Vielseitig und prägend: Ferdinand Schuster

Manuel Pestalozzi
27. Oktober 2020
Ferdinand Schusters Bauten, hier die Totenhalle von Veitsch (1967), zeichnen sich durch ein feines Gespür für den Umgang mit Materialien und Oberflächen aus. (Foto © Michael Goldgruber)

Ferdinand Schuster (1920–1972) zählt zu den bedeutendsten österreichischen Architekten der Nachkriegszeit. Bekannt ist er neben seinen Bauprojekten auch für seine Architekturlehre, die er an der TU Graz ab 1964 als Vorstand des Instituts für Baukunst und Entwerfen entwickelte. Ein neues Buch befasst sich mit dem Wirken dieser aussergewöhnlich vielseitigen Persönlichkeit.

Gab es schon je ein Buch über eine Person aus der Architekturwelt, das mit einem Kapitel über den Geigenbau beginnt? «Ferdinand Schuster (1920–1972). Das architektonische Werk. Bauten, Schriften, Analysen» könnte wohl das erste sein. Der faszinierende Einstiegsbeitrag stellt den Mann, dem das Buch gewidmet ist, als Sprössling einer namhaften Geigenbauerfamilie vor, der schon mal am Institut für Kunstgeschichte einen Vortrag über den Bau von Streichinstrumenten hielt. Neben dem Architekturdiplom war er auch im Besitz des Gesellenbriefs der Steiermärkischen Zunft der Musikinstrumentenerzeuger und legte erfolgreich die Meisterprüfung als Geigenbauer ab. Was all das mit Architektur zu tun hat? Nun, Emotion, Präzision, Materialkenntnis, der gute Ton – das sind auch Voraussetzungen für ansprechende, nachhaltige Bauwerke. Schusters Gespür für Materialien und Oberflächen war wie auch seine Fähigkeit, das Miteinander der Nutzer*innen seiner Gebäude zu stimulieren, hervorragend.

Das katholische Pfarrzentrum «Zur Heiligen Familie» (1957) in Kapfenberg-Walfersam besitzt «Betonglaswände», die Ferdinand Schuster gemeinsam mit dem Künstler Mario Decleva entwickelte. (Foto © Michael Goldgruber) 
Ein Monument der Vergänglichkeit: Das Dampfkraftwerk Neudorf-Werndorf I in Neudorf ob Wildon wurde 1966 fertiggestellt. Es ist mittlerweile stillgelegt und wird sukzessive rückgebaut. (Foto © Michael Goldgruber)

Wie das einleitende Kapitel bereits nahelegt, beschränkte sich Ferdinand Schuster, der in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte, nicht auf das Projektieren und Planen von Bauten. Er war aktiv in der Architekturlehre, der Architekturtheorie, war Gemeinderat in der steirischen Stadt Kapfenberg, trat mit seiner Frau über zum evangelischen Glauben und wechselte wieder zurück zum römisch-katholischen. Viel zu früh kam er 1972 am Berg Hochschwab ums Leben. Das umfangreiche Buch will ihm, einer Schlüsselfigur für die Entwicklung der österreichischen Architektur in der Nachkriegszeit, in allen Facetten seines Lebens gerecht werden. Es ist eingeteilt in die drei Abschnitte «Analysen», «Bauten» und «Schriften». Im Analyseteil nimmt seine Tätigkeit als Städteplaner und vor allem als Architekt von Sakralbauten eine wichtige Rolle ein. Das verwundert wenig: Neben seinen Industrie-, Schul- und Wohnbauten gelten Schusters Kirchen als besonders herausragend und richtungsweisend. Um Kirchenbauten geht es denn dann auch im Abschnitt «Schriften» – und um Politik.

Weil sich das Buch mit einer bestimmten Ära und dem Bauen in einer klar abgrenzten Region, der Steiermark, befasst, präsentiert es sich als ungewöhnlich geschlossenes, doch überaus lesenswertes Werk, das in sich ruht.

Ferdinand Schuster (1920–1972). Das architektonische Werk. Bauten, Schriften, Analysen

Ferdinand Schuster (1920–1972). Das architektonische Werk. Bauten, Schriften, Analysen
Daniel Gethmann (Hrsg.)

230 x 295 Millimeter
420 Seiten
500 Illustrationen
Gebunden
ISBN 9783038601838
Park Books
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Am 21. September 2020 wäre Schuster hundert Jahre alt geworden. Neben der Veröffentlichung des Buches fand diesen Sommer darum eine grosse Schau in Graz statt.

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