Holzarchitektur, die beliebte Unbekannte

Elias Baumgarten
7. January 2021
Illustration: World-Architects.com

Das Interesse am Holzbau ist gross wie nie. Doch was müssen wir wissen, um gute Holzarchitekturen entwerfen und die Vorteile des Materials voll ausnutzen zu können? Mario Rinke und Martin Krammer haben dazu mit «Architektur fertigen. Konstruktiver Holzelementbau» ein beeindruckendes Buch herausgegeben. Als die Vernissage verschoben werden musste, haben wir unsere Chance ergriffen und die Herausgeber zusammen mit der Produzentin Katharina Lehmann und dem Architekten und Entwurfsprofessor Hermann Kaufmann zum Interview eingeladen.

Technische Informationen über das Bauen mit Holz gibt es zuhauf. Zahlreiche Atlanten geben Auskunft über Materialeigenschaften, Konstruktionen und Details. Doch was müssen wir beim Entwerfen von Holzbauten beachten? Wie müssen wir unsere Arbeitsweise anpassen? Was müssen wir wissen, welche Verbündeten haben wir? Schliesslich läuft der Planungsprozess im Holzbau aufgrund des hohen Vorfertigungsgrades weniger sequenziell ab als sonst (noch) üblich. Ausführungsrelevante Entscheidungen müssen früher getroffen werden, Umsetzung und Logistik sollten fast vom ersten Strich an mitgedacht werden. Auch ist die Digitalisierung im Holzbau bereits weiter vorangeschritten als im grossen Rest der Bauwirtschaft: Seit über drei Jahrzehnten wird zum Beispiel routiniert mit 3D-Modellen gearbeitet, und Roboter stehen heute bereits in den Montagehallen einiger Holzbauer. Mario Rinke und Martin Krammer beleuchten mit «Architektur fertigen. Konstruktiver Holzelementbau» den Holzbau speziell aus Architektenperspektive. Wir durften bereits einen Blick ins Buch werfen: Es ist sehr umfangreich und extrem dicht, trotzdem aber leicht zu fassen, weil verständlich geschrieben und übersichtlich aufgebaut – ein heisser Tipp für alle, die an zukunftsfähigen, qualitätsvollen Holzarchitekturen arbeiten möchten. Doch was sagen die Beteiligten selbst?

Foto: Elias Baumgarten
Foto: Elias Baumgarten

Elias Baumgarten: Martin, Mario, warum sollten Architektinnen Euer Buch kaufen?

Martin Krammer: In meiner Laufbahn habe ich schon öfter erlebt, dass Kollegen einen Holzbau gestalten wollten, dabei aber am Ende doch ein Stahlbeton-Projekt herausgekommen ist. Holz fasziniert, ist aber im Konstruktionsdenken vieler Architektinnen noch nicht ausreichend verankert. Auch wenn einige virtuos mit dieser Konstruktionsweise umgehen, bestehen bei vielen Wissenslücken, die sie bereits im Entwurf ausbremsen. Es ist zwar kein Problem, an technische Informationen geschrieben von Ingenieuren zu kommen, aber was bedeutet die Bauweise für das Entwerfen? Wie laufen Planung und Umsetzung ab, wann müssen wichtige architektonische Entscheidungen getroffen werden, welche Expertinnen sind beteiligt? Wir wollten ein Buch speziell für Architekturschaffende machen, das diese Fragen beantwortet.

Mario Rinke: Darum haben wir eine lange Einführung mit sechs Beiträgen zusammengestellt, die Grundlagen zum Holzbau liefern und diesen unter Berücksichtigung der aktuellen Umbrüche in unserer Disziplin, etwa durch die voranschreitende Digitalisierung oder die Notwendigkeit nachhaltig und zukunftsfähig zu bauen, besprechen. Danach werden Vor- und Bauprojekt als Planungsphasen vorgestellt, wobei unsere Autoren auf Fragen eingehen, die währenddessen aus Architektenperspektive auftreten können. So beleuchtet der Holzbauingenieur Peter Makiol, welche konzeptionellen Entscheide im Vorprojekt wichtig sind, der Architekt Frank Lattke bespricht dann konkretere materialspezifische und baupraktische Aspekte im Bauprojekt. Wir möchten, dass Architektinnen nach der Lektüre besser gerüstet sind, Ingenieuren, Firmen und Handwerkern auf Augenhöhe zu begegnen. Am Ende des Buches geben wir schliesslich einen Ausblick und fragen, wohin sich der Holzbau zukünftig entwickeln wird und welche Herausforderungen zu meistern sind. Insgesamt bieten wir unseren Lesern 20 Essays und 16 gebaute Beispielprojekte. Zudem war uns wichtig, die Texte mit ansprechenden Grafiken zu illustrieren.

