Yuusuke Karasawa trifft Mark Aurel Wyss: «Es ist, was es ist»

Ulf Meyer
27. Oktober 2021
Das S-Haus in Omiya von Yuusuke Karasawa (links) und der Umbau «Bachmatte» in Gstaad von Mark Aurel Wyss und Nathalie Rossetti (Fotos © Koichi Torimura und Jürg Zimmermann)

Obschon die Projekte des Japaners und des Schweizers zunächst sehr unterschiedlich wirken, bestehen doch Gemeinsamkeiten.


Karasawa-san, Herr Wyss, zwar liegen Japan und die Schweiz viele tausend Kilometer voneinander entfernt und unsere Kulturen sind sehr unterschiedlich, dennoch gibt es einen grossen gegenseitigen Respekt und viel Wertschätzung für einander. Wir freuen uns daher sehr, dass Sie an diesem Austausch teilnehmen und nun miteinander über Architektur diskutieren werden.
Karasawa-san, in Ihrem S-Haus für einen Philosophen in Omiya bei Tokio haben Sie die Idee eines räumlichen Netzwerks in Architektur übersetzt. Es ist ein kompliziertes, ästhetisch «reines» Minihaus. Hat der Begriff des Sehens und Gesehen-Werdens in Zeiten der Pandemie seine Bedeutung geändert?

Yuusuke Karasawa: Das Haus ist zwar komplett verglast, aber ringsherum mit Spiegelvorhängen versehen. Sie sind von aussen undurchsichtig, lassen aber von innen Blicke nach draussen zu. Es handelt sich um spezielle Polyestervorhänge des Textildesigners Yoko Ando.
Aufgrund der Corona-Pandemie empfiehlt die japanische Regierung den Menschen noch immer, möglichst im Haus bleiben. Obwohl das S-House dafür nicht geplant wurde, ist es jetzt der Hauptaufenthaltsort seiner Besitzer. Die glatten Innenräume mit Wänden aus weissem Gipskarton und Eichenparkett verschmelzen optisch; sie gehen scheinbar nahtlos ineinander über. Das erzeugt die Illusion von Grösse. Die Bewohner können bequem drinnen bleiben und geniessen das Gefühl, mitten im Stadtraum zu sein, obwohl sie sich ungewöhnlich lange im Haus aufhalten.

Treppen verbinden die Etagen miteinander, es entsteht ein komplexes System aus Ebenen. Die weisse Zerbrechlichkeit passt gut zur japanischen Kire-Architektur, was «rein» und «schön» bedeutet. Was denken Sie über den Materialgebrauch im S-House?

YK: Ich bin fasziniert von Ludwig Mies van der Rohe und seinem Materialeinsatz. Im Farnsworth House in Plano, Illinois, kontrastierte er teure Materialien mit abstrakt-weissem Stahl: Travertin und Primaveraholz sind im Servicekern verbaut, Teakholz kam für den Kleiderschrank zum Einsatz. Die Vorhänge sind aus Shantung-Seide. Beim S-House habe ich Sisalhanf und einen zwölf Millimeter starken Eichenboden verwendet und damit den weissen Stahlrahmen ergänzt. Das erzeugt Wärme und angenehme haptische Eigenschaften. Ich denke, dass die hochwertigen Materialien die abstrakte Schönheit des Raums hervorheben.

Yuusuke Karasawa Architects, S-Haus, Omiya, 2013 (Foto © Koichi Torimura)
Foto © Koichi Torimura
Foto © Koichi Torimura

Herr Wyss, Ihr Büro Rossetti + Wyss ist bekannt für schöne Holzgebäude. Die Qualitäten des traditionellen Massivholzbaus übersetzen Sie in eine zeitgenössische Architektur. Wahrscheinlich würden Sie keinen Hightech-Vorhang aufhängen und auch keine Algorithmen für die Gestaltung Ihrer Gebäude nutzen, wie Herr Karasawa es tut. Aber ist die japanische Architektur aufgrund ihrer grossen Holzbautradition dennoch eine Inspiration für Sie? 

