Kultur in Chur

Susanna Koeberle
23. September 2019
In der Ausstellung «Hand Made – Ready Made» zeigt die Galerie Okro Arbeiten von Studierenden der Hochschule Luzern, die im Rahmen eines Workshops entstanden sind. (Foto: Elisa Florian)

Die Galerie Okro in Chur feierte Mitte September 2019 die Eröffnung eines neuen Ausstellungsraums. Das weitläufige Lokal unweit vom Bahnhof ist ein hybrider Raum – eine ungewöhnliche Plattform, die zeitgenössisches Handwerk und Design fördert. 

Dieser Raum ist einzigartig in der Schweiz. An Designläden mangelt es hierzulande zwar nicht – und dies obwohl die Zeiten für Detailhandel nicht rosig sind. Doch auch designinteressierte Kund*innen sind bezüglich zeitgenössischen Entwürfen nicht sonderlich experimentierfreudig. Gefragt sind sichere Werte – sei es auf tiefem wie gerade auch auf hohem Preisniveau. Dies hat zur Folge, dass sich das Angebot vieler Geschäfte auf die immer gleichen Brands beschränkt. Auch die geringe Dichte an Designgalerien mit Fokus Neuzeit sagt einiges aus über den schwierigen Stand von zeitgenössischem Designschaffen. Und dies, obwohl wir in der Schweiz eine lange Gestaltungstradition haben. Auch heute werden an verschiedenen Hochschulen viele begabte Gestalter*innen und Handwerker*innen ausgebildet. Was könnte der Grund sein für diese auseinanderdriftenden Realitäten? Mangelnde Wertschätzung für lokales Schaffen? Oder fehlende Vermittlung? 

Designinteressierte aus der ganzen Schweiz kamen zur Eröffnung der neuen Räumlichkeiten nach Chur. (Foto: Elisa Florian)

Der Architekt Heinz Caflisch glaubt an das Potenzial des Handwerks. Er beobachtete in seiner Umgebung ein wachsendes Interesse an handwerklich gefertigten Objekten. Seine eigene Begeisterung für Handwerk und Kunsthandwerk bewog ihn vor einigen Jahren, den Raum Okro zu gründen. Dies nicht in Zürich oder Lausanne, sondern in seiner Heimatstadt Chur – nicht unbedingt die erste Adresse, die einem spontan einfällt, wenn es um das Thema Design geht. Allerdings darf man kleinere Städte nicht unterschätzen. Ihre Strukturen sind häufig der bessere Nährboden für ungewöhnliche Projekte als pulsierende Metropolen mit teuren Mieten. Der Aufbau des Konzepts für Okro dauerte einige Jahre. Es sei ein zeit- und energieaufwendiger Prozess gewesen, resümiert Caflisch. 

Der Entwurf für den Vorhang (aus Stoff von Kvadrat) stammt von Moritz Schmid. (Foto: Elisa Florian)

Okro ist zugleich Label und Galerie. Mit dem Umbau der neuen Räumlichkeiten soll der Fokus nun vermehrt auf Begegnungen und Veranstaltungen wie Werkgespräche und Vorträge gelegt werden. Darauf setzte der umtriebige Netzwerker schon mit der Eröffnung der Räumlichkeiten Ende 2017, nun sei ein weiterer grosser Schritt getan, so Caflisch. Zur Eröffnung der neuen Fläche gleich neben dem ersten Lokal lud er 50 Design-Fachleute und Liebhaber*innen schöner Dinge ein, ihre «Lieblinge» mitzubringen und zu präsentieren. Die Stücke sollten von jungen Schweizer Designer*innen stammen, konnten aber auch No-Name-Objekte sein. Kein unriskantes Unternehmen, denn so gross ist die Szene in der Schweiz auch wieder nicht. Entstanden ist ein durchaus erstaunliches Panoptikum zeitgenössischer Schweizer Gestaltung. Sehr weise war die Entscheidung, neben dieser gegenseitigen Ehrerbietung von Fachleuten (das kann auch schnell inzestuös daherkommen) eine Plattform für eine weitere Ausstellung zu bieten. 

Und zwar für ganz junge Gestalter*innen. Der Designer Dimitri Bähler war an der Hochschule Luzern im Bereich Design und Kunst in der Studienrichtung Objektdesign als Gastdozent eingeladen. In einem dreiwöchigen Workshop zum Thema «Ready Made» setzten die Studierenden aus vorgefundenen Materialien Objekte zusammen. Daraus entstanden Gebilde von verblüffender ästhetischer und intellektueller Strahlkraft. «Hand Made – Ready Made» zeigt, dass künstlerische beziehungsweise spielerische Strategien als Ideengeneratoren wirken können. Nicht die Funktionalität der «Möbelstücke» stand im Vordergrund, sondern das Ausloten der eigenen Fantasie im Umgang mit der Materia prima von Design. Die Fragmente wurden dabei zu neuem Leben erweckt – auch das eine Message, die gut in unsere von Konsum und Überfluss geprägte Zeit passt. Beide Ausstellungen machen Freude und öffnen die Augen für die Schönheit der Dingwelt jenseits des Mainstreams. Bitte mehr davon!

Für die Ausstellung «Lieblinge» brachten Fachleute ihre Favoriten mit. (Foto: Elisa Florian)

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