Naschwand

Manuel Pestalozzi
19. Juni 2017
Bilder: Tiefbau- und Entsorgungsamt der Stadt Zürich

Essbare Architektur ist jenseits von Hänsel und Gretel stets in den Miniatur-Massstab verbannt. In Zürich will das der Stadtrat ändern. Früchte soll man fortan direkt von der Betonwand pflücken.

Die kurze Schlaraffenland-Etappe erstreckt sich entlang der Neufrankengasse in Zürichs Stadtkreis 4, die in jüngerer Zeit mit ihren «Gammelhäusern» in die Schlagzeilen geraten ist. Sie zweigt von der Langstrasse nach Westen ab und führt seit einiger Zeit direkt auf die neue Bahninfrastruktur der SBB zu, genauer: die Rampe Ost der Kohlendreieckbrücke der Durchmesserlinie. Dieser entlang führt sie nach einem Linksknick in die Feldstrasse, eine der Haupterschliessungsachsen des Quarties.
 
Das etwas melancholische Nebensträsschen am Rand des Gleisfelds weckte die Aufmerksamkeit des Zürcher Stadtrats und einstigem «Arena»-Moderators Filippo Leutenegger. Der Leiter des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements und mithin von Grün Stadt Zürich will mehr Grün in der Innenstadt, insbesondere auch Vertikalgrün. Da kam eine von den SBB nicht mehr benötigte Restfläche am Fuss der Brückenrampe, die der Stadt Zürich bis auf Weiteres unentgeltlich zur Verfügung steht, gerade recht. Das Tiefbauamt verbreiterte den Abschnitt der Neufrankengasse und ergänzte ihn mit einem Fuss- und Radweg.
 
Anstatt den Streifen am Fuss der Mauer zu versiegeln, begrünt ihn die Stadt zusammen mit der fünf Meter hohen Wand. Neben dem Weg liegt, knapp unter der Erdoberfläche, eine Gasleitung. Das Tiefbauamt schützte die Gasleitung entlang der Mauer mit Winkelelementen, die gleichzeitig als Pflanztröge dienen. Das in den Trögen gepflanzte Spalier aus Hochstamm-Obstbäumen, Reben und Kletterrosen soll dabei nicht nur optisch Früchte tragen. Voraussichtlich bereits 2019 wird die Quartierbevölkerung an diesem exemplarischen Beispiel leuteneggerschen Vertikalgrüns erste Äpfel, Birnen, Aprikosen, Nektarinen, Zwetschgen und Trauben ernten oder im Vorbeigehen naschen können, frohlockt das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement.
 

Bei der Pflanzung legte auch Stadtrat Filippo Leutenegger Hand an. Wenn es zur Ernte geht, nehmen die Bürgerinnen und Bürger wohl besser ein Leiterli mit.

Das interessante und Appetit anregende Experiment ist auch ein Lehrbeispiel. Die Naschwand wurde von einem lernenden Zeichner Landschaftsarchitektur konzipiert und von lernenden Gartenfachleuten von Grün Stadt Zürich bepflanzt. Letztere werden auch für die weitere Pflege sowie den Obstbaum- und Rosenschnitt verantwortlich sein und mit der Installation Erfahrungen sammeln. Dieser amtlichen Version des urban Gardening mit ihrem spannenden Ansatz wünscht man wirklich Erfolg und Nachahmeffekte.

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