Letizia Battaglia – eine Zeitzeugin der Geschichte Italiens

Nadia Bendinelli
12. May 2022
Das lesenswerte Buch «Mi prendo il mondo ovunque sia. Una vita da fotografa tra impegno civile e bellezza» über das Leben und die Arbeit Letizia Battaglias (1935–2022) erschien 2020. (Porträtfoto: Shobha, Abbildung: Nadia Bendinelli)

Letizia Battaglia hat nicht die Mafia fotografiert, sie hat gegen die Mafia fotografiert – ein entscheidender Unterschied. Im April hat ihr bewegtes Leben nach 87 Jahren ein Ende gefunden.

 

Die Fliegen, vom Blut angezogen, treffen als erste am Schauplatz ein. Vor allem in der sommerlichen Hitze ist der Geruch des Todes unerträglich. Rundherum schreiende Menschen, Ermittler, die Polizei. Die Journalisten von der Zeitung L’Ora sind auch schon vor Ort, die Fotografen halten die Ereignisse fest. Dieses Szenario wiederholte sich im Palermo der 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahre oft mehrmals täglich. 

Das war und ist die Mafia. Cosa Nostra. Von Palermo ausgehend hat die Organisation ihr Netzwerk über die ganze Welt gesponnen. Ihre Mitglieder haben wenig mit dem romantischen Bild des eleganten Gangster-Bosses aus berühmten Filmen zu tun. Und genauso wenig mit der Darstellung der Yakuza aus der «PR-Arbeit» voller Bewunderung eines offenbar unkritischen Zürcher Fotografen. Auch ist unwahr, dass diese Herren sich «bloss» gegenseitig beseitigt haben. Vielmehr wurde jeder, der ihnen im Weg stand, auf brutale Weise getötet. Die Morde begingen die Mafiosi meistens so, dass sie der entsetzten Öffentlichkeit eine klare Botschaft vermittelten. Denn je grösser die Furcht, desto mächtiger die Organisation. 

Als Zeugnisse blieben zahlreiche Fotografien, die Menschen zeigen, die erschossen oder durch Sprengsätze getötet wurden. Ein Junge, denn er hätte den Mörder seines Vaters identifizieren können. Eine Prostituierte, denn sie verkaufte Drogen ohne Erlaubnis der Mafia. Ein Dorfpfarrer, denn er versuchte, die Jungen von der Organisation fernzuhalten. Dazu Politiker, Kommissare, Richter und Journalisten. Einfach alle eben, die sich zu sehr bemühten, etwas gegen die organisierte Kriminalität zu unternehmen, oder sich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort befanden. Für lange Zeit verständigten sich die Bewohner von Palermo mit «da, wo XY ermordet wurde», statt wie üblich den Namen der Strasse oder des Platzes zu sagen. Heute sind überall in der süditalienischen Stadt Gedenkschilder aufgestellt. 

 

Ein Klima der Angst

Diesen Horror hielt auch Letizia Battaglia mit ihrer Kamera fest. Sie fotografierte das Tagesgeschehen in Palermo und Umgebung für L’Ora. Mutig berichtete die Abendzeitung transparent über die Verbrechen der Mafia. Das wagten damals nur wenige, denn der Preis war hoch: Das Blatt hält den traurigen Rekord für die höchste Zahl an ermordeten Journalisten. Ab 1974 leitete Letizia die externe Agentur Informazione Fotografica, später zusammen mit ihrem langjährigen Lebenspartner Franco Zecchin. Sie formte junge Fotojournalisten und schärfte ihnen ihr Berufsethos ein: Respekt vor den Menschen, dem Leben und den Toten. Aufrichtig berichten, die Fakten nicht verbiegen. Kein gruseliges Gemetzel zeigen, sondern die Tat, um diese publik zu machen, um anzuklagen. Den Kampf gegen die Mafia führen, indem man dokumentiert, was sie anrichtet. 

