Unter den Wolken

Autor:
Thomas Geuder
Veröffentlicht am
Apr. 15, 2014

Grenzenlose Freiheit gibt es nur über den Wolken. Gefühlte Freiheit im architektonischen Sinne erhält der Busreisende seit Kurzem im Schweizerischen Aargau, wo die Planer von Vehovar & Jauslin Architektur ein Luftkissendach erbaut haben, das wolkengleich zu schweben scheint.
Der Bahnhof Aarau als zentrale Drehscheibe des öffentlichen Verkehrs für die ganze Region dient täglich über 40'000 Bahn- und Busreisenden als Ein-, Aus- und Umsteigeort. (Foto: Niklaus Spoerri) 
An sich sind Konstruktionen mit Luftkissen aus Ethylen-Tetrafluorethylen-Folie (ETFE) heutzutage nichts Besonderes mehr. Meist findet man sie bei Bauten, wo es gilt, grosse Dach- und Wandflächen mit einer leichten Konstruktion zu erzeugen. Eines der bekanntesten Beispiele ist das «National Aquatics Centre» in Peking, in direkter Nachbarschaft zu Herzog & de Meurons «Bird‘s Nest». Die Konstruktionen mit Folienkissen funktionieren im Prinzip immer nach dem gleichen Modell: Eine Folie etwa aus ETFE – weil leicht, langlebig, witterungsbeständig und selbstreinigend – wird zu einer Fläche aus einzelnen Kissen verschweisst und mit Luft gefüllt. Damit das Kissen dann immer prall gefüllt ist und so nicht im Wind flattert, sorgt eine Stützluftzentrale dafür, dass Kisseninnendruck und Luftdruck im Aussenraum immer zusammen passen. Ausserdem wälzt sie die Kissenluft permanent mit sauberer und trockener Luft um, damit eventuell eindiffundierende Feuchtigkeit entfernt wird. Die gestalterischen Möglichkeiten sind bei dieser Art der Formgebung nahezu unbegrenzt, und so erdenken die Gestalter meistens freie Formen – das Material fordert dies geradezu!
Die obere Ebene, der exklusive Konferenzraum zwischen den Bäumen, bildet das Herzstück des Baumhauses. (Foto: Markus Bollen) 
Einen wichtigen Beitrag zu dieser grosszügigen architektonischen Geste leistet der Umgang mit dem Licht im Innenraum. Da das Gebäude zur Hälfte unterirdisch liegt und das Erdgeschoss zudem umgeben ist von einer alten, erhalenswerten Begrenzungsmauer, konnten die Architekten nur mit natürlichem Licht aus Oberlichtern arbeiten, was raumsensorisch natürlich keine wirklich gute Alternative darstellt. Umso zentraler ist also die Ausgestaltung des Kunstlichts, das von der Münchner Lichtplanerin Gabriele Allendorf entworfen wurde. Sie entwickelte für jede Raumsituation eine individuelle Lösung, die sich weit fernab von Standardlösungen bewegt. Im Foyer etwa wird durch Lichtvouten am oberen Wandabschluss die Decke grosszügig erleuchtet, wodurch die ansonsten nur von einem Oberlicht «gestörte» Decke federleicht auf den Wänden zu lagern scheint. Ein ähnliches Lichtspiel erwartet den Besucher im dahinter folgenden Kreuzgang, dessen umlaufender Deckenstreifen diesmal von im Winkel zwischen Boden und Wand liegenden Lichtstreifen beleuchtet wird. Ihr Abstrahlwinkel ist so eingestellt, dass das Licht die Wände nicht streift. Licht aus der umlaufenden, unteren Raumkante gibt es auch in der von hier aus erreichbaren Kapelle St. Maria. Im Inneren wird sie als homogener Körper bzw. Raum wahrgenommen, dessen Oberflächen nicht durch aufgesetzten oder hängenden Leuchten gestört wird. Für die Lichtplanerin sollte es darum gehen, den Raum so weit wie möglich in seiner Natürlichkeit und Klarheit zu erhalten. So wird auch hier die Decke (diesmal in spitzer Satteldachform) hell, gotisch anmutend erleuchtet. In der Kapelle verbergen sich noch weitere Raffinessen: Die von dem renommierten Künstler Johannes Schreiter entworfenen Fenster in der Nord- und der Südfassade sind in den Laibungen mit senkrechten Lichtbändern versehen, mit denen sich das Morgen- und das Abendlicht simulieren lässt, passend zur Morgen- bzw. Abendmesse, reicht das natürliche Licht von aussen einmal nicht zur Inszenierung der kunstvollen Fenster. Die Fassade der Kapelle aus tiefschwarzem Basalt wird ebenfalls von Lichtbändern im Boden beleuchtet, wodurch der wassergestrahlte Stein geheimnisvoll zu schimmern beginnt.
