Stephan Schütz und Roland Gebhardt: «Für Interimsspielstätten gilt: so einfach und robust wie möglich, aber eben auch flexibel»

Katinka Corts
27. Mai 2021
Innenansicht der künftigen Isarphilharmonie in München (Visualisierung: gmp Architekten)

In München entsteht derzeit ein Interimskonzertsaal, denn das Kulturzentrum Gasteig wird saniert und umgestaltet. Das Projekt ist eine deutsch-schweizerische Koproduktion: Das Architekturbüro gmp und die Firma Nüssli spannen zusammen.

Das Münchner Kulturzentrum Gasteig wird saniert. Währenddessen finden die Münchner Stadtbibliothek, die Volkshochschule, die Philharmoniker, die Hochschule für Musik und Theater und viele freie Veranstalter eine neue Heimat auf dem Stadtwerkeareal an der Hans-Preissinger-Strasse in Sendling. In Anlehnung an die Adresse wird das gesamte Areal HP8 heissen. Der Gasteig nennt sich dort für die Interimszeit Gasteig HP8. 
 
Der Neubau für die Isarphilharmonie verfügt über rund 1900 Plätze und schliesst an die denkmalgeschützte Halle E an. In drei Modulbauten finden weitere Veranstaltungssäle, Übungs- und Büroräume sowie gastronomische Angebote Platz. 
 
Zum Gasteig HP8 und insbesondere auch über die Isarphilharmonie sprachen wir mit Stephan Schütz, Partner im Büro der deutschen Architekten von Gerkan, Marg und Partner (gmp), und Roland Gebhardt, Director Projects des ausführenden Generalunternehmers Nüssli aus der Schweiz.

Herr Schütz, Herr Gebhardt, lassen Sie uns bei der Projektvorgeschichte einsteigen: In Vorbereitung der grossen Generalsanierung des Gasteig gab es ein Vergabeverfahren für das Interimsquartier, an dem sich Architekten als Generalplaner beteiligen konnten. Wie lief das damals ab?

Stephan Schütz: Es gab sogar zwei Vergabeverfahren, das erste Los bezog sich auf die Generalplanung eines Konzertsaals sowie die Sanierung von Halle E als dessen Foyer mit Teilen der Bibliothek und der Volkshochschule, die heute auch im Gasteig enthalten sind. Das zweite Los wurde zeitversetzt dazu vergeben. Hierbei ging es darum, zusätzliche Module für Verwaltung, Musikhochschule und weitere Funktionen auf dem Sendlinger Werksgelände zu schaffen. Das erste Los haben wir mit dem Konzept gewonnen, etwas möglichst Einfaches und Standardisiertes zu errichten, das alle technischen und akustischen Anforderungen erfüllt. In der Bewerbung und in den ersten Gesprächen mit der Bauherrschaft haben wir vorgeschlagen, uns zunächst auf den Konzertsaal zu konzentrieren, damit dieser die hohen Erwartungen des Münchner Publikums erfüllt und internationalen Standards genügt. Alles andere galt es hintenanzustellen und unterzuordnen.

Die Forum-Fläche vor Halle E (Visualisierung: gmp Architekten)

Wie kam es dann zur Zusammenarbeit mit Nüssli?

Stephan Schütz: Erfahrung mit Nüssli hatten wir bei gmp schon aus einem anderen Projekt – wir haben gemeinsam die Arena für den Eurovision Song Contest 2012 geplant und gebaut. Das ging in einem atemberaubenden Tempo – so wie auch jetzt wieder. Wir waren deshalb froh, für das Gasteig-Projekt mit Nüssli einen Partner zu haben, auf den wir uns verlassen können und bei dem wir sicher sind, dass er die Sache und die Terminpläne ernst nimmt.

