Und immer ruft Italien

Cyrill Schmidiger
4. November 2019
Die Buchvernissage fand am 31. Oktober 2019 in der Bibliothek des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft SIK-ISEA in Zürich statt. (Foto: Cyrill Schmidiger)

Italien bildete bis 1900 als sinnlich-intellektueller Sehnsuchtsort den baukulturellen Hotspot. Doch auch in der Moderne – und sogar noch heute – reisen Architekt*innen dorthin, obwohl andere Regionen mit unverbrauchteren Inspirationsräumen locken. Ein soeben erschienener Sammelband fragt nach den Motivationen und Ursachen. Dabei entfaltet er ein breites thematisches Spektrum.

Le Corbusier ging in den Orient, Hermann Muthesius reiste nach England. Paul Klee besuchte Tunesien, Rainer Maria Rilke hingegen zog es nach Russland: Die intellektuelle Szene Mitteleuropas konzentrierte sich ab 1900 nicht mehr nur auf Italien. Eher mit Bildungsballast und Kanonschwere verbunden, versprach die einst so beliebte Reisedestination nichts Neues. Dennoch blieb sie attraktiv, aber auf eine andere Art als vormals bei der Grand Tour: Architekturtrips nach Italien eröffnen seit der Moderne neue Perspektiven und sind damit vor allem – so denn auch der Buchtitel – «Blickwendungen». Die Autor*innen diskutieren in 21 Essays unterschiedlichste Facetten, so etwa einzelne Routen, Aspekte der Internationalität und mediterraneità oder Fragen der Postmoderne. Das Panorama ist vielseitig, pluralistisch und widersprüchlich, doch nicht komplett: Der globale Blick auf Italien – sei es aus den ehemaligen italienischen Kolonien oder aus Asien – fehlt. Generell ist die Sicht eher mitteleuropäisch, ja deutsch. Der Band resultiert aus einer Tagung, die Ende 2015 in der Bibliotheca Hertziana in Rom stattfand.

Der Sammelband ist 2019 beim Verlagshaus Hirmer erschienen. (Foto: Cyrill Schmidiger)

In der Einleitung machen die beiden Herausgeber Kai Kappel, Professor für Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Erik Wegerhoff, Oberassistent am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) an der ETH Zürich, auf einige Resümees aufmerksam. Mindestens bis zum Ersten Weltkrieg existierte eine kanonisch orientierte akademische Ausbildung, welche grosse Auswirkungen auf die architektonische Italienrezeption hatte. Dabei musste es aber nicht unbedingt zu einer klassizistischen oder eklektischen Gestaltungssprache kommen. Berthold Hub zeigt im Buch beispielsweise auf, wie bei Oskar Wlach (unter dem Einfluss von Max Fabiani) die in Italien untersuchte Protorenaissance zur Richtlinie der Beurteilung von zeitgenössischer Architektur wurde.

Italien ist heute als architektonisches Studienziel oftmals in transnationale Reiserouten eingebunden. Die Faszination für vernakuläre Bauten führt nicht mehr nur in die Region um Neapel mit Capri und der Amalfiküste, sondern dehnt sich auf den gesamten Mittelmeerraum aus. Dass Italien seinen Status als unangefochtener Primus verlor, illustriert Simon Paulus in seinem Beitrag: Nach 1945 führten in Westdeutschland studentische Exkursionen eher nach Skandinavien, in die Niederlande oder nach dem Osten, bevor Italien ab den 1970er-Jahren – gerade mit dem Aufkommen der Postmoderne – erneut populär wurde.

Das Buch umfasst 392 Seiten und 188 Abbildungen. (Foto: Cyrill Schmidiger)

Diese Reisen sind immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Parcours der historischen Grand Tour. Durch die traditionelle Route blieben viele Gegenden lange unentdeckt. So bildete etwa Apuliens mittelalterliche Baukunst im 20. Jahrhundert eine neue Inspirationsquelle. Individuelle Touren brachten generell frische Blicke auf Italien. Das Medium der Fotografie erlaubte zudem aktualisierte Bilder – private und alltägliche, die nun auch die Gegenwartsarchitektur in den Fokus nahmen.

Abbildungen finden sich ebenso im Sammelband. 188 sind es, teils auch in Farbe. Das Buch mit vereinzelten Beiträgen in englischer und italienischer Sprache schafft es, Architekturreisen nach Italien seit der Moderne auf ganz unterschiedlichen Ebenen zu diskutieren. Spannende Biografien, politische Debatten und unbekannte Geschichten bieten dabei bemerkenswerte «Blickwendungen» und erfrischende Perspektiven.

Die beiden Herausgeber Kai Kappel und Erik Wegerhoff diskutierten an der Buchvernissage mit Daniela Mondini (Accademia di architettura Mendrisio), Maarten Delbeke (ETH Zürich) sowie den Architekten Patrick Arnold und Reto Wasser, die kürzlich durch Italien gereist sind. (Cyrill Schmidiger)
Blickwendungen. Architektenreisen nach Italien in Moderne und Gegenwart

Blickwendungen. Architektenreisen nach Italien in Moderne und Gegenwart
Kai Kappel und Erik Wegerhoff (Hrsg.)

170 x 240 Millimeter
392 Seiten
188 Illustrationen
ISBN 9783777433745
Hirmer
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