Die Omertà wurde nicht nur innerhalb der Clans praktiziert. So schwieg etwa auch die Kirche zu den Aktivitäten der Mafia, gerne nahm sie dafür «Spenden» an – schliesslich bezeichnen sich die Angehörigen der Cosa Nostra stets als gute Katholiken. Die Provinz Palermo repräsentierte ausserdem eine grosse Wählerschaft, auf die Italiens Politiker nicht verzichten wollten. Das nutzten die Clans aus, um bis in die höchsten politischen Kreise die Fäden zu ziehen. In Corleone, Sitz des Bosses Luciano Liggio, war es verboten, das Wort Mafia auch nur auszusprechen – offiziell galt die Organisation als Erfindung der Medien, als eine Verleumdung. 

1979 stellte eine Gruppe von Fotoreportern um Letizia Battaglia ohne Bewilligung die Bilder aus der Zeitung an verschiedenen öffentlichen Plätzen aus, um deren Anklagekraft zu erhöhen. Eine gewagte Entscheidung. Festgehalten wurde diese Aktion in einer Reportage der Rai. Gerade die Kommentare der Corleonesi – oder besser: ihr Schweigen – waren vielsagend. Manche Menschen sagten ins Mikrofon der Reporter, alles sei gelogen, andere äusserten sich gar nicht. Ihr Unwohlsein ist in den Aufnahmen deutlich zu spüren. Auch Letizia hatte Angst und das mit Recht. Immer wieder erhielt sie Morddrohungen.

 

Links oben: Italiens einstiger Ministerpräsident Giulio Andreotti mit Mafioso Nino Salvo und anderen Politikern 1979 in Santa Flavia (Palermo)

Unten: Richter Roberto Scarpinato mit seiner Eskorte auf dem Dach des Gerichtsgebäudes von Palermo im Jahr 1978. Er gehörte zum Anti-Mafia-Pool um Falcone und Borsellino, die 1992 ermordet wurden.

Rechts oben: Der Dichter Edoardo Sanguineti 1984 in Palermo

Unten: Richter Giovanni Falcone 1982 in Palermo bei der Beerdigung von Carlo Alberto dalla Chiesa, ein General der Carabinieri, der von der Mafia getötet wurde. (Fotos: Letizia Battaglia, Abbildung: Nadia Bendinelli)
Links oben: Der Präsident der Region Sizilien, Piersanti Mattarella, wurde 1980 von der Mafia getötet. Er wird von seinem Bruder Sergio, heute Italiens Präsident, aus dem Auto gezogen. 

Rechts oben: Der Polizist Lenin Mancuso wurde 1979 in Palermo ermordet.

Unten: Der Boss Leoluca Bagarella wurde 1979 in Palermo festgenommen. (Fotos: Letizia Battaglia, Abbildung: Nadia Bendinelli)
Eine normale Frau – oder nicht?

Viele nannten sie nur Letizia. Ihre unkomplizierte Art, ganz befreit von Allüren, lud zum «Du» ein. Sie verstand sich als eine einfache Person, nicht als Künstlerin. Manchmal schmunzelte sie und gab zu, so einfach (zu hän­deln) sei sie wahrscheinlich doch nicht. Zur Fotografie fand sie erst per Zufall und aus der Notwendigkeit – ein Wendepunkt in ihrem Leben. Denn ihre Versuche, Artikel an die Zeitungen zu verkaufen, scheiterten an den fehlenden Bildern. Ihre ersten Fotografien entstanden noch mit einer ausgeliehenen Kamera, die Einstellungen waren schon von einem Fotografen für sie vorgenommen. 

Nach einer Kindheit voller Verbote und unsinniger Strafen – ihr Vater verfrachtete sie beispielsweise für einen Monat in ein Waisenhaus für Mädchen, weil sie den Schulweg mit einem Buben gelaufen war –, heiratete Letizia mit 16 nach einer «Fuitina». Eine damals gängige Praxis in Süditalien, wenn eine oder gar beide Familien gegen die Heirat waren. Das Paar verschwand rund eine Woche, um unmissverständlich zu machen, dass es Sex hatte oder auch nur um die Vermutung zu schüren. Nach der Rückkehr blieb den Familien nichts anders übrig, als der Vermählung zuzustimmen. Denn eine geschwängerte Tochter ohne Ehemann wäre eine Schande gewesen. Mit der Hochzeit verband Letizia die Hoffnung auf die Freiheit, die ihr zu Hause komplett entzogen wurde. Sie wollte studieren, um Schriftstellerin zu werden. Immer wieder bat sie ihren Gatten vergeblich um Erlaubnis. Gleichzeitig bemühte sie sich, eine gute Ehefrau zu werden – und das aufrichtig. Sie sehnte sich nach Liebe, Respekt und vor allem danach, so akzeptiert zu werden, wie sie war. 

