Das Werk der Hände

Susanna Koeberle
26. marzo 2020
Der 2019 eröffnete Raum Eleven Steens zeigte an der «Collectible» Arbeiten von Johan Viladrich. (Foto: Jeroen Verrecht/Collectible)

Der Besuch der «Collectible», einer Messe für zeitgenössisches Design, bot die Gelegenheit, über Dinge und ihre Machart nachzudenken. Gerade zu Hause sind wir umgeben von Objekten, die von Menschen hergestellt sind.

Kurz nach Ende der «Collectible», der Messe für zeitgenössisches Design in Brüssel, wurde die zeitgleich stattfindende Kunstmesse «Tefaf» frühzeitig abgebrochen. Auch Belgien musste einsehen, dass Messen zurzeit keine gute Idee sind. Im Nachhinein ist man immer klüger. Wir haben in Europa die Corona-Pandemie lange unterschätzt, uns fehlt auch die entsprechende Erfahrung im Umgang mit solchen Szenarien. Angesicht der aktuellen Lage hat es schon fast etwas Zynisches nun über einen der letzten Designevents vor dem allgemeinen Shutdown zu schreiben. Denn diese Krise stellt uns zu Recht auch vor Fragen, die unser Konsumverhalten betreffen. Was brauchen wir «wirklich»? Worauf können, wollen oder müssen wir verzichten? Diesen Fragen zum Trotz soll dieser Bericht eine Hommage an die Kreativität sein. Gerade Kreative (wie etwa Handwerker*innen oder Designer*innen) sind durch die Corona-Krise besonders betroffen, da sie häufig als Selbständige arbeiten und keine Reserven haben. 

So nebensächlich Design und Handwerk angesichts der heutigen Ereignisse erscheinen mögen, wir dürfen nicht vergessen, dass beide Teil unserer Kultur sind. Und diese Kultur trägt auch dazu bei, unser Leben durch schöne Gegenstände aufzuwerten. Gegenstände, die wir gerade in dieser Zeit vielleicht neu schätzen lernen. Vielleicht überlegen wir uns auch vermehrt, wie Objekte hergestellt werden. Die Teetasse, aus der wir immer trinken, der Hocker, der auch als Buchablage dient, der Stuhl, den wir nun im Home-Office täglich benutzen, sind alle menschengemacht. Einige dieser Alltagsgegenstände werden sogar ganz von Hand gefertigt. Unsere Hände können uns oder anderen nicht nur das Leben retten (schon bloss durch das simple Händewaschen), sondern auch die wunderbarsten Dinge kreieren!

Atelier Jespers ist ehemaligen Haus des Bildhauers Oscar Jespers domiziliert. An der «Collectible» waren auch Arbeiten des belgischen Architekten-Kollektivs Stand van Zaken zu sehen. (Foto: Jeroen Verrecht/Collectible)
Plattform für Handwerk und Gestaltung

Gegenstände werden von Handwerker*innen und Gestalter*innen hergestellt und entworfen. Dass die «Collectible» sich ausschliesslich dem zeitgenössischen Design verschrieben hat, ist mutig. Denn der Markt dafür ist im Gegensatz zum Vintagedesign noch jung. Doch die dritte Ausgabe der Veranstaltung beweist, dass das Interesse für zeitgenössische Gestaltung durchaus besteht. Damit dieses Kulturgut überlebt, muss es gepflegt werden. Die «Collectible» versteht sich auch als Plattform für die unterschiedlichsten Akteure der Szene – Handwerker*innen und Designer*innen, Kollektive, Galerien, Museen, interdisziplinäre Kulturzentren oder kleine Brands. Die Bandbreite der Aussteller*innen widerspiegelte die unterschiedlichen Tendenzen in diesem stark durch Transdisziplinarität geprägten Sektor. Nicht zuletzt unterstützt die «Collectible» damit auch das Handwerk an sich, das für viele Menschen auf der Welt die einzige Einnahmequelle bedeutet. 

Eine Brüsseler Galerie, die ganz bewusst auf einen transdisziplinären Diskurs setzt, ist Maniera. Die beiden Gründer Amaryllis Jacob und Kwinten Lavigne beauftragen Architekt*innen und Künstler*innen mit dem Entwerfen von Möbelstücken oder anderen Objekten für den Haushalt. Die Kooperationen mit ihnen entstehen meistens durch persönliche Begegnungen. In den sechs Jahren seit der Gründung dieser einzigartigen Designgalerie ist eine stattliche Anzahl von Entwürfen entstanden, welche sowohl in limitierter Edition wie auch in offenen Auflagen angeboten werden. Auch mit Schweizer*innen arbeiten die beiden Galeristen regelmässig zusammen, namentlich mit dem Textildesigner Christoph Hefti, mit den Architekten Christ & Gantenbein, mit Trix und Robert Haussmann oder mit dem Designer Stéphane Barbier Bouvet. Maniera ist jeweils auch an der «Design Miami/Basel» präsent, die dieses Jahr aufgrund der Corona-Epidemie erst im September über die Bühne gehen kann. An der «Collectible» zeigte Maniera eine Auswahl neuerer Arbeiten, darunter filigrane Sitzgelegenheiten des indischen Architekten Bijoy Jain (Studio Mumbai) oder Stücke des amerikanischen Architekten und Designers Jonathan Muecke. 

