Gemeinschaft als Motiv

Autor:
Inge Beckel
Veröffentlicht am
Dez. 1, 2011

Ein Gespräch mit dem Verwaltungsratspräsidenten des Ferienvereins, Peter Vollmer, in Bern.
 
Was sind die Ziele des Ferienvereins? Wozu gibt es ihn?

Der Ferienverein hat eine bewegte Geschichte hinter sich
(s. rechte Spalte). Die damaligen Ziele einer Art Selbsthilfeorganisation, welche den Mitgliedern und ihren Familien überhaupt Ferien zu erschwinglichen Preisen ermöglichte, sind zweifellos in dieser Form überlebt. Allein die schrittweise Öffnung der Häuser über die PTT-Mitarbeiter hinaus zu Kantons- und Bundesbeamten zeigt, dass der geschlossene Charakter längst nicht mehr für alle das Gesuchte war. Seit der Sanierung und der Umwandlung der Unternehmung im Jahre 2006 von einem Verein in eine
AG-Holdingstruktur sind unsere Häuser und Anlagen für alle offen, obwohl die ursprünglichen Vereinsmitglieder immer noch den Kern unserer Stammkundschaft ausmachen, welche wir weiterhin auch intensiv pflegen wollen.
 
Ist der Ferienverein denn nicht überholt – in einer Zeit, da eine Woche Antalya ab rund 300 Franken zu haben ist? Anders gefragt: Wie sieht seine Zukunft aus?

Ja, die Zeit der Notwendigkeit einer Ferien-Selbsthilfeorganisation ist vorbei, zumindest vorläufig. Ferien kann man in der Tat anderswo auch günstiger machen. Dennoch zeichnen sich unsere Hotels und Anlagen durch Besonderheiten aus: Einmal schaffen wir faire und solide Preis-Leistungsangebote; für Familien, Paare und solche, die alleine Ferien machen. Weiter bieten wir einmalige Infrastrukturen: Im Bereich Sport und Wellness bieten wir zum Beispiel Laufseminare, Tennistrainingswochen oder Biketouren an. Dann finden sich bei uns auch gesellschaftliche und kulturelle Anlässe, Tanzkurse etwa oder auch PC-Kurse für Senioren.

Denn unsere Gäste suchen wohl weniger das allabendliche Kerzenlicht-Dîner am separaten, abgeschirmten Zweiertischchen. Ein Motiv zum Kommen ist gerade das Erleben von Gemeinschaft. Darum gibt es bei uns viele Begegnungsmöglichkeiten, man trifft sich, organisiert sich spontan für Ausflüge, spielt gemeinsam Karten oder wagt auch mal einen Tanz in der Hotelbar. Darin liegt wohl der besondere Spirit des Ferienvereins. Auch für Kinder und Jugendliche gibt es viele Aktivitäten, und als Besonderheit wären da die in allen Schweizer Hotels vorhandenen Solbäder, Sauna- und Fitnessangebote zu erwähnen.

Unser Angebot besteht also auf der einen Seite aus den Bauten mit ihren soliden Hotelzimmern sowie verschiedenen Zusatzräumen, und auf der anderen Seite aus den in dieser Konstellation entstehenden Aktivitätsmöglichkeiten. Das alles jedoch ist möglich, weil wir die wirtschaftlich kritische Bettenzahl für 100 Personen oder Zimmer überall deutlich übertreffen. Unsere Bademöglichkeiten werden heute vermehrt auch von externen Gästen genutzt. Das zwingt uns jedoch zum Überdenken der jeweiligen Eingänge und Wegführungen.
 
Welche Rolle spielt Architektur? Setzt der Ferienverein primär auf Wiedererkennbarkeit oder eher auf die Qualität und Atmosphäre eines Ortes?

Sicherlich das Letztere. Unsere Anlagen in der Schweiz sind bezüglich ihrer Grösse und des Angebots zwar vergleichbar. In der baulichen Ausgestaltung der Häuser jedoch unterscheiden sie sich grundsätzlich. Es gibt diesbezüglich keine eigentliche «Handschrift» des Ferienvereins, obwohl das Bewusstsein der Bedeutung von Architektur in den letzten Jahren glücklicherweise gestiegen ist. In der Weiterentwicklung möchten wir aber durchaus gewisse gemeinsame Elemente berücksichtigen. Gemeinsam sind allen Häusern überdies die Standorte in attraktiven Feriendestinationen sowie die vielfältigen Infrastrukturen, wie etwa die Solbäder.
 
Es ist in diesem Zusammenhang auch anzumerken, dass die meisten der Bauten fremd eingekauft und dann umgebaut wurden; der Ferienverein war nicht der ursprüngliche Bauherr. Heute finden wir uns vor einem grossen Re-Investitionsbedarf: Die Sanitär- und Energiebereiche, aber vor allem der Zimmerkomfort müssen vielerorts modernisiert werden. Es ist rückblickend interessant zu sehen, dass die Investitionen in den Wachtumsjahren der 1960er- bis 1990er-Jahre zu wenig auf die notwendigen Rentabilitäten und Unterhalts- und Erneuerungsaspekte abgestimmt waren, denn der Verein befand sich damals in einer fast euphorischen Expansionsphase, gekennzeichnet durch einen immensen Zulauf von Mitgliedern und damit von immer neuen Darlehensgebern. Das hat sich bekanntlich im Zusammenspiel mit unglücklichen Investitionsvorhaben später bitterlich gerächt.

