Woge

Martina Metzner
2. Dezember 2019
Foto: Thomas Mayer

Die Widmung des Inneren nach aussen sichtbar machen: sop architekten aus Düsseldorf haben die Textilakademie NRW neu gestaltet und mit einer textilen Fassade ummantelt.

Um dem Wandel in der Textil- und Bekleidungsindustrie Rechnung zu tragen, haben die Verbände der Nordwestdeutschen (Münster) sowie der Rheinischen (Wuppertal) Textil- und Bekleidungsindustrie eine Textilakademie zur Ausbildung neuer Fachkräfte gegründet. Für den neuen Ausbildungsort investieren die Verbände 20 Millionen Euro. Die Textilakademie NRW befindet sich in der südwestlichen Ecke des Campus Mönchengladbach der Hochschule Niederrhein. Dass es sich um ein besonderes Gebäude handelt, erkennt man bereits von Weitem am silbrig schimmernde Gewebe, das den dreistöckigen Betonkubus umhüllt. «Die Lerninhalte der Akademie werden so nach außen transpor­tiert, und der vielfältige Einsatz von Textilien erlebbar», schreiben die Planer slapa oberholz pszczulny | sop architekten aus Düsseldorf. Die textile Haut ist dabei einzig ein gestalterisches Mittel und trägt nicht zur funktionalen Fassade bei. Alle Fenster liegen hinter der Membrane verborgen und sind, von aussen betrachtet, nur als unregelmässiges Gitter zu erkennen. Lediglich der Eingangsbereich ist unverhüllt und empfängt Schüler und Besucher mit einer Glasfassade. Im Ausbildungszentrum gibt es ein zentrales Atrium, Lehr- und Verwaltungsräume sowie eine Aula.
Während das Gebäude tagsüber dank der lichtdurchlässigen Membran wie ein stoffartiges Gebilde erscheint, treten nachts und bei beleuchteten Innenräumen die unterschiedlich grossen und unregelmässig über die Fassade verteilten Fensterflächen optisch in den Vordergrund.

Visualisierung: formTL Ingenieure
Visualisierung: formTL Ingenieure

Dass sich die vorgespannte Fassade wellenförmig um den Kubus herum bewegt, ist dank der Membran-Seil-Konstruktion möglich, die formTL Ingenieure aus Tübingen entwickelt haben. Die Tragkonstruktion sollte möglichst schlank und unscheinbar sein, so der Wunsch der Architekten. Als formgebende und lastabtragende Elemente sind die Seile vertikal vor der Fassade gespannt, die daran befestigten Stoffbahnen unterscheiden sich in ihrem jeweiligen Zuschnitt voneinander. Die aus einzelnen Stoffbahnen zusammengefügte, rund 2'100 Quadratmeter messende textile Hülle schlingt sich abwechselnd vor und hinter den Seilen um das Gebäude. 
Seile und Membrane sind an einer Konstruktion aus liegenden Stahlbögen befestigt. Die quadratischen Hohlprofile sind mit Konsolen und Schwertern aus Stahl am Gebäude verankert, wobei die Anschlüsse gelenkig sind. Am unteren Abschluss wird die Last direkt in die Bodenplatte beziehungsweise die Decke der Tiefgarage abgetragen. Eine statische Herausforderung war neben den unterschiedlich geformten Stoffbahnen und dem teils grossen Abstand zwischen Hülle und Massivbau auch die Durchdringung der aussen am Gebäude angebrachten Dämmung, erklären formTL Ingenieure.

Foto: Thomas Mayer
Foto: Thomas Mayer

Um das Gewand möglichst leicht wirken zu lassen und gleichzeitig die Konstruktion weitgehend zu verbergen, wurde das Gewebe nicht unmittelbar an den liegenden Stahlbögen befestigt. Die Stoffbahnen klemmen in angeschweissten, gebogenen Stahlleisten. Selbst die Schweissnaht der Membran tritt kaum in Erscheinung, da sie den vertikal gespannten Kehl- und Gratseilen folgt. Die Seile haben oben verstellbare Gewindefittings, mit denen sich das starre Gewebe geringfügig nachjustieren lässt.

Bauherr Textilakademie NRW, Mönchengladbach
Architekt slapa oberholz pszczulny | sop architekten, Düsseldorf
Entwurfs-, Ausführungs- und Genehmigungsplanung, Werkstattplanung für Seile und Membrane formTL ingenieure für tragwerk und leichtbau, Radolfzell
Stahlbaubetrieb (Werkstattplanung Stahl) Lamparter, Kaufungen
Konfektionär Membrane Koch Membranen, Rimsting 
Materialien Stahl: S355; Seile: Edelstahl-Spiralseile; Membrane: Verseidag B18909 GFM 4000-42 silver

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