Eine leichte Bauweise stand auch auf der Wunschliste der Planungsteams des Daches für den Bushof im schönen Aarau, Hauptort des fast gleichnamigen Schweizer Kantons Aargau. Hier sollte nach einigen Jahren der Diskussion und Ideenfindung nun im Zuge des Bahnhofneubaus auch der Bahnhofsvorplatz komplett umgestaltet und «aufgeräumt» werden, sodass er wieder als städtebauliches Zentrum und Ruhepol zwischen der belebten Bahnhofstrasse und dem neuen Bahnhofgebäude erfahrbar wird. Gestalt prägend ist hier zweifellos das neue Dach des eigentlichen Busterminals, das im Volksmund liebevoll bereits «Wolke» genannt wird. «Von Anfang an wollten wir unter dem Dach eine räumliche Stimmung erzeugen, die derjenigen einer Waldlichtung ähnlich ist,» erläutert die Architektin Mateja Vehovar. So wählten die Planer eine Kissenkonstruktion, deren ETFE-Folien mit abstrakt organischen Bildern bedruckt sind. Dadurch entsteht darunter der Eindruck, als befände man sich unter einem Wolkenhimmel. Gestärkt wird diese Wirkung noch durch die freie Form des gesamten Daches, das die wichtigen Fussgängerbereiche abdeckt und in seiner Mitte ein grosses Loch bzw. die erwähnte Lichtung bereit hält. Die Tragkonstruktion – ein frei geformter Stahltisch – befindet sich im Inneren des Luftkissens, und so scheinen die unregelmässig angeordneten, schlanken Stützen, die in dem Luftkissen stecken, beinahe nicht zum Bauwerk zu gehören. Ein unregelmässiges Netz aus Stahlseilen auf beiden Aussenseiten gibt dem Kissen schlussendlich seine Form. Die notwendigen Leitungen für Entwässerung, Beleuchtung, Umluft und Messtechnik verlaufen unsichtbar im Inneren der Konstruktion. Besonders wichtig war den Planern bei alledem auch die Nachhaltigkeit: «Dank der ausgezeichneten Luftdichtigkeit der Kissenkonstruktion beschränkt sich Aufgabe der Lüftung beinahe auf die Anpassung des Luftdrucks im Dach an die sich verändernden Wetterbedingungen», erklärt Gerd Schmid vom Radolfzeller Ingenieurbüro formTL dazu. So ist das Aarauer Bushofdach mit 1070 m² überdachter Fläche, einer Kissenoberfläche von 2140 m² und einem Volumen von 1810 m³ (laut Planungsteams) das grösste Einkammer-Folienkissen der Welt. Für unseren Freund Otto Normalarchitekturfan ist es einfach eine wunderbare Mischung aus funktionaler Technologie und reizvollem Spiel mit der menschlichen Sinneswahrnehmung. Funktionale Kunst also, ein echtes Wahrzeichen für Aarau – und deswegen dann doch etwas Besonderes. tg
Das Dach solle nicht wie eine Halle wirken, sondern als angenehmer Ort für die vielen Pendler, die täglich zwischen Bahn und Bus umsteigen. (Foto: Andreas Braun) 
Die an Schaumblasen erinnernde Anmutung der Bedruckung erlaubt es, die Struktur des ganzen Daches von unten ablesbar zu lassen und gleichzeitig Schatten zu spenden. (Foto: Niklaus Spoerri) 
Für die blaue obere und klare untere Folie entwickelten die Architekten von VJA zusammen mit dem Gestalter Paolo Monaco eigens leicht unterschiedliche, nahtlose Bedruckungsmuster. (Foto: Niklaus Spoerri) 
Die Folie musste passgenau vorgefertigt werden. UVA- und UVB-Strahlung können ihr nichts anhaben, wodurch sie weder statisch noch visuell altert. (Foto: Niklaus Spoerri) 
Das insgesamt 227 Meter Randrohr besteht aus einem Rundprofil, das vor Ort aus einzelnen Stücken verschweisst und anschliessend verkleidet wurde. (Foto: Niklaus Spoerri) 
Lageplan 
Schnitte 
Detail Querschnitt Rahmen mit Aufhängung der ETFE-Folie 