Mark Aurel Wyss: Japanische Architektur, Kunst und Ästhetik sind nicht nur faszinierend, sondern auch voller Kultur und Philosophie. Die Verbindung zu unserer Arbeit besteht darin, dass wir versuchen, in jedem Projekt den Kontext und die Umgebung anzuerkennen: Während des Entwurfs verdichten und interpretieren wir die Besonderheiten, um ein klares und nachvollziehbares Ergebnis zu erhalten. Wir schätzen die Einfachheit. Scheinbar einfache Formen erhöhen die Lesbarkeit des Entwurfs und lassen Raum für Gedanken. Dies bezieht sich auf den Begriff des Wabi-Sabi, der in der japanischen Kultur tief verwurzelt ist. Wabi-Sabi ist eine Haltung, die wir in unseren Entwürfen vertreten. Durch sie entsteht Identität wie in der japanischen Architektur, die eng mit Philosophie und Tradition verbunden ist. Diese Herangehensweise erlaubt uns, progressive Gebäude zu entwerfen, die dennoch in der Zeit eingebettet sind. Der Begriff des Wabi-Sabi kann ferner auch den Bezug zur Natur meinen, wenn Gärten und Aussenräume mit dem Inneren verbunden sind.

Herr Karasawa verwendet weissen Stahl für sein S-Haus – was aktuell unter japanischen Architekten recht beliebt ist – und kein Holz. Aber es gibt dennoch eine Ähnlichkeit zwischen ihren Ansätzen – die Idee nämlich, komplexe Geometrien mit einfachen Materialien zu kombinieren. Sie werden immer wieder als neugierig auf der Suche nach dem Spezifischen und dem Einfachen bezeichnet, Herr Wyss. Ist das eine gute Charakterisierung?

MW: Für uns beginnt Architektur mit einer unvoreingenommenen Sicht, denn sie ist nicht banal. In Zusammenhang mit einer Gestaltung von Einfachheit zu sprechen, ist also durchaus ein Kompliment. 
Wir verwenden gerne das Zitat «Es ist, was es ist», um unsere Architektur zu beschreiben. Der Satz zeigt Vertrauen in Materialien und Formen. Die Wahrnehmung des Betrachters wird in den einfachen Räumen nicht durch Dinge irritiert oder beeinflusst, die wir nicht verstehen. Solange wir Kontakt zwischen unseren Sinnen und dem Raum haben, glauben wir an Einfachheit. Unser Ansatz ist eine «kreative Haltung der Zurückhaltung». Die Kraft liegt im Material, in der Form, in der Kombination und der Reflexion. 

Die dynamische Form des Quezon Day Center, eines Kindergartens auf den Philippinen, basiert auf der Verflechtung von Holzbändern. Wände, Decken und Böden sind miteinander verwoben. (Visualisierung © Yuusuke Karasawa Architects)
Visualisierung © Yuusuke Karasawa Architects
Visualisierung © Yuusuke Karasawa Architects

Ihre AWEL-Autowerkstatt in Andelfingen besteht aus 36 grossformatigen Holzelementen, die vorgefertigt und vor Ort miteinander verbunden wurden. Die Wände, der Dachstuhl und die Dachfläche bestehen aus Massivholz. Öffnungen im Dach versorgen die Halle mit Tageslicht und Luft. Sparsamkeit, Gleichgewicht und Integration scheinen dort die prägenden Charakteristika Ihrer Architektur zu sein. 
Bei Ihre Trublerhütte hingegen verknüpfen Sie in beeindruckender Weise Innen- und Aussenraum: Grosse Tore öffnen die Halle zum umliegenden Wald und geben Blicke in die Umgebung frei. Dieser Punkt ist auch in der japanischen Baukunst wesentlich, nicht wahr?

