Unsere Babeltürme

 Susanna Koeberle
12. Oktober 2018
Der Turmbau zu Babel, 1563, Öl auf Holz, Kunsthistorisches Museum Wien © KHM-Museumsverband
Erstmals werden die beiden Turmbau zu Babel-Bilder von Pieter Bruegel in einer grossen monografischen Schau in Wiens Kunsthistorischem Museum gezeigt.
Das Kunsthistorische Museum Wien zeigt mit seiner Bruegel-Ausstellung eine Schau der Superlative: Es ist weltweit die erste grosse monografische Ausstellung zum Werk von Pieter Bruegel dem Älteren. Von den 40 erhaltenen Gemälden des bedeutendsten niederländischen Malers des 16. Jahrhunderts können Besucher nun in Wien 30 sehen, viele davon werden erstmals zusammen gezeigt. Ergänzend dazu kommen die Hälfte der Zeichnungen und Grafiken. Die Fülle der ausgestellten Werke gibt Einblick in die Virtuosität und Originalität dieses Ausnahmekünstlers. Und zwar gleich mehrfach! Das Publikum kann dabei von den Resultaten eines langjährigen Forschungsprojekts profitieren. Dies einerseits in der Ausstellung selber wie auch über eine während der Dauer der Ausstellung frei zugängliche Webseite, die ein Hineinzoomen in die Bildwelt Bruegels erlaubt. Der Reichtum an Pinselstrichen, die je nach Bildebene präzise und detailliert oder locker und frei sind, erschliesst sich auch von blossem Auge. Zum Beispiel bei der Betrachtung der beiden Turmbau zu Babel-Tafelbilder, die nun für die Schau im Kunsthistorischen Museum erstmals wieder vereint sind.

Das ältere der beiden Turmbau-Bilder, der so genannte «Grosse Turmbau»,  stammt aus 1563 und gehört zum Bestand des Kunsthistorischen Museums. Sein vermutlich später entstandenes Pendant, das deutlich kleiner ist, kommt aus dem Museum Boijman Van Beuningen in Rotterdam. Spannend ist, wie unterschiedlich die beiden Bilder sind, obwohl sie exakt das gleiche darstellen. Doch was stellen diese Bilder genau dar? Und wovon handeln sie? Die biblische Erzählung aus dem ersten Buch Moses (Genesis 11, 1-9) berichtet von einem Volk, das eine Stadt und einen Turm bauen will. Dessen Spitze soll bis in den Himmel reichen, was offensichtlich Gott nicht ganz geheuer ist. Er steigt hinab, schaut sich den Bau an und beendet das Ganze. Wie er das macht? Er «verwirrt» die Sprache der Bauenden und verstreut das Volk auf der ganzen Erde. Zwei Dinge führen also zum Baustopp von Babel: die mangelnde Kommunikation und die fehlende Gemeinschaft. Kurze historische Fussnote: Der biblische Turmbau ist nicht identisch mit dem über die beiden Historiker Josephus und Herodot überlieferten Stufenbau des antiken Babylons, sondern geht womöglich auf noch ältere Turmbauten zurück.

​Was macht Bruegel daraus? Er versetzt den babylonischen Turmbau in die Niederlande des 16. Jahrhunderts. Im helleren und älteren Bild können wir dem Bauprozess beiwohnen, es ist im Grunde nichts anderes als ein Baustellenbild. Der monumentale, auf einem Fels erbaute Turm wirkt inmitten der lieblichen Landschaft und einer winzig erscheinenden Stadt  wie ein ungeheurer Koloss. Wir sehen darauf  eine riesige Anzahl Handwerker, die sich mithilfe von allerlei Kränen, Karren, Leitern und anderen Geräten ans Werk machen. Im vorderen Bildteil inszeniert Bruegel den Baustellenbesuch des Bauherren. Das für Bruegel typische Wimmelbild lädt zum detektivischen Inspizieren ein und wirkt zugleich als Ganzes. Es ist ein unglaublich starkes Bild, das trotz seines negativ befrachteten Sujets (es geht schliesslich um die Darstellung der menschlichen Vermessenheit, um das Scheitern eines menschlichen Vorhabens) zuversichtlich stimmt. Es ist wohl auch Ausdruck des Wohlstands von Antwerpen, zu Lebzeiten Bruegels eine der reichsten Städte Europas. War das Bild gar als Warnung vor Grössenwahn zu verstehen?
Turmbau zu Babel, nach 1563?, Eichenholz, Museum Boijmans Van Beuningen © Museum Boijmans Van Beuningen, Foto: Studio Tromp, Rotterdam
Ganz anders die spätere Version. Die Stimmung darauf wirkt eher düster, fast apokalyptisch und könnte auf das Geschehen nach dem Baustopp hinweisen. Der Bauprozess wirkt hier weiter fortgeschritten. Schaut man ganz genau hin, ist ein winzig kleines Detail in der Mitte des Turmes zu erkennen, eine Prozession mit rotem Baldachin (es ist so klein, dass man es auf der Abblidung oben leider nicht sieht). Ein Leichenzug? Egal, wie man diese Einzelheit interpretiert: Bruegel scheint sie ganz gezielt in die Bildmitte platziert zu haben.

​Es sind solche nähere Betrachtungen, die auch ein Nachdenken über die Aktualität der beiden Bilder in Gang bringen. Was sind unsere Babeltürme? Wobei das keineswegs ein Plädoyer gegen Hochhäuser sein soll! Doch müssten wir uns zuweilen nicht überlegen, wie angemessen Bauten sind? Muss es immer um Grösse gehen? Wann wird ein Bau zum Fremdkörper? Was heisst verantwortungsvoll bauen? Was heisst Gemeinschaft beim Bauen, was Kommunikation? Mögliche Fragen, auf die auch diese Bilder keine Antworten liefern können – das steht fest. Man kann sich auch einfach an der Schönheit dieser Kunstwerke erfreuen. Vom Tisch ist das Thema damit aber nicht.
 

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