Kunst wofür?

Autor:
Karin Frei Rappenecker
Veröffentlicht am
Juli 10, 2014

Für den Horentaltunnel bei Küttigen im Kanton Aargau haben die KünstlerInnen Ariane Epars und Daniel Robert Hunziker ein radikales, aber dennoch äusserst zurückhaltendes Projekt geschaffen.

Partner Kunst & Architektur: Implenia

Obwohl bereits 2011 eingeweiht, hat dieses Projekt diese Tage wieder Aktualität erlangt: Ariane Epars wurde am 13. Juni der BSA-Preis 2014 verliehen. Der Preis würdigt die Arbeit von Personen, die in einem besonderen Bezug zur Architektur stehen.

Kunst für eine Ortsumfahrung
Die Lebensqualität in Aarau, insbesondere in der Altstadt hat in den letzten Jahren so sehr unter dem exorbitanten Verkehrsaufkommen gelitten, dass sich der Kanton Aargau zur «Verkehrssanierung Aarau» entschieden hat. Um die Altstadt vom Verkehr zu befreien, wurde eine Ostumfahrung um die Stadt angelegt. Die Verkehrsauslagerung «Neue Staffeleggstrasse» war allerdings nur durch massive bauliche Eingriffe in eine weitgehend intakte Natur- und Kulturlandschaft mit Auen und einer Vielfalt von kleinen Säugetierarten möglich. Die Problematik des Eingriffs spiegelt das schweizerische Dilemma, in einer möglichst intakten Landschaft leben zu wollen, ohne auf die Annehmlichkeiten der Mobilität verzichten zu müssen.

Nicht nur für die Mobilität, auch für die Kunst wurde ein Budget gesprochen und dazu ein Direktauftrag an die Künstlergemeinschaft Ariane Epars und Daniel Robert Hunziker vergeben. Das Künstlerduo erhielt den weit gefassten Auftrag, nicht nur ein künstlerisches Konzept zu erstellen, sondern viel grundlegender auch zu eruieren, wo die Kunst denn überhaupt ansetzen sollte. Nach langen, ausgedehnten Spaziergängen durch die Auenlandschaft, nach intensiven Diskussionen über Sinn und Unsinn von Kunst in baulichen Eingriffen in die Natur, kamen Epars und Hunziker zum Schluss, über ein künstlerisches Projekt die naturschützenden Massnahmen der Ingenieure zu unterstützen und das Bewusstsein für die dahinter stehende Problematik zu schärfen. Auch wenn die Ortsumfahrung Aarau baulich äusserst zurückhaltend realisiert wurde, war sie dennoch ein massiver technischer Eingriff in die Natur. Die 3,1 km lange Strasse wurde tief in den Boden versenkt, um zu verhindern, dass sie aus der Ferne ins Auge sticht. Über die Länge von 700 Metern wurde ein Tunnel angelegt, um die Strasse zum «Verschwinden» zu bringen und den ansässigen Tieren weiterhin eine Durchgangsmöglichkeit zu bieten. Das Budget war im Verhältnis zur bebauten Fläche unverhältnismässig hoch, was durchaus als Ausdruck gelesen werden kann für die Sorgfalt und das Verantwortungsgefühl gegenüber Natur und Umwelt – vielleicht auch als Zeichen eines schlechten Gewissens.

Das Budget reichte für drei Meter
Epars und Hunziker setzten sich zum Ziel, die natur- und tierschützenden Massnahmen, die beim Tunnel eingesetzt wurden, zu multiplizieren. Sie beschlossen daher, den Tunnel um soviel länger werden zu lassen wie das Kunstbudget abzüglich ihres Honorars es zuliess: Es resultierten drei Meter.
 
Raffiniert ist diese Konzeptidee, weil Epars und Hunziker diese zusätzlichen drei Meter als Skulptur verstehen, als etwas also, das nicht nur funktional ist, sondern auch Fragen aufwerfen soll. Um den Unterschied der Tunnelteile nachvollziehbar werden zu lassen, sollte sich die Verlängerung vom Rest des Tunnels etwas absetzen, und gleichzeitig eine Einheit bilden. Ein Vorhaben, das ungewöhnliche Baumassnahmen erforderte: der reguläre Tunnel wurde mit einer Lücke von drei Metern zwischen Tunnel und Südportal gebaut. Diese Lücke wurde nachträglich eingeschalt und mit Beton aufgegossen. Die geringfügig andere Optik des Betons – zurückzuführen auf die separate Herstellung –, unterstrichen durch die Inschrift ‚~3.00, heben sich minimal vom übrigen Tunnel ab.
 
