Some Like it Hot

Susanna Koeberle
28. August 2020
Archetypische Grundformen und eine komplexe Oberfläche: die drei Glasobjekte aus der Serie «Relief» von Laurin Schaub (Foto: Hansruedi Rohrer)

Die Designgalerie Okro aus Chur zeigt in der Ausstellung «Hot Materials» Arbeiten von Laurin Schaub und Fabio Hendry. Beide Designer sind Materialtüftler.

Wenn Materialien Ausgangspunkt einer Recherche sind, prägen sie die Entwürfe wesentlich mit. Wie sie sich durch Hitze verändern, ist spannend, schafft aber auch Unsicherheiten, was ihr Verhalten betrifft. Zwei Schweizer Designer liessen sich auf dieses Experiment ein. Die Galerie Okro zeigt unter dem Titel «Hot Materials» neue Arbeiten von Fabio Hendry und Laurin Schaub. Beide haben schon mehrmals bei Okro ausgestellt; Inhaber und Gründer Heinz Caflisch ist ein aufmerksamer Beobachter der Szene und trägt mit seiner Arbeit zur Vermittlung von Design bei. Das ist in diesen Zeiten besonders wichtig, denn häufig ist den Konsument*innen zu wenig bewusst, welche Prozesse hinter einem Produkt stecken. 

Der Keramiker Laurin Schaub betrat mit der neuen Serie «Relief» – bestehend aus drei unterschiedlich geformten Glasobjekten – in doppelter Hinsicht Neuland. Sie entstand im Rahmen eines Austauschprogramms in Mexiko. Die Zusammenarbeit zwischen dem Bundesamt für Kultur, dem mexikanischen Glashersteller Nouvel und der Künstlerresidenz «Casa Wabi» wird durch das mexikanisch-schweizerische Duo Torres+Hanhausen betreut. Schaub war für sieben Wochen in Mexiko und arbeitete während zwei davon auch in der Glasmanufaktur Nouvel Studio in Mexiko City. Fünf Wochen verbrachte er in der «Casa Wabi», einem Residenzprojekt des mexikanischen Künstlers Bosco Sodi, das üblicherweise Künstler*innen zur Verfügung steht. Nach einem Pilotprojekt mit den beiden Schweizer Designschaffenden Julie Richoz und Nicolas Le Moigne im Jahr 2017 kam Laurin Schaub 2018 in den Genuss der Residenz in Oaxaca. Die Architektur des Baus stammt von Tadao Ando und die Örtlichkeit muss nicht nur architektonisch etwas Magisches haben, wie mir schon Richoz und Le Moigne nach ihrem Aufenthalt berichteten. Der südlich von Mexiko City gelegene Ort am Meer inspiriert offensichtlich. Manchmal entstehen gute Projekte eben auch durch Denkarbeit.

Die Objekte sind auch zum Gebrauch gedacht. (Foto © Nouvel / Fernando Etulain)

In Mexiko City ging es dann ans Umsetzen der Ideen. Neben der Tatsache, dass sein angestammtes Handwerk komplett andere Abläufe beinhaltet, spielt bei diesem Experiment auch das Überwinden kultureller Unterschiede eine Rolle. Dabei bildet das Handwerk eine gemeinsame Basis für einen fruchtbaren Austausch. Dass die Firma Nouvel vor allem Industrieglas herstellt, liess Schaub in den Entwurf einfliessen. Die Oberfläche der drei Stücke erinnert an Akustikpaneele oder Verpackungsmaterial für fragile Objekte, wie man sie etwa von Eierkartons kennt. Die relativ schweren und industriell anmutenden Stücke werden manuell hergestellt. Sowohl das Anfertigen der Gussform als auch die eigentliche Arbeit mit dem Glas beinhalten aufwendige Prozesse, wobei gerade das stattliche Volumen der Objekte Handwerker und Designer in der Herstellung vor einige Schwierigkeiten stellte. Bis das Endprodukt stand, dauerte es rund eineinhalb Jahre, kommuniziert wurde später per E-Mail oder WhatsApp.

Die drei relativ schweren Objekte aus durchsichtigem Glas haben etwas Skulpturales und faszinieren durch das komplexe Spiel des Lichts, das sich mannigfaltig bricht und nach aussen reflektiert. Das starke Relief variiert in seiner Wirkung je nach Position der Stücke. Diese sind durchaus für den Gebrauch gedacht, etwa um Früchte oder andere Lebensmittel zu platzieren. Liebhaber*innen schöner Dinge sehen in den Glasartefakten vielleicht mehr ein «Objet d’art». Neben den neueren Arbeiten zeigt Okro auch andere Stücke von Laurin Schaub, die seine unkonventionelle und experimentelle Arbeitsweise veranschaulichen.

Neue Leuchte aus der Kollektion «Hot Wire Extensions» von Fabio Hendry (Foto: Marco Rosasco)

Auch die Entwürfe von Fabio Hendry sind durch einen unorthodoxen Approach charakterisiert. Er hat ein Verfahren entwickelt, das er «Hot Wire Extensions» nennt. Durch Hitzeeinwirkung auf Draht und Nylonpulver (ein Material, das sonst nicht recycelt wird) entsteht ein Material mit neuen Eigenschaften. Der Schweizer Designer lebt in London und trat mit seinen Stücken hierzulande erstmals an der Designbiennale 2018 in Zürich auf (damals noch unter dem Namen Studio Ilio). Es entstanden daraufhin neue Kollaborationen, unter anderem mit Second Nature Design Projects oder eben der Galerie Okro. Nach Hockern, Bänken und Stehleuchten entwickelte Hendry nun eine neue Typologie von Leuchten mit neuen Formen in Pastellfarben. Die Arbeiten der beiden Gestalter fordern unsere Sichtweise auf Alltagsobjekte heraus und schaffen eine spannende Symbiose zwischen Handwerk und technikorientierten Fertigungsmethoden.

Drei Formen und Grössen (Foto © Nouvel / Fernando Etulain)

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