MW: Zuerst möchte ich noch etwas zum Thema Materialien allgemein loswerden: Sie können nicht «schuldig» sein. Es gibt kein richtig oder falsch bei der Auswahl Materialien – nur bei ihrer Verwendung. Wenn Gebäude vorgefertigt werden können, hat das viele Vorteile. Der Eingriff wird zum Beispiel kleiner, die Bauzeit verkürzt sich. Unsere Architektur wird weder durch ein bestimmtes Konstruktionsmittel oder -konzept noch durch eine vorgegebene Ästhetik definiert. Unser Ziel ist es vielmehr, Lösungen zu entwickeln, die eigene Identitäten haben.
In der Geschichte der Frühmoderne in Japan gab es einen wichtigen Katalysator: Frank Lloyd Wright, der (mit Antonin Raymond) viele japanische Architekten beeinflusst hat – besonders mit dem Bau des Hotels Imperial in Tokio, einem interessanten Architektur-Import. 
Für uns ist der Kontext der Schlüssel zum Entwurf: Gebäude sind nicht eigenständig, wir arbeiten mit der Umgebung, der Natur oder der Stadt. Es sollte immer eine Interaktion zwischen dem Inneren und dem Aussenraum geben. Beide Sphären sollten sich gegenseitig befruchten. Mit der Trublerhütte, die Sie angesprochen haben, wollten wir ursprünglich nur einen Unterstand für Hirsche und Füchse bauen – aber letztlich ist aus der Hütte doch ein Haus geworden. Schiebetüren öffnen das geometrisch-strenge Volumen. Sind sie geöffnet, ist das Haus nur ein Dach im und aus dem Wald. Wir haben ganze Baumstämme für die Konstruktion verwendet und deshalb keine Isolierung benötigt.

Karasawa-san, Sie haben früher bei MVRDV in Rotterdam gearbeitet. Kommt die Idee, Wände, Decken und Böden zu verweben wie beim Quezon Day Center auf den Philippinen, um ein ungewöhnliches Bauvolumen zu schaffen, aus Ihrer Zeit in Europa? Lassen Sie sich vom Westen inspirieren?

YK: Ja, insbesondere von Winy Maas habe ich viel über den Umgang mit Formen gelernt. Er sagte mir einmal, ich solle «trockener entwerfen», als ich ein sehr komplexes Gebäude für MVRDV gestaltete. Auf den ersten Blick wirken meine Entwürfe wie das S-Haus vielleicht geometrisch übermässig kompliziert, aber tatsächlich werden ihre Formen mittels einfacher Algorithmen generiert – Sie haben das vorhin schon angesprochen, Herr Meyer. Dies ist eine Analogie zur Natur: Die Wissenschaft zeigt uns, dass auch komplexe Phänomene zumeist auf einfachen Regeln basieren. 
Ich habe aber auch viel von Shigeru Ban gelernt, meinem zweiten Arbeitgeber, für den ich in Tokio tätig war. Er nutzt einfache Geometrien effizient und hält sie überschaubar. Meine Entwürfe vermeiden eine persönliche Handschrift. Sie sehen minimalistisch aus – das liegt sicher auch Einfluss von Winy Maas und Shigeru Ban. 
Herr Wyss, Sie erwähnten eben Wright – wurden Sie denn auch von dessen Architektur beeinflusst?

MW: Ja, natürlich! Die grossen Klassiker der Architekturgeschichte sind wichtige Inspirationsquellen, aber auch weniger bekannte Büros oder Projekte haben ihre Wirkung auf uns. Die Kenntnis der Architekturgeschichte erleichtert die Einordnung der eigenen Werke. Nathalie Rossetti und ich wurden stark von Marie-Claude Bétrix und Eraldo Consolascio geprägt, für die wir früher gearbeitet haben. Der Prozess der Architekturgestaltung ist für uns allerdings wichtiger als Artefakte aus der Vergangenheit – wie etwa von Wright.

Rossetti + Wyss Architekten, Umbau «Bachmatte», Gstaad, 2016 (Foto © Jürg Zimmermann)
Foto © Jürg Zimmermann
Rossetti + Wyss Architekten, Doppelhaus in Zürich, 2012 (Foto © Jürg Zimmermann)
Foto © Jürg Zimmermann

YK: Die feine Linie zwischen Innen- und Aussenraum, die Sie ziehen, erinnert mich an die Tradition des japanischen Teehauses.

MW: Danke! Diese feinen Linien, wie Sie das so schönen nennen, zeugen von gestalterischer Bescheidenheit und haben etwas damit zu tun, wie wir ein Konzept erstellen und wie ein Projekt altert. 
Wenn es darum geht, langfristig Nachhaltigkeit zu schaffen, ist mir Zeitlosigkeit wichtig, was sich im Ausdruck niederschlägt. Das Wort Nachhaltigkeit wird heute extrem überstrapaziert, alles ist angeblich nachhaltig. Wir verwenden stattdessen lieber das Adjektiv «nicht-zeitgebunden». 

