Die zerbrochenen Scheiben

Autor:
Karin Frei Rappenecker
Veröffentlicht am
Aug. 27, 2014

Gezielter Vandalismus als Kunst an der Architektur und Kunst im öffentlichen Raum ist nichts Neues, überrascht aber immer wieder aufs Neue. Beispiele aus London, New York und Zürich.

Partner Kunst & Architektur: Implenia
Wer durch den Ostlondoner Stadtteil Hackney spaziert, trifft auf ein leer stehendes Fabrikgebäude, das erst auf den zweiten Blick irritiert: Die Fensterscheiben sind, wie so oft in dieser Gegend, zerbrochen – aber alle 312 Scheiben weisen vollkommen identische Bruchstellen auf. Der britische Künstler Alex Chinneck hat die zerbrochenen Scheiben in Serie produzieren und anstelle der originalen, zerstörten Gläser einsetzen lassen. Das Werk «Telling The Truth Through False Teeth» ist eine ebenso poetische Geste wie es beissender Kommentar auf die Gentrifizierung der ehemals industriellen Gegend ist. Ein Kommentar mit realen Folgen: Der Abriss des Gebäudes wurde nicht nur verschoben, sondern wird neu diskutiert.
 
Auch wenn das schnelle Voranschreiten der Gentrifizierung in Hackney durch dieses Projekt nicht aufgehalten werden kann, und die sich verringernde Anzahl der zerbrochenen Scheiben in der Umgebung sicher nicht nur «Telling The Truth» zuzuschreiben ist, so ist dennoch jede Aktion, die zu einem Innehalten in diesem Profit-orientierten Prozess führt, ein Gewinn, – obwohl dafür Fensterscheiben zu Bruch gehen mussten.
 
New York 1976
Die Kritik an Gentrifizierung und Perfektion mit den Mitteln der Kunst hat im US-amerikanischen Künstler Gordon Matta-Clark (1943-1978) einen prominenten Vorläufer. Als Matta-Clark, Mitglied der Künstlergruppe Anarchitecture – die Anarchie mit Architektur verband –, 1976 zur Ausstellung «Idea as Model» im Institute of Architecture and Urban Studies (IAUS), in New York eingeladen wurde, war ihm dies mehr als suspekt. Vereinte die Ausstellung doch vor allem namhafte und etablierte Architekten, denen Matta-Clark Formalismus und Desinteresse an den Bedürfnissen der Bewohner und Nutzer ihrer Gebäude vorwarf.
 
Um sich diesem Kanon nicht zu unterwerfen, holte Matta-Clark die Bronx – damals ein Problemviertel in New York – nach Manhattan: Sein Ausstellungsbeitrag «Window Blow Out» zeigte Fotografien von verwahrlosten Fassaden aus der Bronx, und Gordon Matta-Clark zerschoss dazu die Fenster des IAUS mit einem Luftgewehr. Damit sollte auf die falsche Politik und fehlerhafte Stadtplanung, die die Bronx zum Problem machten, angespielt werden. Die Fenster durchschoss er, um diese Kritik zu verdeutlichen, aber auch, um seine eigene positive Vision aus dem Negativbeispiel des Vandalismus in der Bronx zu gewinnen.
 
Matta-Clarks Aktion fand zu einem Zeitpunkt statt, als die New Yorker Polizei nach Lösungen suchte, um die Sicherheit in gewissen Stadtteilen zu erhöhen. Die aus entsprechenden Studien hervorgegangene «Broken Windows Theorie» (Wilson und Kelling), die 1982 publiziert wurde, sieht in zerbrochenen Fensterscheiben ein Zeichen von Verwahrlosung eines Quartiers, die unweigerlich zu einer Steigerung von Kriminalität führt. Als populärster Anhänger dieser Theorie gilt New Yorks Mayor Giuliani, der sich für seine «Zero Tolerance-Politik» auf diese Theorie berief und damit deutlich machte, dass er an Symptombekämpfung interessiert war und nicht, wie Matta-Clark an einer Ursachenbehebung durch Änderung der sozialen, bildungspolitischen und städtebaulichen Konventionen.
 
Kaputtes Glas in Zürich
Auch in der Schweiz gab es eine Reihe von Werken, die mit kaputtem Glas im öffentlichen Raum operierten, wie z.B. «Dystopia Stalker» von Lori Hersberger, im Rahmen der Ausstellung «Gasträume» in Zürich 2013. Die freistehende Installation auf dem Paradeplatz bestand aus neun metallgerahmten farbigen Glaselementen. Sie offenbarte Spuren von Gewalteinwirkung und sorgte letzten Sommer für viel Unmut und damit auch für viel Aufmerksamkeit. Die Scheiben, von Künstlerhand im Atelier zerschlagen, zeigten ihre «Wunde».

Die zahlreichen nachfolgenden Zerstörungsakte, die das Werk während der Ausstellungszeit auf sich zog – noch dazu an einer so prominenten und rundherum überwachten Lage wie dem Zürcher Bankenzentrum – zeugen von einem grossen Provokationspotenzial. Dennoch scheint es hier nicht um blinde Gewalt einem Kunstwerk gegenüber zu gehen. Vielmehr mag der Umstand, dass die Scherben durch das Sicherheitsglas noch im Verbund blieben, PassantInnen dazu animiert haben, das Werk sozusagen zu «vollenden», bis die Scherben aus ihrem Verbund fielen. Die heftigen Reaktionen stehen also eher in Zusammenhang mit der Herausforderung der Grenzen des Materials, und nicht mit den zerbrochenen Scheiben als Zeichen von Verwahrlosung oder Aggression, die Gewalt nach sich zieht.
 
Kunstprojekt wird Realität
Explizit auf Matta-Clark bezog sich die italienische Künstlerin Monica Bonvicini mit ihrem nicht realisierten «Projekt für Zürich» im Rahmen des damaligen HGKZ-Forschungsprojekts Kunst Öffentlichkeit Zürich 2005. Ihre Idee bestand darin, die Fenster des Tamedia-Gebäudes durch extra angefertigte, zersprungene, aber noch allen Sicherheitsansprüchen genügenden Glasscheiben zu ersetzen. Ihre Absicht war, die Hülle des bestehenden Gebäudes «aufzurauen und durchlässig zu machen für Analysen seiner Funktionen und für historische Ortsbezüge». Das Projekt wurde nie realisiert – die Geschäftsleitung liess auf Anfrage hin verlauten, es sei der Belegschaft nicht zuzumuten in einer durch Vandalismus gezeichneten Umgebung zu arbeiten. Pikanterweise war dies Jahre später, im Februar 2010, durch Auswirkungen einer «reclaim the streets»-Demonstration trotzdem der Fall. Ein Beleg dafür, dass glatte, unberührte Glasfassaden genauso Gewalt provozieren können wie zerbrochene.
 
Künstlerisch zerstörte Architektur, damals wie heute, zeigt vor allem eines: das Bedürfnis des Menschen nach «aufgerauten, durchlässigen» Oberflächen, nach Imperfektion, in der menschliche Widersprüche Platz haben. KünstlerInnen – zuverlässige Seismografen gesellschaftlicher Veränderungen – nehmen sich dieses Anliegens an und spielen damit auf eine Entwicklung an, die jeden Quadratzentimeter des öffentlichen Raums der Gewinnmaximierung unterwirft und es dabei verpasst, auf die Bedürfnisse der Nutzerinnen einzugehen.