Historischer Dorfplatz mit Dachsystem

Avenches, 2010
30. September 2010
Multifunktionale Dorfplatzüberdachung
2010

Avenches VD

Bauherrschaft
Gemeinde Avenches VD

Auftragserteilung
Direktauftrag

Architektur und Bauleitung
FurrerJud Architekten
Zürich
Projektleiter: Patric Furrer, Andreas Jud

Massgeblich beteiligte Unternehmer
Schirmproduzent:
MDT Sonnenschutzsysteme AG
Tägerwilen TG

Fotos

Bene Redmann
FurrerJud Architekten haben kürzlich eine Überdachung in Avenches fertiggestellt. Patric Furrer und Andreas Jud wählen zwei Zeichnungen und drei Fotos und beantworten unsere fünf Fragen.
Maximal-Variante bei Dämmerung
Was hat Sie an der Bauaufgabe am meisten interessiert?

Primär interessierte uns die Erhaltung und Förderung des öffentlichen Raums durch eine erhöhte Partizipierung der Dorfbewohner am öffentlichen Raum selbst. Konkret stellte sich uns die Frage, mit welchen architektonischen Mitteln wir eine Nutzungssteigerung erlangen und gleichzeitig den Ort, welcher von historischer Bedeutung ist, reaktivieren können. Dabei waren die vielfältigen Nutzungsanforderungen an den Dorfplatz eine grosse Herausforderung, sowohl von Seite der Gemeinde als auch von Privaten - sie führten uns auf die Spur eines multifunktionalen Überdachungssystems, das den jeweiligen Anforderungen mittels räumlicher Interaktion gerecht werden kann.
Historischer Dorfkern Avenches
Wie würden Sie den durchlaufenen Entwurfsvorgang beschreiben?

Der Studienauftrag für eine Pergola von einem Gastronomiebetrieb am Dorfplatz veranlasste uns, über die Besitzverhältnisse am öffentlichen Raum nachzudenken. Die Absicht des Auftraggebers schien aufgrund der Einverleibung von öffentlichem Raum und der Entstehung von asymmetrischen Besitzverhältnissen falsch. Wir suchten nach einer Lösung, welche allen Akteuren gerecht werden kann und ein einheitliches Erscheinungsbild ermöglicht; zugleich konnten wir die Gemeinde für dieses Vorhaben als neuen Auftraggeber gewinnen. Aus der formulierten Kritik resultierte ein Schirmmodul, das als freistehendes Objekt oder durch Verkettung der einzelnen Module zu einer zusammenhängenden und geschlossenen Dachfläche arrangiert werden kann. Synchron zum Entwurfsprozess verfolgten wir die Thematik der Entwässerung: Das Wasser läuft von der oberen Membran des einen Schirmes über die Fuge, welche die Schirmvolumen mit Reißverschlüssen untereinander verbindet, in die untere Membran des angrenzenden Schirmes und wird dann über den Mast abgeführt und am Fundamentpunkt in die Kanalisation eingeleitet. Diese technische Innovation forderte eine intensive Zusammenarbeit mit dem Schirmproduzenten. Der Entwurfsvorgang rückte demzufolge die Produktentwicklung in den Mittelpunkt, was sich in einer starken Wechselwirkung zwischen der Arbeit mit Prototypen und den lokalen Bedingungen ausdrückte.
Dachentwässerung

Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?

Die kulturell bedeutsame Ortschaft Avenches forderte eine sorgfältige Einbindung des Projektes in die bestehende, städtische Platzsituation. Im heutigen Stadtbild und auf öffentlichen Plätzen haben mobile Architekturen, wie zum Beispiel der Schirm, eine hohe Selbstverständlichkeit und gesellschaftliche Akzeptanz, werden aber kaum als Architektur wahrgenommen. Der Typus Schirm weckte unser Interesse und diente als Referenzbild auf dem Weg der Transformation zu einem multifunktionalen Überdachungssystem. Das wesentliche Gestaltungs- und Funktionsmerkmal des neuen Schirmes formuliert sich aus einer leicht geneigten unteren und oberen Membran, welche zusammen ein Volumen bilden.
Durch die Kombination der zwei geneigten Membranen wird einerseits die Wirkung des schwebenden Leuchtkörpers erzeugt, andererseits ist sie auch die Grundlage für das Funktionieren des neuen Entwässerungssystems mittels Verkettung. Mit der Doppelmembrankonstruktion wird eine luftkissenartige Erscheinung erreicht, die sich durch die transluszente und körperhafte Erscheinung gegenüber der massiven Altstadtkulisse zurücknimmt, aber trotzdem eine identitätsstiftende Wirkung erzeugen kann.
Dachuntersicht
Haben aktuelle gesellschaftliche Veränderungen, die Bauträgerschaft oder die Bedürfnisse der späteren NutzerInnen den Entwurf entscheidend beeinflusst?

Das Ziel der Gemeinde war, den zuvor von Autos dominierten Dorfplatz mit der Neugestaltung wieder der Gemeindebevölkerung zurück zu gegeben. Durch die Rückgewinnung einer öffentlichen Begegnungszone wird innerhalb der Gemeinde Avenches ein Ort geschaffen, der das kollektive Bewusstsein fördert. Die Bevölkerung kann mit der Flexibilität des Überdachungssystems aktiv an der Gestaltung des Platzes Anteil nehmen.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Der Anspruch, dass die Transformation der verschiedenen Schirmanordnungen respektive das Auf- und Abbauen der Schirme einfach zu halten ist, und diese maximal von zwei Personen und ohne maschinelle Hilfe vollzogen werden kann, verlangte ein geringes Eigengewicht der Schirme. Dies wurde mit einer Leichtbaukonstruktion erreicht, wodurch der Materialaufwand für eine maximal überdachte Fläche von 300m2 im Vergleich mit anderen Konstruktionsweisen sehr gering ist.
Freistehende Schirme
Multifunktionale Dorfplatzüberdachung
2010

Avenches VD

Bauherrschaft
Gemeinde Avenches VD

Auftragserteilung
Direktauftrag

Architektur und Bauleitung
FurrerJud Architekten
Zürich
Projektleiter: Patric Furrer, Andreas Jud

Massgeblich beteiligte Unternehmer
Schirmproduzent:
MDT Sonnenschutzsysteme AG
Tägerwilen TG

Fotos

Bene Redmann

Vorgestelltes Projekt

Glück Landschaftsarchitektur

Villa H36

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