EB: Herr Kaufmann, Sie haben für das Buch geschrieben und den Herausgebern zusammen mit Frau Lehmann ein Interview gegeben. Worin sehen Sie den Wert der Publikation?

Hermann Kaufmann: Wir haben den Holzbau seit Beginn der Moderne vernachlässigt! Jetzt befinden wir uns in einer Aufholphase. Wie schon richtig gesagt wurde, gilt es Know-how aufzubauen. Als Architekt muss man die Grundregeln des Holzbaus verinnerlichen, sonst drohen nach der Entwurfsphase lange Reparaturprozesse oder Projekte scheitern sogar ganz. Vor allem ist wichtig zu verstehen, dass Holzbau vorgefertigtes Bauen bedeutet, was einen anderen Planungsprozess mit sich bringt. Je früher Holzbauwissen in die Planung eines Gebäudes miteinbezogen wird, umso besser. Für unsere Disziplin bedeutet das, sich entweder selbst viel Fachwissen anzueignen oder schon früh gute Partner mit einzubinden – wie in der Schweiz, wo es zum Teil üblich ist, die Holzbaukompetenz durch den Holzbauingenieur ins Team zu holen. Es wird für unseren Berufsstand immer wichtiger, nahe am Baugeschehen zu bleiben. Sind wir ehrlich, vielen gelten wir heute nur noch als lästige Designer, die die Dinge unnötig verkomplizieren. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit Fertigung und Technologie hilft uns, nicht von Generalunternehmern und der Ingenieursclique aus dem Planungsprozess verdrängt zu werden und somit die Garanten für Architekturqualität bleiben zu können. 

Katharina Lehmann: Die wichtigste Botschaft des Buches ist auch aus meiner Produzentensicht, dass Planungsprozesse im Holzbau anders ablaufen. Es wird sehr gut erklärt, wie Gestaltung, Konstruktion und Vorfertigung ineinandergreifen. Die Auseinandersetzung mit dem Holzbau ist für alle interessant, weil er Vorreiter ist und Entwicklungen vorwegnimmt, die die ganze Bauindustrie erfassen werden. Zum Beispiel gehe ich davon aus, dass sich Arbeitsprozesse generell verändern werden. Nehmen wir etwa BIM (Building Information Modeling) – es geht dabei doch weniger darum, mit 3D-Modellen zu arbeiten; vielmehr ist das Ziel die Anwendung der sogenannten BIM-Methode, also eine neue Art der Zusammenarbeit, die gewohnte Entscheidungsstrukturen über den Haufen wirft und die Neuverhandlung von Rollen und Kompetenzen erforderlich macht.

Foto: Elias Baumgarten

EB: Alle haben nun betont, dass es in der Architekturszene Wissensdefizite bezüglich des Holzbaus gebe und dieser nach einer anderen Arbeitsweise verlange. Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, wie gut der Nachwuchs an unseren Architekturschulen darauf vorbereitet wird. Bringen junge Architektinnen heute das nötige Wissen aus dem Studium bereits mit?