Roland Gebhardt: Es hat uns natürlich sehr gefreut, dass wir die Ausschreibung mit unserem Umsetzungskonzept gewinnen konnten. Der Gasteig HP8 ist eine Grösse, die auch für uns eine Herausforderung darstellt. Zum Vergleich: Die zehn Länderpavillons, die wir in Dubai für die Weltausstellung realisieren, sind im Auftragsvolumen vergleichbar, bestehen jedoch aus Einzelprojekten mit unterschiedlichen Kunden. Hier haben wir eine einzige Bauherrschaft und ein sehr umfassendes Projekt mit mehreren Teilprojekten und das alles auf einem sehr engen Areal. Dass bei diesem Projekt die Akustik absolut im Mittelpunkt steht, war uns von Anfang an klar. Das betrifft sowohl den Schallschutz nach aussen gegenüber den Anwohnern und in Richtung Park als auch die Raumakustik im Inneren der Philharmonie. Mit Yasuhisa Toyota von Nagata Acoustics, die auch für die Akustik in der Elbphilharmonie in Hamburg zuständig waren, hatten wir absolute Profis an unserer Seite, die uns technisch geführt haben. 
Tatsächlich war uns jedoch der enorme Umfang der Akustik zu Beginn nicht ganz bewusst, denn das Projekt ist weitaus mehr als nur eine «Hülle mit Konzertbestuhlung». Es enthält eine enorm komplexe Haustechnik. Das bedeutet, dass jeder Teil des Projektes, der eine Lärmquelle sein könnte, wie zum Beispiel die Lüftungsanlage, immer auf die Akustik hin abgestimmt werden muss – eine technische Meisterleistung.

Die Isarphilharmonie von der Schäftlarnstrasse aus gesehen (Visualisierung: gmp Architekten)

Kommen wir noch einmal zurück auf das grundlegende Projekt: Die Philharmonie mussten Sie als Interimsbau und in Zusammenhang mit der denkmalgeschützten Halle E planen und entwickeln. Wie haben Sie sich Ihre Planungsziele gesteckt, wo haben Sie Schwerpunkte gesetzt?

Stephan Schütz: Im Zentrum stand die Aufgabe, einen Konzertsaal für München zu bauen – und zwar einen sehr grossen. Meines Wissens handelt es sich um den bislang grössten Interimssaal mit immerhin rund 1900 Frontplätzen. Er soll unter anderem Raum für Sinfoniekonzerte bieten. Denn wenn der Gasteig-Saal für die Sanierung geschlossen ist, wird dieser Konzertsaal der einzige seiner Art in München sein – und das für gleich zwei Orchester von Weltruf wie die Münchner Philharmoniker und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Wir bauen für eine musikliebende Stadt, das Publikum hat hohe Ansprüche und soll für den vorgesehenen Zeitraum von fünf Jahren keine Einschränkungen hinnehmen müssen. 
Ich denke, dass die Fokussierung auf das Essentielle auch spannend ist, weil es jüngeres Publikum einladen wird, in die Isarphilharmonie zu kommen und in einem ganz anderen, wirklich industriellen Rahmen Konzerte zu erleben.

Roland Gebhardt: Per Definition heisst temporär, dass es irgendwann einmal wieder abgebaut wird. Aber temporär zieht in diesem Fall absolut keine Qualitätseinbussen nach sich. Wir haben Anforderungen an Brand- und Schallschutz sowie Akustik, als würden wir für einen Festbau erstellen. Da gibt es keine Unterschiede, denn man kann nicht sagen, wir machen ein bisschen Brandschutz oder ein bisschen Akustik. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man dieses aussergewöhnliche Gebäude später für eine andere Nutzung dauerhaft einsetzen wird. Der Innenausbau ist sehr offen gestaltet. Es gibt keine Bühne im eigentlichen Sinne und auch keinen Orchestergraben. Das bietet viel Flexibilität hinsichtlich möglicher Nachnutzungen. 

Stephan Schütz: Ein Interimsbau wie die Isarphilharmonie ist als Versammlungsstätte nach geltender Bauordnung kein «temporärer Bau» mehr. Dies würde nur für maximal zwei Jahre gelten. Unser Gebäude hat den Notwendigkeiten einer Standzeit von 30 bis 40 Jahren zu genügen. Wir haben uns daher im Sinne der Nachhaltigkeit und der Flexibilität für eine grösstmögliche Modularität entschieden.
Für den Saal verwenden wir grossformatige Holzmodulwände, die 32 Zentimeter dick und je zwei Tonnen schwer sind. Ihre raue Oberfläche wird dunkel lasiert. Der Raum ist als «Schuhschachtel» geplant, das Orchester wird auf einer Frontbühne platziert. Zunächst hatten wir überlegt, einen sogenannten Weinbergsaal zu konzipieren, wie ihn in Deutschland zum Beispiel die Dresdner Philharmoniker haben. München hingegen bekommt einen ganz klassischen Saal, der vielfältig genutzt und bespielt werden kann. Nicht nur Konzerte können dort stattfinden, sondern bei entsprechender Bestuhlung auch Konferenzen, Seminare oder Ausstellungen.