Heute sind wir nicht nur gefordert, uns mit unseren Anlagen am Markt zu behaupten, wir müssen auch den Spagat zwischen den fast 9000 Aktionären, welche immer noch das solide Fundament der Stammkundschaft bilden, und neuen Gästen schaffen. Die Übernachtungszahlen bleiben für uns die Basis der Wertschöpfung, denn nur mit so genannten warmen Betten können wir die hohen Grundlastkosten decken.
 
Sie sprechen die warmen Betten an. Worin besteht Ihrer Meinung nach die Verantwortung eines Bauherrn heute?

Nehmen wir als Beispiel das Hotel Altein in Arosa: Es generiert allein rund zehn Prozent der gesamten Hotelübernachtungen in Arosa. Damit haben wir natürlich eine gewisse Verantwortung in der gesamten Tourismusdestination. Das zeigt aber auch, wie wichtig das gute Zusammenarbeiten unter allen Partnern innerhalb der Feriendestinationen ist. Auch wenn wir unseren Gästen an allen unseren Standorten ein gutes wie gleichzeitig preiswertes Angebot offerieren, gilt es, die unterschiedlichen Bauten und mit ihnen die verschiedenen Standorte in ihren Differenzen erlebbar zu machen. Als mitverantwortlicher Bauherr sehe ich diesbezüglich zwei Schwerpunkte: Einerseits ein gutes Angebot unter Berücksichtigung der spezifischen Atmosphäre unserer Häuser gewährleisten, und anderseits eine bauliche und kulturelle Respektierung des jeweiligen Ortes sicherstellen. Beides soll sich in der Architektur aussen und innen manifestieren und widerspiegeln. Insofern sollen sich die Häuser durchaus unterscheiden.
 
Worin liegt die Zukunft der hiesigen Hotellerie? Und welche Rolle kommt dabei den Bauten zu?

Eine zentrale und gleichzeitig schwierige Frage! Die Zukunft der hiesigen Ferienhotellerie ist direkt mit der Perspektive des gesamten Schweizer Tourismus verknüpft. Und diese hängt einerseits direkt mit dem soziokulturellen Wandel des Freizeitverhaltens und den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Touristen zusammen. Anderseits wird sie bestimmt durch die Angebotsentwicklung und Positionierung des Ferienlandes Schweiz. Der Trumpf im alpinen Ferientourismus ist und bleibt die Einmaligkeit und Attraktivität unserer Natur- und Kulturlandschaft. Da ist also Sorgfalt und Sensibilität gefragt. Nachhaltigkeit darf hier deshalb nicht nur ein Schlagwort sein. Dabei spielen Räume und Architektur natürlich eine zentrale Rolle. Ich meine, die Bauten müssen immer auch von ihren Nutzern und Nutzerinnen, also von den Feriengästen her gedacht werden. Nur wer sich wohlfühlt, kann sich vom Alltag erholen und «auftanken». Und nur diese Gäste werden wiederkommen. Das Ziel muss sein, starke Orte zu schaffen, die physisch und psychisch erlebbar und unverwechselbar sind. Inge Beckel
 
Peter Vollmer

(*1946) hat an der Uni Bern Soziologie, Volkswirtschaft und Staatsrecht studiert und promoviert. Nach verschiedenen Lehrtätigkeiten und publizistischen Aktivitäten leitete er als Direktor den Verband öffentlicher Verkehr und die Seilbahnen Schweiz. Einem breiteren Publikum ist er vor allem bekannt geworden durch seine langjährigen politischen Tätigkeiten, als Stadtrat und Grossrat in Bern und während 18 Jahren als Nationalrat. Vollmer ist heute auch Vizepräsident von Schweiz Tourismus und übt das Amt des Verwaltungsratspräsidenten der POSCOM Ferien Holding AG (Ferienverein) seit April 2011 aus. Er ist mit der Architektin und Raumplanerin Gisela Vollmer verheiratet, hat drei Söhne und wohnt in Bern.

Zum Ferienverein

Der Ferienverein wurde 1963 von PTT-Mitarbeitern gegründet; in den folgenden Jahren kaufte er acht Hotels im In- und Ausland und betrieb ein eigenes Touroperating und ein Carunternehmen. Bis im Jahre 2005 wuchs er zu einer Bilanzsumme von 412 Millionen Franken und einem Jahresumsatz von 103 Millionen. Infolge verschiedener Fehlinvestitionen, operativen Verlusten, fehlenden Rückstellungen für Erneuerungen, ungünstiger Finanzierung und Umsatzverlusten wurde er am Ende insolvent. Im Zusammenhang mit der Sanierung im Jahre 2006 – mit Änderung der Rechtsform in eine AG – trennte sich der Ferienverein u.a. von seinem dritten Auslandhotel auf Mallorca.
Heute gehören der POSCOM Ferien Holding AG (der Ferienverein genannt) über Tochtergesellschaften die vier Schweizer Hotels Altein, Schweizerhof, Valaisia und Viktoria Lauberhorn sowie zwei sehr grosse Hotel- und Ferienanlagen im Mittelmeerraum, Giverola östlich von Barcelona sowie Tirreno auf Sardinien. In Bern betreibt er ein eigenes Touroperating, insbesondere ausgerichtet auf die eigenen Auslandhotels. Daneben werden Eigenprodukte wie etwa spezielle Rundreisen angeboten. Ebenfalls zur Gruppe gehört Bikeholiday.ch, einer der grössten Anbieter von Veloferien.

www.ferienverein.ch