Radikal und subtil
Die Radikalität dieses künstlerischen Eingriffes besteht in seiner Subtilität: Er nimmt sich so sehr zurück, dass er sich kaum vom gebauten Rest unterscheidet. Er wird beinahe unsichtbar und schreibt sich somit eine Rolle zu, die seinen Sinn und Zweck nicht darin sieht, etwas zu applizieren oder gefälliger zu machen, sondern eine Grundlage zu bilden für einen gesellschaftlichen Diskurs. So steht ~3.00 für Kooperation und kritische Reflexion zugleich: die Ingenieurleistung wird verlängert, die zusätzlichen drei Meter sind aber gleichzeitig Mahnmal für respektvollen Umgang mit der Natur, das sich an die Umgebung nicht besser adaptieren könnte.
 
Das Projekt hat auf den Punkt gebracht und ins Bewusstsein gerufen, was zuvor nicht in Worte gefasst worden ist, woran aber alle Beteiligten gearbeitet haben: Der Spagat zwischen einem gravierenden Einschnitt in unberührte Natur und dessen «Vertuschung»; zwischen einem Akt gegen die Natur und einer Geste für die sie besiedelnden Tiere. Diese Bestrebungen bedeuteten einen enormen zeitlichen, finanziellen und technischen Kraftakt, die Beachtung und Unterstützung verdienen.
 
Über die Künstler
Die Wahl des BSA fiel auf die Künstlerin Ariane Epars, weil – so das Pressecommuniqué – ihre «Kontext-bezogene Arbeitsweise derjenigen der Architekten ausserordentlich gleicht». Diese Arbeitsweise teilt sie zwar mit zahlreichen KollegInnen aus der Kunst, doch hat sie sie seit Jahrzehnten äusserst konsequent verfolgt. Stets arbeitet sie orts- und kontextbezogen, nie schafft sie Objekte in ihrem Atelier. Die Geschichte des Ortes und seiner Materialität ist immer Ausgangspunkt ihrer Kreation, für die sie oft eliminiert, statt wie in diesem Beispiel, hinzufügt.
 
Auch wenn Daniel Robert Hunziker bekannt ist für seine oft materialintensiven Installationen in unterschiedlichen Massstäben, ergänzen sich die beiden Künstler gut. Haben doch beide den Wunsch, auf Brüche und Unstimmigkeiten in der Realität zu deuten und den Blick für unterschiedliche Wahrnehmungsweisen zu schärfen. Für den Horentaltunnel haben sie Bestehendes aufgegriffen und daraus einen dezidiert materialisierten Denkanstoss geschaffen, der sich visuell so sehr an die Umgebung anpasst, dass er gleichsam verschwindet. Insgesamt ein sowohl konzeptuell, materiell wie formal radikales Werk. kf

Horentaltunnel Küttigen, Aargau
Bauherrschaft: Kanton Aargau, vertreten durch die Abteilung Tiefbau
Ingenieurgemeinschaft: IG PEB (F. Preisig AG; Emch + Berger), Eduard Imhof
Landschaftsarchitektur: Seippel Schweingruber; Ch. Burger
Tunnel: 700m Länge, 3-spurig
Baukosten: CHF 30 Mio
Inbetriebnahme: Dezember 2010

Informationen Kunst
Auftraggeber Kunst: Kanton Aargau, vertreten durch die Abteilung Tiefbau und die Kommission Kunst im öffentlichen Raum
Auftragsart: Direktauftrag 
Künstlerin: Künstlergemeinschaft Ariane Epars und Daniel Robert Hunziker
Titel: Tunnelverlängerung
Dimensionen: Verlängerung des Tunnels um rund drei Meter
Realisierung: 2005–2010
Einweihung: 2011
Budgetrahmen: inkl. Honorare, Konzept, Realisation CHF 250'000.--

Künstlergemeinschaft
Ariane Epars, 1959 geboren, hat von 1983 bis 1985 an der Ecole d’art du Valais in Sion, sowie 1985 bis 1990 an der Ecole Supérieure d’Art Visuel (ESAV) in Genf (heutige HEAD) studiert. 1990 bis 1998 lebte sie in Hamburg, heute in Cully bei Lausanne. Sie ist Preisträgerin von begehrten Kunstpreisen und war artist in residence in der Chinati Foundation in Marfa, Texas. Preisträgerin des BSA-Preises 2014 
www.arianepars.ch
 
Daniel Robert Hunziker, 1965 geboren in Walenstadt, studierte 1988–1989 Architektur an der ETH Zürich, bevor er sich der Kunst zuwandte und sein Kunststudium 1997 an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich abschloss. Er hat zahlreiche Preise und Werkstipendien gewonnen und stellt international aus. Er lebt und arbeitet in Zürich.
www.vonbartha.com/artists/daniel-robert-hunziker
 
Ingenieurgemeinschaft IG PEB
IG PEB: F. Preisig AG, Grünhaldenstrasse 6, 8050 Zürich
Emch + Berger AG, Schlösslistrasse 23, 3001 Bern
Eduard Imhof Architekturbüro, Zentralstrasse 45, 6003 Luzern