Auf der Baustelle im Mai 2021 (Foto: Manfred Jahreiss)

Sie haben erzählt, dass die Planungen bereits sehr detailliert waren, als das Projekt von gmp an Nüssli übergeben wurde. Als Architekten und Generalplaner hatten Sie ja bereits alle Gewerke «an Bord». Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Stephan Schütz: Es war ein besonderer Moment, als wir unsere Planungsergebnisse an die Firma Nüssli übergeben haben, das stimmt. Der Prozess war sehr gut organisiert. Schaut man sich heute unsere Illustrationen vom Innenraum des Konzertsaals an, also aus der Zeit, bevor Nüssli eingestiegen ist, und vergleicht es mit dem Ergebnis, ist das wirklich absolut deckungsgleich. Es gibt kaum sichtbare Änderungen. 

Roland Gebhardt: Ja, die Anpassungen, die noch notwendig waren, um den Zeitplan einhalten zu können, wurden Corona-bedingt überwiegend in digitalen Meetings besprochen. Aufgrund der sehr straffen Projektplanung wurde meist nur noch über Ausführungsdetails wie die Farben diskutiert, denn gravierende Änderungen wären im vorliegenden Zeitplan nicht mehr möglich gewesen. 
Viele der Fachplaner kennen wir schon lange, und unsere Projektleiter im Team sind Experten im Bereich Konzerte und Bühnentechnik. Wir haben das Glück, mit Leuten zu arbeiten, die sich mit dem Metier auskennen und die wissen, wie anspruchsvoll die Anforderungen an die Akustik und die Beleuchtung sein können. Aber das Tempo, das wir vorlegen, ist für manche Fachplaner herausfordernd: Sie halten unseren Zeitplan für unglaublich sportlich. Aber genau dafür steht Nüssli: kurze Realisierungszeiten bei hoher Qualität. Deshalb bin ich mir sicher, dass wir die Interimsphilharmonie rechtzeitig bis zum Eröffnungskonzert fertigstellen. Und die zusätzlichen Module aus dem Los 2 werden auch bis Ende des Jahres fertig, das ist kein Thema.

Die Interimshalle im Bau, Mai 2021 (Foto: Manfred Jahreiss)

Wie funktioniert es im Architekturbüro, sich auf einen Interimsbau einzulassen? Kostet es Überwindung, wenn man weiss, man baut womöglich etwas, das kein «ewiges» Bestehen hat?

Stephan Schütz: Wenn man ein Interim plant, begibt man sich natürlich auf einen pragmatischen Weg. Man muss bestimmte Restriktionen hinnehmen können. Wie gesagt: Beim Konzertsaal wollten und konnten wir das nicht, da war die Aufgabe ganz klar. Bei der Gebäudehülle aber haben wir technische Anforderungen formuliert, die dann von den Anbietern in deren Systemen umgesetzt wurden. Nüssli hat ein entsprechend unterhaltsarmes industrielles Fassadensystem für die Aussenhülle der Philharmonie vorgeschlagen. Sollte das Haus wirklich lange im Stadtbild und als Konzertsaal für München bestehen bleiben, würde ich gerne noch einmal darüber nachdenken, die Gebäudehülle angemessen aufzuwerten. Das Konzept für die Stahlkonstruktion des Baukörpers erlaubt Modifizierungen, um beispielsweise mehr Tageslicht in die Umgänge um den Saal zu bringen oder Ausblicke in die schöne Parklandschaft jenseits des Grossen Stadtbachs zu ermöglichen. 

Seitens der Gasteig München GmbH heisst es, dass «für die Interimsphilharmonie sowie die verwendeten Modulbauten […] nach der Interimszeit voraussichtlich ein beträchtlicher Wiederverkaufserlös erzielt werden» wird. Es stehen also alle Zeichen auf Abriss. Und im Anschluss an die Interimsnutzung soll die Fläche von den Stadtwerken München entwickelt werden. Im Wesentlichen soll dort Wohnungsbau entstehen.