Als sie 17 war, brachte sie ihre erste Tochter zur Welt. Und als 24-Jährige zählte sie schon drei. Sie liebte ihre Töchter und ihren Mann. Aber nach wenigen Jahren wurde klar, dass sie ganz unterschiedliche Vorstellungen vom Leben hatten. Wie die meisten ihrer süditalienischen Zeitgenossinnen durfte Letizia nicht studieren, nicht arbeiten gehen und auch nicht in der Firma ihres Mannes aushelfen. Er wollte, wie es in seiner Familie üblich war, eine Frau, die zu Hause bleibt und vor allem nicht denkt. Schon das harmlose Werten eines Filmes war ihm zu viel. Fellinis «8½» beeindruckte Letizia und sie kommentierte eines Abends begeistert die verschiedenen Szenen. Inakzeptabel: Sie könne unmöglich eigene, kritische Gedanken über den Film entwickeln, die irgendeinen Wert besässen, wurde sie angeherrscht. Sie durfte noch nicht einmal sagen, dass er ihr gefällt. 

 

Traditionen und Ehrverständnis als Nährboden

Strenge familiäre Strukturen, in denen klar definiert ist, wer welche Rollen einzunehmen hat, sind auch feste Grundlage innerhalb der Mafia. Der Mann habe Mann zu sein, er müsse vor allem seine Ehre verteidigen, immer und egal um welchen Preis, waren die Mafiosi überzeugt. Gege­n die üblichen Konventionen, ohne Zustimmung der Familie und nach vielen schweren Jahren, die ihr gesundheitlich sehr zusetzten, floh Letizia eines Nachts mit ihren Töchtern und reichte mit 35 die Scheidung ein.

Sie ging nach Mailand, um Abstand zu gewinnen und einen Neustart zu wagen. Von dort aus belieferte sie die Redaktion von L’Ora mit Fotografien von namhaften Sizilianern, die sich in Norditalien aufhielten. Zu ihren ersten Aufnahmen gehören Fotos von dem bekannten Filmregisseur, Dichter und Publizisten Pier Paolo Pasolini. Wenige Jahre später wurde sie gebeten, den Fotoservice für die Zeitung zu übernehmen, und kehrte deswegen nach Palermo zurück. Letizia wurde somit die erste Frau in Italien überhaupt, die für eine Tageszeitung fotografierte.

 

«Das Mädchen mit dem Ball», La Cala Quartier, Palermo, 1980 (Foto: Letizia Battaglia, Abbildung: Nadia Bendinelli)
Die Fotografie als Befreiung

Dank der Fotografie wurde Letizia eine eigenständige Person. Die Arbeit gab ihr eine Identität und Selbstvertrauen, kurzum: ein Leben. Die Journalisten jener Zeit pflegten den Fotografen zu erklären, welche Bilder sie wünschten. Doch Letizia hörte niemandem zu, sie machte die Dinge nach ihrer Scheidung so, wie sie sie haben wollte. Die Welt stand ihr nun offen und sie war entschlossen, diese Chance zu nutzen. Vor allem wollte sie sich sozial engagieren, einen Beitrag leisten. Mit derselben Entschlossenheit und demselben Wunsch nach Gerechtigkeit, die sie bewegten, gegen die Mafia zu kämpfen, initiierte sie zahlreiche soziale und kulturelle Projekte.

1985 trat Letizia einem Gemeinderat in Palermo bei und war schon zwei Jahre später als Stadträtin für die urbane Lebensqualität zuständig. Diese Aufgabe gefiel ihr, sie konnte den öffentlichen Raum durch kleine Massnahmen aufwerten, indem sie etwa Gehwege reparieren oder Bäume pflanzen liess. Sie fand es wichtig, die Menschen für den öffentlichen Raum zu sensibilisieren, um gemeinsam etwas Schönes zu schaffen. 1991, als sie Abgeordnete für die Region Sizilien wurde, verlor sie jedoch die Freude am politischen Engagement. Denn in ihrer neuen Funktion konnte sie kaum noch Konkretes für die Menschen bewirken.

