Richtungsweisende Arbeit an der Agglomeration – Meyrin gewinnt den Wakkerpreis 2022

Manuel Pestalozzi
19. Januar 2022
Die Satellitenstadt Nouvelle Cité der Gemeinde Meyrin wurde von den Architekten Georges Addor, Louis Payot und Jacques Bolliger gestaltet. Sie weist bis heute die ursprüngliche Struktur auf. Künftig soll die Anlage ein Vorbild in Sachen Langsamverkehr, Nachhaltigkeit und Nachverdichtung sein. (Foto © Pierre Marmy / Schweizer Heimatschutz)

In den 1950er-Jahren war Meyrin noch ein unbedeutendes Dorf. Nun hat die Gemeinde den Wakkerpreis gewonnen, denn sie zeigt, wie die nachhaltige Entwicklung der Agglomeration gelingen kann. 

 

Die Gemeinde Meyrin bei Genf wird mit dem Wakkerpreises 2022 geehrt. Ihre Auszeichnung ruft die Arbeit an der Agglomeration in Erinnerung, an jenen Siedlungsgebieten also, in denen ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung lebt. «Meyrin steht sinnbildlich für die führende Rolle der Gemeinden bei der Schweizer Siedlungsentwicklung», sagte Stefan Kunz, der Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes, anlässlich der Vergabe des nach Henri-Louis Wakker (1875–1972) benannten Preises, der in diesem Jahr bereits zum fünfzigsten Mal vergeben wird. Gewürdigt werden stets «bezüglich Ortsbild- und Siedlungsentwicklung besondere Leistungen».

 

Denkmalgeschützte Gebäude wie die Villa du Jardin Botanique alpin (im Bild) oder die gerade im Umbau befindliche Maison Vaudagne werden in Meyrin zu sozialen Zentren umgenutzt, sensibel renoviert und erweitert. (Foto © Pierre Marmy / Schweizer Heimatschutz)

 

In Meyrin fand der Wandel vom kleinen Dorf an einer Strassenkreuzung nordwestlich von Genf zur wichtigen Agglomerationsgemeinde zügig, aber in vergleichsweise geordneten Bahnen statt. Mit der 1858 in Betrieb genommenen Bahnlinie Genf-Lyon, dem 1920 eröffneten Flughafen Genf-Cointrin und der 1954 dort angesiedelten Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) wurde die sanft gegen Nordwesten hin ansteigende Ebene zuerst für Infrastruktur- und Forschungsanlagen genutzt. Bald darauf folgten Wohnbauten für die nun rasch wachsende Bevölkerung: Seit 1950 ist die Anzahl der Menschen, die in der Gemeinde leben, um 1200 Prozent nach oben geschnellt. Ab 1961 begann der Bau der ersten Satellitenstadt der Schweiz: der Nouvelle Cité. Sie entstand als Massnahme gegen die akute Wohnungsnot. 

Der historische Dorfkern von Meyrin, der westlich der Anlage liegt, ist unterdessen gut erhalten. Seine Bauten würden eifrig gepflegt und fortlaufend an neue Bedürfnisse angepasst, lobt der Heimatschutz. Nicht wenige davon haben heute eine öffentliche Nutzung.

 

Der sogenannte Lac des Vernes am nördlichen Ortsrand dient dem Abwassermanagement in der Gemeinde, ist zugleich aber auch ein Biotop zur Förderung der Artenvielfalt und ein beliebtes Naherholungsgebiet. (Foto © Pierre Marmy / Schweizer Heimatschutz)

 

Von Banlieue-artiger Tristesse ist in Meyrin trotz dem schnellen Wachstum und dem unterschiedlichen kulturellen Hintergrund der Bewohnenden keine Spur; das baukulturelle und soziale Potenzial der Nachkriegsarchitektur mit ihren grosszügigen Freiräumen wurde erhalten und geschickt genutzt. Heute wird das riesige Ensemble der Nouvelle Cité saniert und nach klaren planerischen Vorgaben nachverdichtet – hauptsächlich durch Aufstockungen. Dabei wird die ursprüngliche städtebauliche Konfiguration respektiert. Verkehrsberuhigungen und Landschaftsarchitektur-Projekte tragen zur weiteren Aufwertung der Freiräume bei.

 

Die Bevölkerung wurde in die Entwicklung des Ökoquartiers Les Vergers eingebunden. (Foto © Pierre Marmy / Schweizer Heimatschutz)

 

Der Heimatschutz anerkennt mit dem Wakkerpreis 2022 auch die Beteiligungsprozesse, welche die Qualität des Lebens in der multikulturellen Gemeinde steigern. Diese drehen sich auch um eine ökologische, klimaverträgliche Entwicklung in den nächsten Dekaden. So ist das Abwassermanagement mittlerweile beispielsweise in die Landschaftsgestaltung integriert, und eine von der Bewohnerschaft betriebene urbane Landwirtschaft sensibilisiert für lokale Produkte. Die Bevölkerung konnte auch die Entwicklung des Ökoquartiers Les Vergers mitgestalten, das in den letzten Jahren zwischen der Nouvelle Cité und dem Ortskern auf bis anhin unbebautem Land entstanden ist. Genossenschaftswohnungen und von der Bevölkerung getragene öffentliche Angebote prägen das Quartierleben.

Die Auszeichnung für Meyrin ist verdient und dem 50-Jahr-Jubiläum des Wakkerpreises würdig. Mit der Ehrung stehen für diesmal weniger das Erhalten, das Reparieren und die Umnutzen von historischen Bauwerken oder Siedlungsgefügen im Fokus. Vielmehr geht es um den erfolgreichen Betrieb einer Gemeinde als Ganzes und um den Aufbau einer Gemeinschaft, darum, wie Vielfalt zur Stärke werden kann, und um die Beachtung der Anliegen von Menschen und Natur. Mit der Auszeichnung der Gemeinde und der Anerkennung ihrer Ansätze zum Beispiel in der Planung positioniert sich der Heimatschutz überraschend deutlich politisch. Die feierliche Preisverleihung an die Gemeinde findet am 25. Juni 2022 unter der Teilnahme von Bundesrätin Simonetta Sommaruga in Meyrin statt.

 

Auch hochwertige Neubauten finden sich im Quartier Les Vergers, beispielsweise diese Schule von Sylla Widmann Architectes. (Foto © Pierre Marmy / Schweizer Heimatschutz)

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