Könnten Sie Ihr Verständnis von Nachhaltigkeit bitte an einem Beispiel erklären?

MW: Unsere Trüblerhütte, über die wir eben schon gesprochen haben, war 2007 eines der ersten CO2-positiven Gebäude der Schweiz – aber wir taten das nicht für ein Label oder eine Medaille. Gute Projekte beinhalten mehr als das, was wir sehen. Durch intuitive und intellektuelle Abwägung entwickeln wir Vertrauen – das ist eines der höchsten Ziele, die wir haben!
Ein weiteres gutes Beispiel ist unser Umbau «Bachmatte» der in Gstaad: Das historische Haus basiert auf einem einfachen, aber langlebigen Konstruktionskonzept. Auch nach über 150 Jahren liess es sich wunderbar anpassen und in einen neuen Lebensabschnitt überführen. Die Konstruktion hält nicht nur die graue Energie zurück, das Haus hat auch intelligente Details und eine wundervolle Patina. In einigen Räumen mussten wir nichts anderes tun, als die Struktur freizulegen und sie hernach bescheiden und mit Respekt behandeln. Es ging uns nicht darum, dem Gebäude einen Stempel aufzudrücken, sondern mit den vorhandenen Qualitäten weiterzuarbeiten. Wir müssen Gebäuden kein «Design» aufzwingen, um «ikonische Architektur» zu schaffen. Ein Entwurf kann auch eine Wiederverwendung vorhandener Qualitäten umfassen und diese für heute und morgen transformieren.

YK: Im Westen gibt es eine stärkere Tradition für dichte Fassaden und dicke Isolierung als bei uns in Japan. In der japanischen Architektur geht es nicht darum, stabile thermische Konditionen im Innenraum zu schaffen. Aber den Klimawandel dürfen auch wir nicht ignorieren. Auch in Japan verändert sich momentan die Architektur. Mir scheint, dass die Bedeutung der Dämmung aktuell steigt.

Aufgrund seiner geografischen Lage weist Japan zwar verschiedene Klimazonen auf, hat aber trotzdem eine einheitliche, «nationale» Architektur. Gebäude werden traditionell für einen kurzen Lebenszyklus ausgelegt – ein «Bauen für die Ewigkeit» wie in der Schweiz oder überhaupt in Europa gibt es in Japan nicht. Sind wir gespannt, wie sich die japanische und die Schweizer Baukultur in den nächsten Jahren verändern werden. Denn sie müssen es angesichts der aktuellen Krisen und sozioökonomischen Veränderungen.
Vielen Dank für dieses Interview! Arigatou gozaimasu!

Rossetti + Wyss Architekten, AWEL-Werkstatt, Andelfingen, 2015 (Foto © Jürg Zimmermann)
Foto © Jürg Zimmermann
Yuusuke Karasawa (*1976, Tokio) hat an der Keio University Architektur studiert. Von 2002 bis 2003 arbeitete er bei MVRDV in Rotterdam und in den Jahren 2004 und 2005 bei Shigeru Ban in Tokio. 2006 gründete er ein eigenes Büro in Japans Hauptstadt.
 
Mark Aurel Wyss (*1970, Bern) absolvierte ein Architekturstudium an der ETH Zürich und der Rhode Island School of Design. Von 1995 bis 2000 arbeitete er im Büro Bétrix & Consolascio. 2000 gründete er Rossetti + Wyss Architekten mit Nathalie Rossetti in Zollikon.

Was müssen wir wissen, um gute Holzarchitekturen entwerfen zu können? Mario Rinke und Martin Krammer haben dazu das Buch «Architektur fertigen. Konstruktiver Holzelementbau» herausgegeben. Wir haben die Herausgeber zusammen mit der Produzentin Katharina Lehmann und dem Architekten und Entwurfsprofessor Hermann Kaufmann zum Interview eingeladen.

Unser Autor Ulf Meyer, ein ausgewiesener Experte für japanische Architektur, hat ingesamt fünf Interviews mit Gestalter*innen aus der Schweiz und Japan geführt. Diese werden im Abstand von je vier Wochen als Miniserie auf swiss-architects.com veröffentlicht.

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