Raum schaffen für Diskurse

Susanna Koeberle
25. Januar 2022
Okro zeigt unter anderem Stücke von Studio Eidola. (Foto: Studio Eidola)

 

Das Angebot an Designgalerien oder überhaupt an Plattformen, die zeitgenössisches Designschaffen fördern, ist hierzulande dünn gesät. Umso erfreulicher ist es, dass das Gewerbemuseum Winterthur mit seiner Pop-up-Präsentation ab Anfang Februar 2022 genau diese Lücke schliesst. Während vier Wochen bietet es vier Akteur*innen dieser schwer zu fassenden Branche die Gelegenheit, sich und ihre Arbeit vorzustellen. Hinter Second Nature, Studio David Glättli, Objects with Love und Okro stehen vier Menschen, die sich alle mit grosser Leidenschaft dem zeitgenössischen Design verschrieben haben. Das ist allerdings der einzige gemeinsame Nenner, denn die Tätigkeitsfelder und Modelle von Giovanna Lisignoli, David Glättli, Connie Hüsser und Heinz Caflisch sind ziemlich unterschiedlich. Und streng genommen hat nur Letzterer so etwas wie eine Galerie, die sich zudem abseits der Designmetropolen befindet, nämlich in Chur. Ein Grund mehr, hinter die Kulissen zu schauen. 

Im Gespräch mit den vier Kenner*innen wird deutlich, wie aufwendig das Beraten und Fördern von Designschaffenden ist. Denn obwohl das Vermarkten der eigenen Tätigkeit mittlerweile Bestandteil jeder Designausbildung ist, ist es eine zeitraubende Angelegenheit. Es braucht daher vermittelnde Plattformen. Der Handel mit Designobjekten in Kleinauflagen ist hierzulande nach wie vor ein Nischenmarkt. International hingegen hat sich in den letzen zwanzig Jahren diesbezüglich einiges getan. Deswegen ist es wichtig, die Schweizer Kundschaft für den besonderen Wert von Artefakten zu sensibilisieren, die abseits der Massenproduktion entstehen. Denn gerade solche Objekte basieren auf für Konsument*innen nicht immer nachvollziehbaren Prozessen, etwa auf der engen Zusammenarbeit der Gestalter*innen mit Handwerker*innen oder spezialisierten Betrieben. Das kann wie im Fall von Heinz Caflisch lokales Know-how sein. Oder es können wie bei David Glättli, Connie Hüsser und Giovanna Lisignoli Kooperationen sein, die länderübergreifend sind. 

 

Eine erste Präsentation verschiedener Objekte fand im Zürcher Studio von David Glättli statt. (Foto: Michel Giesbrecht)

 

Der ausgebildete Designer David Glättli lebte 13 Jahre lang in Japan und war in unterschiedlicher Funktion für verschiedene Kunden tätig. Nach wie vor arbeitet er für den Hersteller Karimoku New Standard und die Firma Tajimi Custom Tiles, beide mit Sitz in Japan. Letztes Jahr kehrte Glättli in die Schweiz zurück und möchte die Brücke zwischen japanischem Handwerk und europäischer Gestaltung ausbauen. Sein Fokus liegt auf der Schnittstelle zwischen Handwerk, Design und Kunst; zweimal jährlich wird er in seinem Studio kleine Ausstellungen mit aktuellen Projekten machen. In Winterthur wird er «Strandgut», wie er es nennt, aus dieser vielschichtigen und spannenden Aktivität zeigen, meistens handelt es dabei um Prototypen. Aber auch antike japanische Objekte gehören zu dieser Sammlung. 

Mit ihren «Objects with Love»-Ausstellungen hat sich die Stylistin und Kuratorin Connie Hüsser auch ausserhalb der Landesgrenze einen Namen gemacht. Sie entdeckt regelmässig Talente in Skandinavien oder England und ist eine aktive und leidenschaftliche Netzwerkerin. Sie ist speziell von bunten und ausgefallenen Entwürfen fasziniert und wird in Winterthur eine Auswahl ihrer Lieblinge zeigen, bei denen das Thema Materialität besonders wichtig ist. Es ist erfrischend, ihr beim Erzählen zuzuhören, ihr Enthusiasmus ist ansteckend. Bei ihrer Tätigkeit geht es ihr in erster Linie um das Aufzeigen der Vielfalt und Sinnlichkeit von Design.

 

Connie Hüsser zeigte ihre «Objects with Love»-Ausstellungen auch im ELAC in Lausanne. (Foto: Jimmy Rachez)

 

Die Kuratorin und Designberaterin Giovanna Lisignoli blickt auf eine langjährige Erfahrung im Ausstellen und Vermitteln von Design zurück. Sie war etwa für das Kuratieren des Schweizer Auftritts 2016 an der Design Biennale in London zuständig, für den sie die geladenen Designer*innen mit verschiedenen industriellen Betrieben zusammenbrachte. Nach fast zwanzig Jahren kehrte sie während der Pandemie von London in ihre Heimat zurück. Schon während ihrer Londoner Zeit hatte sie aus Eigeninitiative verschiedene Pop-up-Ausstellungen in der Schweiz kuratiert und organisiert. Häufig ist sie auch beim Entstehungsprozess der Stücke beratend tätig – eine Arbeit, die im Hintergrund stattfindet und für das Publikum unsichtbar ist. Das Begleiten der Arbeit schätzen die Designer*innen, mit denen sie zusammenarbeitet, denn durch langjährige Kollaborationen entsteht ein fruchtbarer Austausch. 

Einen Dialog zwischen Verbraucher*innen und Gestalter*innen möchte auch Heinz Caflisch mit seiner Galerie und seinem Label Okro anregen. Er veranstaltet neben den Ausstellungen in den grosszügigen Räumlichkeiten einer ehemaligen Werkstatt regelmässig Events und vernetzt dabei unter anderem Architek*innen mit Handwerker*innen und Gestalter*innen. Auch er hat Schweizer Designschaffen schon im Ausland gezeigt wie zum Beispiel an der Vienna Design Week 2020 im Rahmen des Auftrittes von Design Switzerland. Für die Präsentation im Gewerbemuseum wird er den Fokus auf die Zusammenarbeit von Handwerks- und Industriebetrieben mit Designer*innen legen. 

Mario Pellin, der zuständige Kurator des Gewerbemuseums Winterthur, nutzte eine Programmlücke, um spontan dieses spannende Thema aufzugreifen. Institutionen können nämlich ebenso ihren Beitrag zu einer lebendigen und vernetzten Szene leisten. Ein vertiefter Diskurs über Design jenseits von Lifestyle ist gerade heute besonders relevant. Und obschon es sich bei den gezeigten Objekten um Kleinauflagen und «Collectible Design» handelt, also um tendenziell hochpreisige und exklusive Stücke, ist eine Reflexion über Herstellung und Wertschätzung von sorgfältig gefertigten Dingen notwendiger denn je.

 

Giovanna Lisignoli präsentiert unter anderem den «Wicker Stool» von Tino Seubert. (Foto: Tino Seubert)

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