Über architektonische Mentalitäten

Autor:
Jenny Keller
Veröffentlicht am
Mai 9, 2013

Das Büro von KCAP Architects & Planners an der Wasserwerkstrasse 129 in Zürich könnte nicht besser gelegen sein: Die Limmat und die Badi Unterer Letten liegen vor der Haustüre, man sieht ins Grüne und ist doch mittendrin: Der HB ist zu Fuss in 10 Minuten erreichbar.

Der Bahnhof ist mit ein Grund, weshalb das Rotterdamer Büro für Städtebau und Architektur 2006 eine Zweigstelle in Zürich eröffnet hat. Seit 2003 ist Kees Christiaanse, Gründer von KCAP, Professor an der ETH. Die Einladungen zu den Testplanungen Science City und Stadtraum HB (heute Europaallee) bildeten den Auftakt für das Zürcher Büro. Beide Wettbewerbe konnte KCAP für sich entscheiden, was ein ziemlicher Glücksfall gewesen ist, meint Ute Schneider, die damals von Rotterdam nach Zürich gekommen ist, um die Zürcher Niederlassung aufzubauen. «Bei der Europaallee handelt es sich um einen der grössten Planungsperimeter in der Stadt Zürich. Es ist das Filetstück unter den Entwicklungsgebieten in der Schweiz.»

Damals wurde der Fokus sehr stark auf den Städtebau gelegt, denn Ute Schneider als Süddeutsche mit einem engen Bezug zur Schweiz wusste, dass Städtebau hierzulande ein Nischendasein fristet. In den Architekturmarkt einzusteigen wäre in der Schweiz schwieriger gewesen, aber KCAP arbeitet grundsätzlich in beiden Feldern, Architektur und Städtebau. Auch das Zürcher Büro bearbeitet mittlerweile Projekte in beiden Sparten zu je etwa 50 Prozent. Man arbeitet mit den Kollegen in den Niederlanden zusammen, aber es wird darauf geachtet, dass die Projekte inhaltlich,  geografisch wie logistisch, aber auch je nach Thema und gefragter Expertise zwischen den beiden Standorten verteilt werden. «Natürlich achten wir auch darauf, welche Kultur- und Sprachkenntnisse jeweils vorhanden sind, was sehr relevant ist für unsere kontextuelle Herangehensweise.», erklärt Schneider.
Modellfoto Science City, Zürich. Bild: KCAP
Architektonische Mentalitäten
Angesprochen auf die architektonischen Mentalitäten der beiden Länder kommt Ute Schneider ins erzählen. Die Architektin ist an der Schweizer Grenze in Waldshut aufgewachsen, in den Niederlanden hat sie ein Austauschsemester und ein Praktikum gemacht, ist wieder zurück nach Deutschland, um zu diplomieren, bevor sie dann in den Niederlanden und dort später bei KCAP zu arbeiten angefangen hat. «Mein Diplom habe ich über eine Hafeninsel in Amsterdam gemacht, nachdem ich in den Niederlanden ein Austauschsemester absolviert und gearbeitet hatte. Als ich nach Deutschland zurückging, um dort mein Diplom zu machen, wurde ich damit konfrontiert, dass ich eben doch recht deutsch bin.» Das sei sowohl lehrreich als auch spannend gewesen, die eigene kulturelle Herkunft aus einer anderen Perspektive zu betrachten und dadurch gewisse Aspekte erst erkennen zu können.

In der Schweiz werde anders kommuniziert als in den Niederlanden. Das beginne bei der graphischen Darstellung der Pläne und Diagramme. «Bei einer Präsentation zum Projekt Science City wurden wir gefragt, wieso diese Pläne denn so bunt sein müssen. Das Modellbild wurde in der Aedes-Publikation beispielsweise schwarz-weiss abgebildet, weil die Verantwortlichen meinten, es sei zu hässlich.»
Gebiet um den Flughafen Genf. Visualisierung: KCAP
Und natürlich gebe es Unterschiede im Bauproduktionsprozess, und es herrsche ein anderes Niveau bei der Detaillierung der Architektur, fährt Schneider fort. In den Niederlanden werde viel mit einem  Totalunternehmer gebaut sowie häufig mit vorfabrizierten Elementen gearbeitet. Es herrschen andere Qualitätsstandards: «Ein sozialer Wohnungsbau in der Schweiz ist aus der Perspektive eines Niederländers in einem hohen Ausbaustandard gebaut.» Ein gewisses Kulturverständnis und ein unausgesprochenes Verständnis z.B. für die Architektursprache, Detaillierung, Materialisierung sowie Stil seien hier einfach anders. Und zwar auf einem sehr hohen Niveau, wenn man es europaweit vergleiche.

Betrachtet man die Schweiz mit ihren unterschiedlichen Regionen, seien auch hier die Unterschiede gross. Die ortsspezifischen, regionalen wie kulturellen Unterschiede zwischen Deutschschweiz und Welschschweiz sind nicht zu übersehen. Das musste Ute Schneider feststellen bei diversen Planungen. Momentan arbeitet KCAP u.a. an Planungen um den Flughafen Genf (MOEU VMA) und am Bahnhof in Lausanne (Pole Gare Lausanne).
Planungsperimeter in Shengzen (Creative Gateway Shenzhen - Urban regeneration of Sungang and Qingshuihe areas.) Visualisierung: KCAP
Weltweite Tätigkeit
Neben der Schweiz und den Niederlanden und anderen Europäischen Ländern bearbeitet KCAP auch Projekte in China. Diese werden von Rotterdam und dem seit 2011 bestehenden Büro von KCAP in Shanghai  betreut. Man brauche einen Kontakt vor Ort, erklärt Ute Schneider. Die internationale Bekanntheit des Büros resultiere aus dem städtebaulichen Ansatz. «Zu Beginn handelte es sich oft um Entwicklungen von Wohnquartieren auf der grünen Wiese, wo wir nicht so gerne arbeiten.Wir bevorzugen städtische und innerstädtische Standorte sowie durchmischte Quartiere.» Mit der Veränderung der Auftraggeber sei das Auftragsvolumen in China aber stetig gewachsen. jk
KCAP Zürich
Wasserwerkstrasse 129, 8037 Zürich
T 044 350 16 51
[email protected]
zum Büroprofil

KCAP Architects & Planners ist ein niederländisches Büro für Architektur, Städtebau und Stadtplanung, gegründet von Kees Christiaanse im Jahre 1989. Während der letzten 20 Jahre hat sich KCAP zu einem der führenden internationalen Büros in den Bereichen Architektur und Städtebau entwickelt. Das Hauptbüro ist in Rotterdam, zwei Niederlassungen befinden sich in Zürich und in Shanghai. KCAP Zürich wurde im Jahr 2006 nach dem Gewinn von zwei internationalen Wettbewerben gegründet. Das Büro wird von Ute Schneider geleitet. KCAP Shanghai, im Frühjahr 2011 gegründet, bearbeitet das wachsende Portfolio in China. KCAP beschäftigt mehr als 60 Architekten, Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner aus etwa 20 Nationen.