Schweizer Architektur als Exportgut?

Susanna Koeberle
23. August 2017
Bild: Schweizerisches Architekturmuseum S AM

Gibt es eine Schweizer Architektur? Oder: Was zeichnet Schweizer Architektur aus? Fragen rund um diesen weit gesteckten Themenbereich stellten sich vier Schweizer Architektinnen und Architekten in einer Diskussionsrunde im S AM.

Für einmal waren die weiblichen Vertreterinnen der Baugilde in der Mehrzahl, ein Umstand, der nicht selbstverständlich ist, und deswegen löblich erwähnt werden muss. Den Rahmen für die Diskussionsrunde Anlass bildete die Ausstellung «In Land Aus Land», welche Projekte von Schweizer Architektinnen und Architekten zeigt, die im Ausland realisiert wurden. Partner für dieses Unterfangen war die Zeitschrift werk, bauen + wohnen. Chefredaktor Daniel Kurz und Viviane Ehrensberger vom S AM moderierten den Abend. Für Christine Binswanger, Partnerin bei H&dM, ist Bauen im Ausland nichts Aussergewöhnliches, es gehe dabei nicht darum, eine Schweizer Architektur zu importieren, sondern den richtigen «Klang» zu treffen, der eine Identifikation der lokalen Bevölkerung mit dem Bau erlaube. Auch Fabienne Hoelzel, die jüngste Teilnehmerin der Runde, betonte, sie habe eine globale Sicht auf Architektur und definiere sich nicht primär als Schweizer Architektin. Sie arbeitet in Lagos, wo ganz andere Realitäten anzutreffen sind als hierzulande oder überhaupt in Europa. Da könne es auch vorkommen, dass ein Gebäude dann plötzlich um 90 Grad gedreht werde beim Bau, wie sie lachend erzählte. Was nicht sonderlich schlimm sei.

Werte wie Präzision, die als typisch schweizerisch gelten, sind also nicht per se Garanten für gutes Bauen, das stellte auch Charles Pictet fest, der in Paris zum ersten Mal im Ausland Erfahrungen als Architekt sammelt. Baukultur setzt sich aber nicht nur aus ästhetischen und bautechnischen Faktoren zusammen. Regula Lüscher, die sich als Senatsbaudirektorin von Berlin eher mit politischen Aspekten von Architektur befasst, lobte denn die Diskussionskultur der Schweizer, die im Gegensatz zur deutschen Art nicht polarisiere, sondern nach Konsens strebe. In vielen Bauprozessen in Deutschland sei Verlangsamung ein Vorteil und nicht ein Fluch, wie man zunächst meinen würde. Die Kontrolle über den Bauprozess und die vielen gesetzlichen Auflagen, die in der Schweiz üblich sind, sieht Hoelzel allerdings eher als hinderlich für städtebauliche Entwicklungen. Sie plädierte für weniger Regeln und rollende Planung, denn Städtebau habe in ihren Augen nichts mit Masterplänen zu tun, sondern mit Menschen – und nicht zuletzt mit Zufall. Gegen Partizipation seitens der Bürger hatte Regula Lüscher nichts, es müsse ein Dialog mit der Bevölkerung geführt und Kompromisse gefunden werden.

​Summa summarum hielten alle Beteiligten fest, dass die Erfahrungen im Ausland für sie nur bereichernd seien und die Wahrnehmung auf die eigene wie auch auf fremde Kulturen schärfen würden. Es ist zu hoffen, dass Wissenstransfers und Austausche dieser Art in Zukunft vermehrt stattfinden. Hörte man Hoelzel sprechen, hatte man den Eindruck, dass die Zukunft bereits eingetroffen ist. Zum Schluss des Abends liess es sich Christine Binswanger nicht nehmen zu einer Unterstützung des S AMs aufzurufen, dem das BAK ab 2019 keine Bundesgelder mehr zuspricht. Das ist bedauerlich, denn Diskussionskultur in der Architektur tut not und ist Gold wert.
 

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