Stephan Schütz: Zu Beginn hiess es, dass nach der Nutzung durch den Gasteig ein Wohnquartier entstehen könnte. Dementsprechend haben wir für die weiteren Modulbauten auf dem Areal Vorschläge gemacht, wie man aus den Büros, Seminarräumen, der Volkshochschule und der Bibliothek später Wohnungen machen könnte. Soweit ich weiss, gibt es jedoch keine definitive Zweckbestimmung für die Zeit nach der Sanierung des Gasteigs, der Interimsbau könnte also im Grunde genommen auch dort stehen bleiben. Was bleibt ist unter anderem, dass die denkmalgeschützte Halle E – eine ehemalige Trafohalle – im Zuge unseres Projekts saniert wurde und dann sicherlich für die nächsten 20 bis 30 Jahre für unterschiedliche Nutzungen zur Verfügung steht. Es gibt derzeit eine Diskussion in der Stadt, wie das Gelände weiter genutzt werden soll. 

Das Thema Interimsbauten wird uns künftig sicher mehr beschäftigen – viele Spielstätten aus den Nachkriegsjahren haben in der Vergangenheit kleine Notreparaturen erhalten, aber die grossen Generalsanierungen von Gebäuden aus den 1950er- und 1960er-Jahren stehen noch aus. 

Stephan Schütz: Ja, in vielen Städten stehen Sanierungen an. Es führt kaum ein Weg daran vorbei neue, temporäre Spielstätten zu bauen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Niemand möchte Einschränkungen beim Musikgenuss und in der Aufführungsqualität hinnehmen. Allgemein gilt für Interimsspielstätten: so einfach und robust wie möglich, aber eben auch flexibel. So kann das Interim dann doch auch stehenbleiben und je nach Bedarf weiterentwickelt werden.

Roland Gebhardt: Die Herausforderung bei Sanierungen ist – neben der überholten Haustechnik und den veralteten Brandschutzvorkehrungen – auch, dass solche Projekte fast immer viel länger dauern als geplant, da beispielsweise unvorhergesehen Bauteile mit Asbestbelastung zum Vorschein kommen oder der Bewilligungsprozess sich länger hinzieht. Um dem Publikum weiterhin das gewohnte Kulturprogramm bieten und mit einer Ersatzspielstätte während der Sanierungszeit auch Einnahmen generieren zu können, sind Interimslösungen genau die richtige Wahl.

Wenige Monate bleiben noch bis zur Fertigstellung, Interessierte können den Baufortschritt sogar live über eine Webcam verfolgen. Wie sehen Sie in der durch die Corona-Pandemie geprägten Zeit dem Werden des Baus entgegen?

Stephan Schütz: Ich bin gespannt, ob wir dann alle – geimpft wohlverstanden – beim Eröffnungskonzert der Philharmonie dabei sein können. Auch für uns ist dieses Projekt besonders, denn wir erleben die Fertigstellung der Philharmonie aus der Ferne – ich selbst war zuletzt im November vor Ort. Die Baustellennähe, die für uns eigentlich von grosser Bedeutung ist, ist derzeit leider nicht zu haben. Umso wichtiger sind die Kommunikationssysteme und der Prozess.

Roland Gebhardt: Auf der Baustelle hatten wir glücklicherweise nur wenige positive Covid-19-Fälle – wir sind sehr restriktiv und konsequent, haben Zugangskontrollen und einen Sicherheitsbeauftragten, der alles beaufsichtigt. Die Baustelle fühlt sich manchmal an wie eine Insel. Ich merke aber auch, dass die Pandemie Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit hat. Das Arbeiten auf der Baustelle mit FFP2-Masken, die in Bayern mittlerweile strikt Vorschrift sind, verlangt den Arbeitern schon viel ab. Auch die Organisation wird beeinflusst. So läuft die Kommunikation teilweise auch innerhalb der Baustelle über Microsoft Teams. Wir haben das Baustellenbüro auf drei Stockwerke und in der Länge erweitert, damit nicht mehr als drei Leute in einem Doppelcontainer sitzen. Das macht die Wege länger, das Miteinander fehlt. Trotzdem sind wir im Zeitplan und werden von dem schnellen Baufortschritt täglich motiviert.

Vielen Dank für das Gespräch! Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie im Oktober unter einigermassen normalen Bedingungen eröffnen können. Bleiben wir positiv und hoffen das Beste.

Wie alle Beiträge in der Rubrik Praxis wurde dieser Artikel von German-Architects übernommen.

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