Bei Maniera waren auch neue Stücke des indischen Architekten Bijoy Jain ausgestellt. (Foto: Jeroen Verrecht/Collectible)
Kollaborationen zwischen Disziplinen

Ein schönes Beispiel einer disziplinenübergreifenden Kooperation war am Stand der Kulturinstitution Z33 zu sehen. Das Zentrum für Kunst, Design und Architektur lud im Rahmen seines Förderprogramms «Format» verschiedene Kreative ein, ein Objekt zu entwickeln. Auch der belgische Architekt Ruben Castro und die koreanische Künstlerin Miyeon Lee gehörten zu den Residenten von Z33. Die beiden leben zurzeit in Chur, da Castro im Büro von Peter Zumthor tätig ist. Gemeinsam kreiert das Paar Objekte für das Haus. Ausgehend von Georges Perecs Buch «Das Leben. Eine Gebrauchsanweisung» (1978), in welchem den 99 Zimmern eines Pariser Wohnhauses jeweils ein Kapitel gewidmet ist, entwerfen Lee Castro Designobjekte für verschiedene Räume. «Chapter one» beinhaltet einen Spiegel, eine Lampe sowie einen Garderobenhaken. «Chapter two» entstand, während sie in Brüssel lebten. Dort waren die beiden Teeliebhaber auf der Suche nach einem formschönen Wasserreiniger. Nach langer Suche wurden sie fündig, doch dabei kam die Idee auf, ein eigenes Objekt zu kreieren, das Nutzer*innen näher an das fliessende Wasser und seinen Gebrauch in der Küche bringen sollte. 

Sie entwickelten also ein eigenes Wassereiniger-Modell, das auch dem Thema Nachhaltigkeit gerecht wird. Inspiration für den Entwurf bildete eine Keramiktypologie aus Korea. Der Name Mondglas geht auf die runde Form der traditionellen Vasen und ihre milchige Glasur zurück. Die Ausführung des Stückes wollten Lee Castro einem koreanischen Handwerker übertragen. Der Keramikmeister Hyung Kyu Kim lebt in Südkorea und ist spezialisiert auf die Mondglastechnik, er schuf drei Exemplare des Wasserreinigers von Lee Castro. Zwei mattweise, bauchige Gefässteile sind aufeinander gestapelt und stehen auf drei Bronzefüssen. Dem skulpturalen Objekt ist die asiatische Referenz zwar deutlich anzusehen, doch wirkt es zugleich modern und zeitlos. Und es ist zudem auch nützlich: Das Wasser wird dank einem Keramikfilter im Innern gereinigt. 

Miyeon Lee im Gespräch mit Keramikmeister Hyung Kyu Kim (Foto: Ole Schwarz)
Der Wasserreiniger «Chapter Two» entstand im Rahmen einer Residenz im Kulturzentrum Z33. (Foto: Lee Castro)
Archetypen als Inspiration

Dass Architektur für Designer*innen eine Inspirationsquelle bilden kann, zeigen auch die Arbeiten von Johan Viladrich und Noro Khachatryan. Mit unterschiedlichen Materialien (Stein oder Metall) schaffen die beiden transdisziplinär arbeitenden Designer nützliche Architekturen im Kleinformat. Dank ihren archetypischen Formen und ihrer materiellen Reduktion sind die Stücke klar verständlich. Sie zeigen ihre Machart offen und geben dem Material eine eigene Präsenz. Dieser fast radikale Auftritt der Objekte wirkt auf den ersten Blick streng. Zugleich erzählen die Stücke von der Transformation vom Material zum Gegenstand und lassen die Betrachter*innen und Nutzer*innen an diesem Prozess teilhaben. Während Johan Viladrich seine Stücke stets selbst fertigt, arbeitet Khachatryan manchmal auch mit spezialisierten Handwerkern zusammen. 

Die architektonischen Objekte von Noro Khachatryan am Stand der Galerie Philia aus Genf und New York (Foto: Galerie Philia)

Kreativität nimmt ihren Anfang häufig im banalen Alltag, sie entsteht aus einfachen Erfahrungen heraus. So erstellt der niederländische Designer Rikkert Paauw seine Designobjekte stets aus vorgefundenen Materialien. Seine Stücke entstehen stets vor Ort und widerspiegeln den Charakter einer Stadt auf ganz unmittelbare und physische Weise. Auf seinen Streifzügen durch urbane Landschaften findet Paauw Fragmente von weggeworfenen Möbelstücken oder Baumaterialien. Diese baut er neu zusammen und schafft aus den Relikten neue Gebrauchsgegenstände. Die Reassemblage geschieht nach ästhetischen Kriterien. Basierend auf dem Prinzip der Collage entstehen so Einzelstücke, die auch dazu anregen, selber tätig zu werden. Wir müssen nur unseren Händen vertrauen.

Die Arbeiten von Rikkert Paauw waren bei der Galerie Valerie Traan zu sehen (Foto: Ligia Poplawska)

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