Vom «handwerklichen Nachdenken» zum Pritzker-Preis: Wang Shu

Autor:
Eduard Kögel
Veröffentlicht am
Mai 23, 2012

Am Freitag, 25. Mai, erhält Wang Shu den Pritzker-Preis in Peking. Eduard Kögel, unser Experte für China, kennt den Architekten seit seinen Anfängen und gibt einen Überblick über Wang Shus Werk. Dabei denkt er auch über mögliche Auswirkungen nach, die der renommierteste aller Architekturpreise auf die Architektur in China haben könnte.

Nach seiner Ausbildung an der Southeast University in Nanjing, einer der ersten Architekturhochschulen des Landes, legte Wang Shu eine Dissertation an der Tongji University in Shanghai vor. Sein erstes architektonisches Projekt war 1989/1991 ein Jugendzentrum in der Stadt Haining in der Provinz Zhejiang. Dort entwarf er unterschiedliche kubische Körper, die mit einem diagonalen Bauteil verbunden zu einem heterogenen Gebäude wurden. Der viergeschossige Hauptbau mit vorgelagerten Terrassen auf den Dächern der teils eingeschossigen kubischen Körper reflektiert die Suche nach neuen Zielen in der chinesischen Architektur, die gerade in den späten Achtzigerjahren durch immense Bauvolumen vor neue Herausforderungen gestellt war, die mit den bislang angewendeten Mitteln nicht bewältigt werden konnten.
Haining Youth Centre © Wang Shu 
In den Siebzigern hatten einige kritische Architekten bereits begonnen die chinesische Tradition mit kleinen Pavillonbauten an die zeitgenössische Architektur heranzuführen, aber sie verloren mit dem exorbitanten Wirtschaftswachstum jeglichen Massstab. Wang Shu versuchte nach einigen weiteren kleineren Projekten – vor allem im Bestand – von den Handwerkern zu lernen und sein an der Hochschule erlerntes Wissen zu erweitern.

Der Bezug zur Umsetzung ist bis heute das fehlende Glied in der Architektenpraxis von China. Normalerweise entwirft ein Architekt sein Gebäude auf dem Computer (früher auf dem Papier), das dann oft ohne seine weitere Hilfe von Baufirmen umgesetzt wird. Je grösser das Projekt ist, desto geringer ist die Einflussmöglichkeit des Architekten. Wang Shus Rückzug aus dieser Form der Architekturproduktion musste zwangsläufig auch zu einem anderen Massstab führen.
Cafe Bar in Shanghai © Wang Shu 
Ende der Neunzigerjahre war die Zeit gekommen, um mit einem eigenen Studio neue Akzente zu setzten. Wang Shu gründete zusammen mit seiner Frau Lu Wenyu das Amateur Architecture Studio, das auf die Erfahrung mit den Handwerkern, den Nutzern und den lokalen Materialien zurückgriff. Dabei mag auch die Idee eine Rolle gespielt haben, dass die Arbeitskraft in China billig ist, das Material – vor allem das importierte – jedoch recht teuer. Aus diesen Komponenten, billige Arbeitskraft, lokale Materialien und relative kleine Bauaufgaben, konnten sie in ihrem Studio 1999/2000 erste Projekte realisieren. Die ersten beiden Aufgaben dieser neuen Phase, das Projekt «Cafe Bar and Gallery» in Shanghai, das schon längst wieder anderen Nutzungen weichen musste, sowie die Bibliothek für das Wenzheng College in Suzhou, zeigen zwei Aspekte seiner Sensibilität gegenüber den genannten Themen.

