Mal fotografiert, und die Hoffnung besteht fort, dass es einen Boden hat. Aber es ist auch dunkel, zieht Energien an, die gnadenlos verschluckt werden, und lässt alle am Rand je länger je erschöpfter zurück.

Um das Kongresshaus rankt sich mittlerweile eine schon fast endlose, unschöne Geschichte. Vom erstklassigen Architektentrio Haefeli Moser Steiger geplant und 1939 zur «Landi» fertiggestellt, steht es heute selbstverständlich unter Schutz. Ein Projekt vom nicht minder erstklassigen Rafael Moneo hätte es ersetzen sollen. Dieser Plan wurde 2008 an der Stimmurne abgewehrt. Es folgte ein langes Hin und Her um alternative Standorte. 2016 schliesslich kam es zu einer weiteren Abstimmung. Entschieden wurde über Instandsetzung und Umbau des bestehenden Kongresshauses und der angebauten, wesentlich ältere Tonhalle (165 Millionen Franken). Geplant war damals eine Eröffnung im September 2020.

Doch daraus wird nichts. Der Eröffnungstermin ist neu auf März 2021 verschoben. Und 165 Millionen Franken sind zu wenig. Die bauseitigen Mehrkosten werden in der Mitteilung des Hochbaudepartements der Stadt Zürich mit 9,4 Millionen Franken beziffert. Und das ist noch nicht alles: Die Tonhalle-Gesellschaft benötigt zusätzlich einen «einmaligen Beitrag» in der Höhe von 3,7 Millionen Franken zur Deckung der Kosten aufgrund der Terminverschiebung. Woher dieses Geld kommen soll und wer die Mehrausgaben absegnet, lässt die Medienmitteilung unerwähnt. Ein Reporter der NZZ, der an der Pressekonferenz war, meldet, Mitte Mai dieses Jahres werde der Stadtrat über den Kredit entscheiden. Danach müsse sich der Gemeinderat, also das Stadtparlament, mit dem Geschäft befassen. Ebenfalls in der NZZ zu erfahren ist, dass beim zuständigen Architekturteam die Federführung von Elisabeth und Martin Boesch ans Büro Diener und Diener übergegangen ist.

Was sind die Gründe für die Kostenüberschreitung? Wenig ist darüber bekannt. Schlechtere Bausubstanz als erwartet, Zielkonflikte sowie Unschärfen in der Planung sollen die Ursachen sein. Allem Anschein nach hat die Bausubstanz aus den 1930er-Jahren das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. Bei der Ausführung ist damals hinter der sichtbaren Oberfläche wohl nicht alles so abgelaufen, wie man es heute unter dem Label «Schweizer Qualität» gerne der grossen, weiten Welt verkauft. Aber was soll's? Der Bau ist geschützt und sakrosankt. Da wird man wohl mit einer Draghi-Mentalität («whatever it takes») in die Kassenbestände greifen und dem Kongresshaus ein Stützkorsett verpassen, das mit dem Ursprungsbau eigentlich nichts mehr zu tun hat. Das Ereignis wirft auch einen Schatten auf das Projekt Berthold in Zürichs Hochschulquartier: Dort soll das alte Universitätsspital, ebenfalls von Haefeli Moser Steiger geplant und teilweise in den Kriegsjahren, also zu Zeiten der Materialknappheit, realisiert, umfassend erhalten werden, weil es unter Schutz steht. Dessen Bausubstanz wurde schon wiederholt als «marode» bezeichnet. Was man im Namen der Allgemeinheit nicht alles tut für das bauliche Erbe!

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