Geschichte schreiben

Elias Baumgarten
6. mars 2019
Nicole Reist arbeitet Vollzeit in einem Architekturbüro und trainiert zugleich für das Race Across America. Bild: Stefan Zürrer

Untertags arbeitet Nicole Reist in einem Architekturbüro; so weit, so gewöhnlich. Doch des Nachts trainiert die Extremsportlerin für Leistungen, die kaum zu ermessen sind. 2018 gewann sie die Damenwertung des Race Across America und lieferte der männlichen Konkurrenz ein hartes Rennen, das sie auf dem Podium beendete.

An der Tour de France bewältigen die Fahrer etwa 3'500 Kilometer – über drei Wochen und verteilt auf 21 Etappen. Die Grosse Schleife durch Frankreich gilt vielen als das härteste Radrennen der Welt. Doch das stimmt nicht ganz: Beim Race Across America (RAAM), das von der West- an die Ostküste der Vereinigten Staaten führt, sind circa 5'000 Kilometer und über 52'000 Höhenmeter zu meistern – ohne Unterbrechung. Das Velo wird nur für minimale Schlafpausen verlassen. Ein mehrköpfiges Betreuerteam sorgt sich derweil um das Wohlergehen der Sportler*innen. In 2018 überquerte Nicole Reist aus Winterthur die Ziellinie als dritte – in der Gesamtwertung wohlverstanden. 9 Tage, 23 Stunden und 57 Minuten benötigte sie für die Mammutdistanz und schlief dabei ganze 9 Stunden. Nur zwei Männer jagten schneller von der Pazifikküste zum Atlantik. Auf den Bergstrassen der Rocky Mountains stiess Nicole Reist zwischenzeitlich sogar auf Rang zwei vor.

Zu allen Tages- und Nachstunden wird am RAAM gefahren. Kurze Schlafpausen sind rar. Bild: Stefan Zürrer
Auf Augenhöhe

Am 1. März 2019 hatte die sympathische Athletin gemeinsam mit ihrem Trainer Harry Beck zum Vortrag nach Oerlikon eingeladen. Vor Interessierten und Fans sprach sie über das Rennen, ihr hartes Training, die richtige Ernährung und das hochtechnisierte Material. Eines wurde während ihres Referats rasch deutlich: Ihr Sieg in der Damenwertung und der Schweizer Rekord, den sie dabei aufgestellt hat, sind grossartig, doch verblassen sie vor dem Hintergrund ihres dritten Gesamtrangs und des packenden Rennens, das sie ihrer männlichen Konkurrenz lieferte. Als sie während der Fahrt vom Luxemburger Ralph Diseviscourt überholt wurde, dem späteren Zweiterplatzierten, rief der, so erzählte sie sichtlich bewegt, herüber: «Du machst uns Angst.» Und nachdem Sieger Christoph Strasser im Ziel vom Velo stieg, erkundigte er sich sogleich bei den wartenden Reporter*innen nach Nicole Reist. Ihr bedeutet das sehr viel, wird sie doch als Konkurrentin gesehen und begegnet man ihr auf Augenhöhe. Schliesslich stehen im Radsport nach wie vor oft nur die männlichen Athleten im Rampenlicht, bekommen gute Gehälter bezahlt und erhalten hoch dotierte Verträge mit Sponsoren.

Eiserne Disziplin

Doch Nicole Reists Leistung ist keine Sensation, sondern das Ergebnis eines wahrlich brutalen Trainingsregimes und enormer Willenskraft. Sie arbeitet in einem Vollzeitpensum, um ihre Leidenschaft zu finanzieren. Sponsoren hat sie nur für Velos und weiteres Material – trotz ihres umfangreichen Palmarès: Nicole Reist ist doppelte Siegerin der Damenwertung am RAAM, gewann drei Weltmeistertitel, wurde Europameisterin und mehrfach Schweizer Meisterin. Die etwa 60'000 Franken, mit denen allein nur die Teilnahme am RAAM zu Buche schlägt, muss sie aus eigener Tasche finanzieren. Ihr Wecker klingelt darum täglich um 1.45 Uhr. Hernach absolviert sie die erste Trainingseinheit des Tages – meist mit dem Velo auf der Rolle im Schutzraum ihres Hauses. Gegen 5 Uhr dann geht es zur Arbeit ins Architekturbüro Jegge Mohn & Partner in Fehraltorf im Zürcher Oberland. Dort ist Nicole Reist als Hochbautechnikerin angestellt. Ihr Arbeitstag dauert über zehn Stunden, denn sie muss «vorschaffen» und so Zeit frei schaufeln für die nötigen Sonderferien zur unmittelbaren Wettkampfvorbereitung. Anschliessend steht vor dem Zubettgehen eine weitere «lockere» Trainingseinheit auf ihrer Agenda.

Nicole Reist mit ihrem Team am Ziel in Annapolis. Bild: Stefan Zürrer
Grosse Ziele

Nach ihrem grossen Erfolg wird Nicole Reist heuer nicht am RAAM teilnehmen, wie sie in Oerlikon verriet. Stattdessen bereitet sich die Athletin mit anderen Rennen auf die Ausgabe 2020 vor. Und mit welchem Ziel? Die Antwort fällt so knapp wie entschlossen aus: «Geschichte schreiben.» Allen dürfte klar sein, was das bedeuten soll. Wir sind gespannt und drücken fest die Daumen. 

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