Baustelle in Zeitraffer. (Dauer: 9:38 min.)
Durch die ähnliche Materialität bzw. Farbigkeit zeigt das neue Bushofdach seine architektonische Zugehörigkeit zum Bahnhof. (Foto: Mensur Zulji) 
Die 87 Tonnen schwere Stahlkonstruktion wird von elf unregelmässig angeordneten Stützen getragen. (Foto: Mensur Zulji) 
An den Stützen ist die Beleuchtung des Bushofs in Form von Langfeldleuchten angebracht. (Foto: Niklaus Spoerri) 
Das Gesamtprojekt besteht aus vier Bereichen: der Überdachung, der Einstein-Passage (Bild), der Hächlerhalle (unten) und der Gestaltung des Bahnhofplatzes. Die interaktive Lichtinstallation «Gravity» wurde mit dem Lichtdesigner Rolf Derrer entwickelt. (Foto: Vehovar & Jauslin) 
Die Hächlerhalle – bisher eher ein unfreundlich düsterer Raum, den man lieber vermied – ist heute eine Halle mit angenehmen Durchgangs- und Aufenthaltsqualitäten. (Foto: Niklaus Spoerri) 
Projekt
Bushofdach Bahnhofsplatz
Aarau, CH

Folien-Konfektionär
Vector Foiltec GmbH
Bremen, D

Kompetenz
ETFE-Folie 250 µm, klar und blau durchgefärbt, bedruckt
Folie: Nowofol Kunststoff­produkte GmbH & Co. KG
Siegsdorf, D
Bedruckung: Reisewitz Beschichtungsgesellschaft mbH
Penig, DE

Architekt
Vehovar & Jauslin Architektur AG
Zürich, CH

ARGE Bushofdach
Stahlbau: Ruch AG
Altdorf, CH
Technischer Folienbau: Vector Foiltec GmbH
Bremen, DE

Bauherr Bushofdach
Stadt Aarau, Stadtbauamt
Aarau, CH

Bauherr Bahnhofplatz
Stadt Aarau, Stadtbauamt
Kanton Aargau, Departement Bau, Umwelt und Verkehr
Schweizerische Bundesbahnen SBB
Aare Parking AG

Tragwerksplanung Bushofdach
formTL ingenieure für tragwerk und leichtbau GmbH
Radolfzell, DE

Planung und Lieferung Stützluftanlage
ELNIC GmbH
Rosenheim, DE

Generalplaner, Ingenieur Tiefbau
suisseplan Ingenieure AG
Aarau, CH

Lichtdesign
Atelier Derrer
Zürich, CH

Gestaltung Bedruckung
Vehovar & Jauslin Architektur AG
Zürich, CH

in Zusammenarbeit mit
Paolo Monaco, Visueller Gestalter FH
Zürich, CH

Elektroplanung
HEFTI. HESS. MARTIGNONI. Aarau AG
Aarau, CH

Windkanal
Wacker Ingenieure
Birkenfeld, DE

Fertigstellung
2013

Fotografie
Niklaus Spoerri
Mensur Zulji
Andreas Braun
Vehovar & Jauslin
formTL

Bau der Woche
im swiss-architects eMagazin
So leicht wie Luft


Projektvorschläge
Sie haben interessante Produkte und innovative Lösungen im konkreten Projekt oder möchten diesen Beitrag kommentieren?
Wir freuen uns auf Ihre Nachricht!

Praxis-Archiv
Alle Beiträge der Rubrik «gefertigt»