Reiches Erbe: Zum Tod von Michael Sorkin

Elias Baumgarten
27. März 2020
Foto © Michael Sorkin Studio

Michael Sorkin ist tot. Er starb am 26. März 2020 an den Folgen einer Infektion mit dem neuen Coronavirus. Wir verlieren nicht nur einen grossen Architekten, sondern vor allem auch einen inspirierenden Denker und einflussreichen Kritiker.

«It is with profound sorrow that we learned earlier today of the passing of one of our most valued and most brilliant faculty members, Michael Sorkin, from complications brought on by COVID-19. The entire faculty, staff and students are united in paying tribute to one of the school’s best-known and celebrated figures, whose contributions to teaching, scholarship and public thought are irreplaceable. He will be deeply missed by the entire community of The City College of New York.»

Lesley Lokko, City College of New York

Es sind dies schwere Tage für die internationale Architekturszene: Nachdem eben Vittorio Gregotti an den Folgen einer Infektion mit dem neuen Coronavirus verstarb, ist nun Michael Sorkin tot. Auch er erlag der Lungenkrankheit. Wir verlieren einen weiteren grossen Denker.

Michael Sorkin studierte Architektur an der University of Chicago und am Massachusetts Institute of Technology. 1980 gründete er sein Büro Michael Sorkin Studio in New York. Sein besonderes Interesse galt der Stadt und ihrer Entwicklung, der Rolle der Demokratie in der Architektur und der Nachhaltigkeit. Mit seinem Team entwickelte er zahlreiche städtebauliche Projekte und Entwürfe für Orte auf der ganzen Welt – viele auch im ostasiatischen Raum, namentlich in China. Sie sind beeindruckend und inspirieren ungebrochen. Im deutschen Sprachraum besonders bekannt ist Sorkins «Hamburg City Portrait» (1999), ein Planspiel in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein. Das Projekt bezog seine besondere Qualität daraus, dass es den Gegenstand einer damals aktuellen und emotional geführten Diskussion aufgriff: die Hafencity.

International war Sorkin vor allem auch als Autor und Architekturkritiker bekannt und geschätzt. Er schrieb unter anderem für die alternative Wochenzeitung The Village Voice, für The Architectural Review, Architectural Record oder auch The Nation. Auch für Schweizer Medien griff Sorkin in die Tasten: Für archithese verfasste er etwa 1990 den Aufsatz «DeGentrification». Doch damit längst nicht genug: Sorkin schrieb über 20 Bücher, darunter «Variations on a Theme Park», «All Over the Map» oder «Twenty Minutes in Manhattan». Zuletzt war er Chefredaktor von Urban Research (UR), dem Verlag des Terreform Center for Advanced Urbanism Research, das er 2005 gründete. Gerade befindet sich das dreizehnte Buch des Verlags kurz vor Druck, es heisst «Open Gaza».

Verdientermassen erhielt Sorkin zahlreiche Preise und Auszeichnungen. 2013 etwa wurde er mit dem Titel «Design Mind» beim «National Design Award» geehrt. Und voriges Jahr erhielt er den «Collaborative Achievement Award» für seine Arbeit im Bereich Urban Design.

Michael Sorkins Tod ist eine weitere traurige Nachricht in düsteren Zeiten; sie stimmt umso schwermütiger. Doch wir dürfen uns auch glücklich schätzen ob des reichen Werks, das er uns hinterlässt. Unser Redaktor John Hill, der in New York lebt, Sorkin kannte und von ihm wesentlich beeinflusst wurde, hat einen schönen Nachruf verfasst. Er verdeutlicht eben dieses grosse Vermächtnis Sorkins.

Michael Sorkin Studio, «Godzilla», Tokio, 1990–92 (Fotomontage via Cooper Hewitt)

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