KL: Der Holzbau wird in der Ausbildung romantisiert! Für viele Architekten scheint mit Holz zu arbeiten ausschliesslich zu bedeuten, eine lange handwerkliche Tradition wachzuhalten. Sie sind industriefeindlich eingestellt und schwärmen von japanischen Verbindungen, sobald man auf das Thema zu sprechen kommt. Das sehe ich kritisch, denn es hemmt den Fortschritt. In den letzten zwanzig Jahren hat sich der Holzbau, gemessen an seinen Möglichkeiten, viel zu langsam entwickelt! Angehenden Architektinnen sollte vermittelt werden, dass technische Innovationen wichtig sind, damit sie ihrer Verantwortung – übrigens gerade auch im ökologischen Sinne – gerecht werden können. Ich würde mir wünschen, dass sie in der Ausbildung dazu erzogen werden, Potenziale zu erkennen und auf ihre Ausnutzung zu drängen, statt philosophisch auf Werkstoffe zu blicken oder handwerkliche Traditionen zu verklären. Wer nur in die Vergangenheit blickt, löst keine Zukunftsfragen.

HK: Man kann die Frage nach der Ausbildung nicht pauschal beantworten. Die Schulen verfolgen jeweils eigene Programme und setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Es mag Fakultäten geben, für die diese Kritik zutrifft. Für die TU München aber muss ich sie zurückweisen, hier habe ich vor fast zwanzig Jahren Europas ersten Lehrstuhl für Entwurf und Holzbau gegründet. Da ich aus dem Handwerk komme, liegt es mir sehr am Herzen, und dennoch bin ich mir nicht zu schade, meinen Studierenden auch die konstruktiven Möglichkeiten und Gesetzmässigkeiten des modernen Holzbaus zu vermitteln. 
Aber es ist definitiv wichtig, dass wir kritisch über die Ausbildung diskutieren. Wir müssen dem Material Holz in den nächsten Jahren an den Fakultäten einen grösseren Stellenwert einräumen. Wir brauchen eigenständige Lehrstühle für Holzbau, die nicht von Ingenieuren, sondern von Architektinnen geleitet werden und den Entwurfsprozess im Zusammenhang mit Holz vertieft lehren. Denn die Nachfrage nach Architekten und Ingenieuren mit Holzbauwissen wird rasch zunehmen.  

Foto: Elias Baumgarten

EB: Im Holzbau ist der Digitalisierungsgrad höher als in anderen Teilen der Bauwirtschaft. CNC-Maschinen mit Daten aus dem 3D-Modell zu speisen, ist zum Beispiel längst üblich. Auch die robotische Vorfertigung von Bauteilen ist kein Neuland mehr, sondern in der Praxis erprobt. Zum Beispiel wurde die Holzkonstruktion des Arch_Tec_Lab der ETH Zürich von Robotern der Firma Erne gefertigt. Im Buch finden sich zum Einsatz digitaler Werkzeuge im Holzbau gleich mehrere spannende und sehr ausgewogene Beiträge. Besonders interessiert habe ich jenen über parametrische Methoden gelesen, der diese gut erklärt und verschiedenste Anwendungsmöglichkeiten beleuchtet – so wird mit dem Missverständnis aufgeräumt, diese seien nur zur Entwicklung komplexer Freiformen zu gebrauchen.

MK: Dieses Feedback freut mich sehr, denn wir wollten durch unser Buch generell mit Vorurteilen und Ängsten aufräumen. Zu oft erleben wir vorgefertigte Meinungen, die in die Irre führen. Wir sollten uns mehr öffnen und vor allem neugieriger sein. Ich wünsche mir, dass wir Architekten wieder mehr als die Agents Provocateurs im Sinne der Entwicklung auftreten, wie es Marianne Burkhalter und Christian Sumi in ihrem Beitrag einfordern. Parametrische Werkzeuge können dabei nützlich sein, weil sie uns helfen, die wachsende Komplexität in den Griff zu bekommen, mit der wir uns auseinandersetzen müssen.

KL: Dem kann ich nur beipflichten. Das heisst aber nicht, dass man parametrisch entwerfen muss. Das ist ein Missverständnis, dass die Angst schürt, die Hoheit über den kreativen Prozess an Algorithmen zu verlieren. Ich kenne Architekten, die analog gestalten und später im Prozess dennoch auf Parametrik setzen. Das ist kein Widerspruch. 
Bei Blumer-Lehmann verwenden wir parametrische Werkzeuge sowohl bei der Arbeit an Freiformen, die hochkomplexe Prototypen sind, als auch im Bereich Modulbau, der maximal standardisiert ist. In beiden Fällen ermöglichen uns intelligente Modelle, auf veränderliche Rahmenbedingungen oder gestalterische Anpassungen zu reagieren, ohne jedes Mal neu zeichnen zu müssen. Für uns als Produzenten ist die Parametrik ein effizientes Mittel zur Selbsthilfe.

