Vom Boden abgezogen

 Manuel Pestalozzi
19. Juni 2018
Bild: raubdruckerin.de
Spuren, Rillen und Deckel beleben begehbare Unterlagen. Liegt es wenig Schlamm und Dreck, eignen sie sich als Druckvorlagen. Eine Dame die sich selbst als Raubdruckerin bezichtigt, macht sich dies zu Nutze.
Bisweilen sprühen die Funken der Inspiration direkt vom Boden durch die Gegend. Denn manchmal werden wir uns gewahr, welche Schätze sich unter unseren Füssen ausbreiten: spannend gemusterte Schachtdeckel mit unterschiedlicher Durchlässigkeit (von der sich die Wissenschaft der Dolologie ableitet), Scharrgitter aus der Belle Epoque oder auch Fugenbilder von banalen Betonsteinen. Nicht selten haben diese Oberflächen einen Reliefcharakter und bilden somit nutzbare ad hoc-Druckstöcke.
 
Bild: raubdruckerin.de
Emma-France Raff nennt sich «dipl. raubdruckerin» und betreibt unter diesem Titel auch eine Website. Ihre Tätigkeit umschreibt sie als experimentelles Street-Printing-Projekt: Details der urbanen Textur ausgesuchter Städte werden auf Streetwear, Stoffe und Papier gedruckt und somit als ein «persönliches Stück der Identifikation der Träger*innen» auszeichnet. Emma-France Raff entwickelte vor etwas über zehn Jahren gemeinsam mit ihrem Vater, dem Maler Johannes Kohlrusch, ein Konzept, mit Kanaldeckeln zu arbeiten. Später dehnte sie die Auswahl möglicher «Negative» auf Gitterroste, technische Objekte und andere Oberflächen der urbanen Landschaft aus.
 
Bild: raubdruckerin.de
Die Prints werden in einem Low-Tech-Druckverfahren hergestellt, bei dem ausser Malerrolle und Farbe keine weiteren Materialien wie Druckplatten, Siebe oder andere Ressourcen gebraucht werden. Dieser Ansatz ist nach Aussage von Emma-France Raff kritisch und bietet einen alternativen Standpunkt zur heutigen Massenproduktion. Die Vorlagen sind zahlreich und an vielen Orten der Welt vorzufinden. Die Sammlung lässt sich beliebig erweitern, die «Auflage» bleibt stets klein – um das Copyright darf man sich für ein Mal sogar im EU-Raum foutieren. Und das Publikum hat die Gelegenheit, die Strasse auf der Brust zu tragen.
 

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