Der Innenausbau des Cafés in einem Hochhaus, in einer Seitenstrasse der grossen Einkaufsstrasse Nanjing Lu in Shanghai gelegen, reflektierte in seiner radikalen Reduktion auf die pure Materialität die Suche nach dem «Echten» in einem von kommerziellen Moden bestimmten Umfeld. Der Raum war in zwei Teile geteilt; zum einen der weiss verputzte Ausstellungsraum, zum anderen der auf die Materialität des Rohbaus zurückgeführte Raum für Bar und Café. Die dunklen Betonwände und -decken standen in Harmonie mit den metallenen drehbaren Raumteilern, die noch die Spuren der Bearbeitung zeigten. Als eine Architektur für den Moment sollte sich der Raum an die unterschiedlichen Bedürfnisse der Nutzer anpassen können. Das Handwerk war Teil des ästhetischen Ausdrucks.
Wencheng College Library © Lu Wenyu 
Bei der weit grösseren Bibliothek für das Wenzheng College ausserhalb der Gartenstadt Suzhou, spielte dessen Tradition der Literatengärten eine Rolle für den Entwurf. Der Hauptbaukörper, als Grenze zwischen künstlichem See und anschliessendem Hügel, ist mit einer diagonalen Achse durchdrungen, deren Ende über dem Wasser mit einem Pavillon bekrönt wird. Die gläserne Fassade ist ebenfalls durch einen Pavillon gekennzeichnet, der auf dieser diagonalen Achse steht. Auf der Eingangsseite bilden zwei grosse Baukörper – Bibliothek und Auditorium – zusammen mit zwei kleinen Pavillons und dem als Glasgehäuse ausgebildeten Oberlicht für die im Erdreich liegenden Räume einen intimen Platz. Auf der einen Seite liegt eine offene Bühne vor dem Auditorium. Neben dem Haupteingang führt eine Treppe ins «Nichts», auf der sich die Studenten an einem vor dem Wetter geschützten Ort treffen können.

Die Inspiration durch westliche Vorbilder ist deutlich sichtbar, jedoch durch die Adaption an die Bedingungen des Ortes gebrochen und angepasst. Diese Haltung, die sowohl auf klimatische Vorgaben als auch auf historische und literarische Traditionen verweist, prägt dieses erste Bauwerk von Wang Shu.
Von links nach rechts: Wang Shu, Zhang Lei, Kristin Feireiss, Yung Ho Chang, Ding Wowo. Photo: © Aedes Berlin 
Als ich und Ulf Meyer ihn für die Ausstellung «Tu Mu», die in Berlin stattfinden sollte, im Jahr 2000 zum ersten Mal trafen und wir gemeinsam sein Werk besichtigten, hatte Wang Shu China noch nie verlassen. Als Vorbild nannte er dennoch unter anderem Peter Zumthor (Pritzker-Preisträger 2009), dessen Werk er aus zeitgenössischen Publikationen kannte. Wang Shus Reise nach Berlin zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Aedes im September 2000 öffnete den Horizont und die darauf schnell folgende internationale Wertschätzung seiner Architektur erlaubte ihm in den folgenden Jahren viele Begegnungen. Bis dahin war sein architektonisches Vokabular aus der oben genannten Auseinandersetzung gewachsen, und er fand sich und seine Haltung im internationalen Diskurs bestätigt. Daraus resultierte eine weitere Beschäftigung mit Materialität, Alterungsfähigkeit, Massstab und Proportion.