Foto: Elias Baumgarten

EB: Das Buch endet mit einem Ausblick auf die Zukunft des Holzbaus, der zum Nachdenken anregt. Darum zum Abschluss: Wohin wird er sich in den nächsten Jahren entwickeln?

HK: Es gibt immer mehr Kapitalgeber, die nachhaltig investieren wollen. Projektentwickler, die bis vor kurzem «Holz» nicht einmal fehlerfrei schreiben konnten, interessieren sich neuerdings brennend dafür. Die Nachfrage ist enorm. Das ist wunderbar, aber auch ein Stück weit gefährlich: Wir müssen jetzt unbedingt beweisen, dass wir diesen grossen Bedarf in hoher Qualität befriedigen können. Sonst riskieren wir, dass es zu einer Gegenbewegung kommt und sich viele Bauherren wieder vom Holzbau abwenden.
Wichtig finde ich weiterhin, dass der Holzbau wieder einfacher wird. Aktuell ist die Komplexität zu hoch, es werden zu viele Schichten eingebaut. Das ist problematisch, unter anderem weil es die Kreislauffähigkeit einschränkt. 

MR: Bei aller Freude über den aktuellen Hype muss man sagen, dass der Holzbau gerade auf einer grünen Welle surft. Die Aufmerksamkeit, die er geniesst, ist sicher auch politisch gemacht. Wichtig ist zu verstehen, dass Gebäude nicht per se nachhaltig sind, weil sie aus Holz gebaut werden. Betrachtet man den Beitrag des Holzbaus zu einer zukunftsfähigen Baukultur, kann noch viel verbessert werden.

MK: Der gesellschaftliche Druck wird noch wesentlich steigen. Die Debatte um Nachhaltigkeit hat gerade erst so richtig begonnen. Ich denke, dass der Modulbau an Bedeutung gewinnen wird – also die Entwicklung von Gebäuden, die nicht nur rezykliert, sondern mehrfach verwendet werden können. Das Umbauen und Adaptieren wird ein grosses Thema werden, denn die nachhaltigsten Gebäude sind jene, die gar nicht neu gebaut, sondern wiederverwendet werden. Der Holzbau bietet hier grossartige Möglichkeiten. 

KL: Aber nicht nur das Bauen mit Holz wird sich weiterentwickeln, sondern auch der Werkstoff an sich. Wir werden neue Halbfarbikate sehen, und die Materialforschung wird sich verstärkt mit der Faser auseinandersetzen.
Ich glaube fest daran, dass sich die Bauwirtschaft industrialisieren muss. Dabei werden die Vorfertigung und unser Baustoff eine grosse Rolle spielen. Das ist der Fortschritt der Zeit und widerspricht romantischen Vorstellung vom Holzbau überhaupt nicht. Es tut seinen atmosphärischen, raumklimatischen und haptischen Qualitäten keinen Abbruch.

Foto: Elias Baumgarten
Architektur fertigen. Konstruktiver Holzelementbau

Architektur fertigen. Konstruktiver Holzelementbau
Mario Rinke, Martin Krammer (Hrsg.)

230 × 330 Millimeter
208 Pages
320 Illustrations
Klappenbroschur
ISBN 9783038630562
Triest
Purchase this book


Friederike Kluge und Meik Rehrmann (Alma Maki, Countdown 2030), Verena Konrad (Vorarlberger Architektur Institut) und Martin Haas (haascookzemmrich STUDIO2050, Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen) haben in unserem fünften D-A-CH-Gespräch über klima- und umweltfreundliches Bauen diskutiert.

Zur Digitalisierung der Schweizer Bauwirtschaft veranstalteten der Bund Schweizer Architekten (BSA) und die Schweizerische Zentralstelle für Baurationalisierung (CRB) im November 2019 eine grosse Tagung mit hochkarätigen Referent*innen.

Related articles

Other articles in this category