Über Schönheit

 Jenny Keller
29. Mai 2018
Ausstellungsansicht von «Thoughts Form Matter» im Österreichischen Pavillon. Bild: Martin Mischkulnig
Den Österreichischen Pavillon bespielen drei Gestalter-Teams. Sagmeister & Walsh sind keine Architekten (sondern Grafiker), deshalb haben wir sie zusammen mit der Kuratorin Verena Konrad zum Gespräch getroffen.
Kein Architekt würde das Wort «Schönheit» in den Mund nehmen. Ihre Installation heisst «Beauty = Function». Wie haben ihre Mitstreiter (LAAC aus Innsbruck und Henke Schreieck aus Wien) darauf reagiert?
Verena Konrad: Die drei teilnehmenden Teams haben ein ähnliches Verständnis des Design-Prozesses. Das sieht man dem Beitrag an. Aber die beiden Architekten-Teams würden nie diesen Begriff verwenden. Bei ihnen heisst es «Atmosphäre» oder «Qualität» – gemeint ist aber dasselbe.

Stefan Sagmeister: Ich finde, wenn man die Holzstruktur von Henke Schreieck hochgeht und sich die Papierfahnen anschaut, dann ist das doch einfach schön. Ein anderes Wort, das wir in unserem Studio auch gebrauchen ist «intentional form». Denn, wenn etwas nicht schön ist, dann ist es doch einfach deswegen, weil sich niemand um dessen Gestaltung gekümmert hat. 

Der Beitrag «Thoughts, Form, Matter» hat einen poetischen Ansatz. Weshalb?
Verena Konrad: Ich finde, es gehört zur kuratorischen Verpflichtung, dass man weiss, wer man ist und wo man sich befindet. Wir sind der letzte Pavillon in den Giardini. Die Besucher haben viel gesehen, wenn sie bei uns ankommen.

Jessica Walsh: Bei uns soll man sich erholen können. Im Film «Beauty = Function» wird zwar viel geredet, aber auf entspannende Art und Weise. 

Stefan Sagmeister: Der Film, seine Geräusche und seine visuelle Erscheinung sind sehr zeitgenössisch.
Ausstellungsansicht von «Thoughts Form Matter» im Österreichischen Pavillon. Bild: Martin Mischkulnig
Im Film sehe ich Typographie, Kuchenartig gebildet, die verschnitten wird. Oder Zuckerperlen, die auf eine Masse fallen und Geräusche erzeugen. Was hat es damit auf sich? 
Jessica Walsh: Wir sind in letzter Zeit fasziniert von diesen sogenannten ASMR-Videos. ASMR steht für «Autonomous Sensory Meridian Response». Diese Videos sind ein grosser Erfolg auf Youtube. Und zwar, weil sie in der Lage sind die Zuschauer wirklich zu entspannen. Wir wollten ein solches Video mit einem Design-Hintergrund machen. Alles, was man sieht, ist mit dem Computer animiert. Zehn Animatoren haben daran gearbeitet.

Wie wird der Film von den Architekten rezipiert?
Verena Konrad: Er ist sehr handwerklich. Und wird wohl einen ähnlichen Einfluss auf die Architekten haben wie gutes analoges Handwerk.
Entspannen mit ASMR. Bild: Italo Rondinella
Ausstellungsansicht von «Thoughts Form Matter» im Österreichischen Pavillon. Bild: Martin Mischkulnig

Der Österreichische Beitrag «Thoughts Form Matter» sei ein Gedankengebäude und setze sich mit der Architektur als intellektuelle Arbeit auseinander, schreibt die Kuratorin Verena Konrad. Räume werden hier auch abseits funktionaler und ökonomischer Zwänge gedacht. Verena Konrad hat LAAC, Henke Schreieck und Sagmeister & Walsh ausgewählt, weil deren Arbeit sich mit gedanklichen und gestalterischen Freiräumen beschäftigt.

LAAC hat dem Pavillon eine gekrümmte, spiegelnde Kreisfläche eingeschrieben, die das symmetrische Bauwerk dezentralisiert. Henke Schreieck stellten eine begehbare Holzkonstruktion in den Raum, die diesen aus neuen Perspektiven betrachten lassen. Sagmeister & Walshs Filme stellen die Frage nach dem ästhetischen Anspruch von Architektur und nach der Notwendigkeit der Schönen im Alltag.

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