Mitte der 1980er-Jahre erhielt sie – ex aequo mit der Amerikanerin Donna Ferrato – den Eugene-Smith-Preis in New York, eine relevante Auszeichnung für Fotojournalisten. Das verschaffte ihr internationale Aufmerksamkeit, doch in Italien erhielt sie weiter wenig Zuspruch. Die Fotografien, die sie in Ausstellungen in ihrer Heimat zeigte, wurden oft fälschlich Franco zugeschrieben. Auf Anerkennung in Italien musste sie noch Jahre warten.

 

Die Morde an Giovanni Falcone und Paolo Borsellino als Auslöser einer Lebenskrise

Während der knapp zwanzig Jahre, die sie für L’Ora fotografierte, hielt sie allerlei Ereignisse in und um Palermo fest: Fussballspiele, Hochzeiten, Feste und eben auch Morde. Und immer wieder porträtierte sie einheimische Mädchen, die auf ihren Bildern nie lachen – einen Spiegel ihrer Kindheit. In ihnen sah sie eine reine Schönheit, die sie bei Männern mit wenig Ausnahmen nicht zu sehen vermochte. Nachdem sie von der Pressearbeit Abstand nahm und nach einer erneuten Flucht, unter anderem um die Morde an den Richtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino zu verarbeiten, begann sie wieder zu fotografieren. Sie bildete Frauen so ab, wie sie waren, nackt, stolz und frei – nicht als reizende Objekte, sondern als resolute Wesen, die ihr Leben selbst bestimmen; befreit von einer Machokultur, in der sie als reiner Besitz betrachtet wurden. 

Der Bombenanschlag auf Giovanni Falcone im Mai 1992, der das ganze Land in einen kollektiven Schockzustand versetzte, führte bei Letizia zu einem Zusammenbruch. Bei einem weiteren Anschlag zwei Monate später wurde auch Paolo Borsellino getötet. Die beiden waren die Schlüsselfiguren im Kampf gegen die Mafia nicht nur in Italien, sondern auch auf internationaler Ebene. Der Verlust war unfassbar. Die Zeit danach wirkte auf Letizia sehr destabilisierend. Sie bekam den Eindruck, vieles sei umsonst gewesen. Sie hatte verloren. Alles, was ihr bis anhin Halt gegeben hatte, verschwand: Ihre Mutter starb, L’Ora wurde geschlossen, die eben gemachte Erfahrung als Abgeordnete hinterliess einen bitteren Nachgeschmack und das Gefühl, machtlos in einem undurchdringlichen System gefangen zu sein. Auch ihre wichtige Beziehung mit Franco war beendet, neue berufliche Möglichkeiten hatten ihn aus Palermo fort gelockt. Sie verstand und gönnte ihm den Erfolg, trotzdem fiel die Trennung den beiden schwer.

 

Hoffnung und Lebensfreude

Doch Letizia vermochte sich wie schon viele Male zuvor neu zu erfinden. Bis zu ihrem Tod war ihr Kalender voller Termine, und sie reiste rund um die Welt. Ausstellungen, kulturelle Projekte, Workshop, Vorträge – und wo immer sie konnte, bemühte sie sich, junge Fotografen zu fördern, ihnen Mut zu machen und sie zu motivieren. Zum Beispiel gründete sie das Centro Internazionale di Fotografia in Palermo, ein Ort der Begegnung, an dem schon weltbekannte Fotografen ausgestellt haben und junge Talente durch Kurse und interdisziplinären Austausch gefördert werden. Oft sprach sie von Liebe und Schönheit. Das Wort meraviglioso (wundervoll, wunderschön) verwendete sie in Bezug auf das Leben und die Zukunft immer wieder. Nicht weil sie eine naive Frau war, sondern weil sie an all das glauben wollte. Denn sie musste auf das Gute hoffen, um nicht aufzugeben.

 

 

Mi prendo il mondo ovunque sia. Una vita da fotografa tra impegno civile e bellezza

Mi prendo il mondo ovunque sia. Una vita da fotografa tra impegno civile e bellezza
Sabrina Pisu

288 Pages
21 Illustrations
Taschenbuch
ISBN 9788806246778
Einaudi
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