Wang Shu verweist jedoch auch immer wieder auf die literarische Tradition, die den intellektuellen Diskurs in China über Jahrhunderte prägte. Die Landschaft, die Poesie und die Baukultur gehen in seiner Architektur eine Synthese ein, die sowohl tradierte Architekturbilder in heutige Formen übersetzt, die aber durch die handwerkliche Ausführung den Stand der Bautechnik deutlich unterstreicht.
Ningbo History Museum © Lv Hengzhong 
In der nächsten Phase seiner Entwicklung konnte Amateur Architecture Studio grössere Projekte realisieren. Der Campus für die Kunstakademie in Hangzhou, das Ningbo Contemporary Art Museum und das Ningbo History Museum prägten neben kleineren Projekten die Grundlage für die Verleihung des Pritzker-Preises an Wang Shu. Diese Bauten sind stärker als zuvor durch eine formale Referenz an die bereits oben genannten Themen geprägt. Geschwungene Dächer – die man auch leicht manieriert finden kann – roher Beton, grauer Ziegelstein, naturbelassenes Holz, weisse Putzfassaden und die Verwendung von traditionellen Mönch-und-Nonne-Ziegel für Dächer oder Verschattungselemente, zeichnen ein Bild, das auch im Ausland sofort als chinesisch verortet werden kann. Beim Ningbo History Museum, das etwas unglücklich alleine und monumental in Stadtraum steht, entstand durch die collageartige Verwendung von Ziegeln aus Abbruchhäusern ein ruinöser Charakter, dessen haptische Qualitäten in den Binnenräumen auf den Terrassen besonders zum Tragen kommen und der die städtebauliche Schwäche leicht aufwiegt. Der Ruinencharakter des Neubaus liest sich wie das Psychogramm einer vom Abbruchwahn geplagten Gesellschaft, die nun in dieser Form ihre Erinnerungen verarbeitet.
Chinese Art Academy © Lv Hengzhong 
Für die internationale Jury des Pritzker-Preises war offensichtlich ausschlaggebend, dass Wang Shu mit lokalen Mitteln eine kritische Architektur entwickelte, die sowohl der Moderne wie der Tradition verpflichtet sein möchte. Für die kommenden Bauaufgaben in China ist deshalb der Preis für Wang Shu ein deutliches Zeichen, stärker als bislang diese Fragen in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung im Ringen um eine ortstypische Lösung zu stellen. Wie vor ihm nur wenige, vielleicht Glenn Murcutt aus Australien (2002) – der auch Jurymitglied war – Sevrre Fehn aus Norwegen (1997) oder Luis Barragán aus Mexiko (1980), steht der diesjährige Pritzker-Preisträger für eine regionale Moderne, die sich jenseits des globalen Architektur-Jetsets mit den Fragen der Lokalität und der permanenten Anpassung an die gesellschaftlichen und technischen Möglichkeiten befasst. Mit Wang Shu wird zum ersten Mal ein chinesischer Staatsbürger mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet. Neben dem weit berühmteren Kollegen I.M. Pei, der in der Nachbarstadt von Hangzhou in Suzhou aufwuchs und der 1983 den Preis für sein amerikanisches Werk erhielt, ist er der zweite gebürtige Chinese dem diese Ehre zuteil wird.
Chinese Art Academy © Wang Shu 
Das «handwerkliche Nachdenken» bestimmte die Arbeit von Wang Shu von Anbeginn. Dennoch muss gerade zum Handwerk angemerkt werden, dass die grossen Baustellen oft mit ungelernten Arbeitern bestückt sind, und dass bautechnische Fragestellungen teilweise – auch in seinem Werk – recht stiefmütterlich behandelt sind. Damit soll keinesfalls sein Verdienst um den Diskurs einer angepassten Architektur geschmälert, sondern darauf hingewiesen werden, dass auch der beste Architekt sich nur schwerlich dem tatsächlichen Produktionsbedingungen und ihren technischen Rahmenbedingungen entziehen kann. Für Wang Shu und die zeitgenössische chinesische Architektur hat der Preis hoffentlich auch auf die zuletzt genannten Probleme Auswirkungen. Denn ohne ein weiterentwickeltes Handwerk und ohne nachhaltige Detailplanung wird auch das ästhetisch bedeutsamste Werk schon bald dem Verfall preisgegeben sein. Ein weiteres Problem könnte die Popularität seiner Architektur werden, die natürlich auch Nachahmer auf den Plan rufen wird. In China könnte es also schon bald neue nachgemachte Bauten geben, deren Ziegel direkt von der Fabrik geliefert werden. Dann hat sich die Kritik am Abbruch der historischen Bauten, die in seiner Architektur als Spolien Verwendung fanden, im schnelllebigen Wechsel der Moden aufgebraucht und ihre Wirkung verloren.
Eduard Kögel
 
Wang Shu
Im Februar wurde bekannt, dass der Pritzker-Preis - die höchste Auszeichnung für einen Architekten - an Wang Shu (geboren 1963) geht. Sein Büro Amateur Architecture Studio befindet sich Hangzhou, China. Die Pritzker-Jury lobt den Umgang mit der Vergangenheit und der Tradition in Wang Shus Architektur, die gleichzeitig neue Horizonte öffne.

Der Pritzker-Preis

Amateur Architecture Studio

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