Gekrümmt, offen, bescheiden – oder: Gekerbt, porös, verhandelbar

Inge Beckel
23. janvier 2020
Der Nehru Place in Delhi dient Richard Sennett als Beispiel einer offenen Stadt. (Foto via gsd.harvard.edu)

Richard Sennett, Grandseigneur des Städtebaus und ursprünglich selbst Planer, hat jüngst das Buch «Building and Dwelling. Ethics for the City» geschrieben. Darin folgt er den Spuren Jane Jacobs’ und plädiert vehement für offene Städte. Einige Gedanken zum Buch.

«Cities should open up opportunities, connect people to new people, free us from the narrow confines of tradition — in a word, the city should deepen experience. But modern cities work the opposite way: urban inequality restricts opportunity; spatial segregation isolates people into homogeneous class, racial, and ethnic groups; the public spaces of today's cities are not places for political innovation.»

Richard Sennett [1]

Die gebaute «Ville» gegenüber der gelebten «Cité»

Von prähistorischen Siedlungen bis zu mittelalterlichen Städten präsentierten sich von Menschen geschaffene Orte grundsätzlich als gedrungene Ansammlungen von Häusern. Erst die Moderne hat Städte mit grossem Gerät befahrbar gemacht und das Leben darin beschleunigt. So brachte beispielsweise Georges-Eugène Haussmann Ordnung ins vormals beengte Paris, indem er breite Boulevards in den Stadtkörper schnitt. Gleichzeitig wurden die Lebensorte der Menschen in ihrer Übersichtlichkeit und Haptik geschwächt, meint Sennett. Denn «people move through a space and dwell in a place» [2] – «dwell» kann hier mit verweilen, hausen, wohnen übersetzt werden. Mitte des 19. Jahrhunderts war der Moment, als der gebaute Stadtkörper, die «Ville», und der soziale Körper der Stadtbewohner*innen, die «Cité», getrennt wurden und fortan nicht mehr denselben Schritt in ihrer Entwicklung einnehmen sollten.

Es ist klar, «Ville» und «Cité» sollten in den Augen des Stadtforschers und -beobachters Sennett wieder stärker aufeinander bezogen werden. Nur: Wie? Dafür hat er Material aus der Fachliteratur wie auch aus Romanen gesammelt. Er zeichnet Stimmungen und Gewohnheiten von Protagonist*innen nach und lässt Facetten aus unterschiedlichsten Städten und Zeiten aufleben. Und er erzählt Geschichten, die er selbst erlebt hat. Etwa jene von der Begegnung mit dem Händler Mr. Sudhir in Delhi, bei dem er auf dem Schwarzmarkt ein Ersatzhandy gekauft hat, oder von jener mit einigen Jungs aus Medellín, die Fremde durch die noch heute unübersichtlichen und entsprechend für Ortsunkundige gefährlichen Slums führen. Oder die vom Gang durch ein Aussenquartier Shanghais mit der Beamtin Madame Q., bei dem die beiden infolge von Stadtentwicklungen, die anders als geplant verlaufen sind, auf im Nichts endende Autobahnteilstücke treffen.

«Urbanism’s problem has been more a self-destructive emphasis on control and order, as in the Charter of Athens of the last century, a wilfulness which stands in the way of form’s own evolution. The ethical connection between urbanist and urbanite lies in practising a certain kind of modesty: living one among many, engaged by a world which does not mirror oneself.»

Richard Sennett [3]

Kooperation statt Kontrolle

Um Städte weiterzuentwickeln, braucht es fachkundige Planer*innen wie auch die Stadtbewohner*innen, so Sennett. Dies entgegen etwa Robert Moses, Lúcio Costa oder dem jungen Le Corbusier, die als «einsame» Experten für New York, Brasilia und Paris geplant haben: top down. Im Unterschied auch zur Chicago School oder Jane Jacobs, die Städte primär über Gespräche mit den Einwohner*innen zu entwickeln versuchten: bottom up. Es braucht sie beide – urbanist und urbanite. Ein gutes Mittel dafür sind echte Kooperationen (also nicht Anlässe, an denen die Bevölkerung lediglich über bereits beschlossene Tatsachen informiert wird). Sennett führt ein Beispiel aus dem Libanon an. Dort hatten verfeindete Gruppen mit einem Experten Möglichkeiten des Wiederaufbaus diskutiert. Der Durchbruch gelang dabei in dem Moment, als der Experte die Szene verliess und die Zukunft in die Hände der (auf den Prozess vorbereiteten, zuvor trainierten) Betroffenen gelegt wurde.

Es ist dies ein Beispiel einer Kooperation, einer Zusammenarbeit der planenden und der die Stadt bewohnenden Seite. Sennett zählt viele weitere Methoden oder Kriterien als Instrumente von Seite der Planer*innen und Städtebauer*innen auf, eigentliche Städtebaumassnahmen, die physisch implementiert oder gestaltet werden können. Dazu gehört beispielsweise das Merkmal der Porosität, der Durchlässigkeit. So sollte seiner Meinung nach an der Schnittstelle zwischen zwei Quartieren, die von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen bewohnt werden, ein Öffentlichkeit generierender Bau stehen, eine Markthalle etwa. Das Ziel lautet: Für Menschen, die sich kaum begegnen, einen Begegnungsort schaffen. Denn wir wissen längst, dass Fremdheit und folglich Angst vor dem Fremden über Begegnungen mit eben diesem abgebaut werden können.

«Awareness of, encounters with, addressing others unlike oneself – all constitute the ethics of civilizes. Indifference to strangers, because they are incomprehensibly strange, degrades the ethical character of the city.»

Richard Sennett [4]

Der Natur Reverenz erweisen

Sennett plädiert generell für offene, durchlässige Stadtsysteme. Ein von ihm eingeführter Begriff heisst «seed-planning». Systeme wie die Charta von Athen gelten Sennett demgegenüber als geschlossen und starr, als Eigensinn weniger, wenn er sagt, «wilfulness which stands in the way of form’s own evolution». Mit Analogien wie «seed-planning» oder «form’s own evolution» spannt er einen Bogen zur Landwirtschaft. An anderer Stelle findet sich die Passage: «Cities aren’t farmed today. Instead they are master-planned.» [5] Er sinniert darüber, dass dieselben Samen, ausgestreut über unterschiedlichen Böden, sowohl zu üppigem Pflanzenwachstum als ebenso gut zu keinem Wachstum führen können, je nachdem, ob die Beschaffenheit des Bodens zur Pflanze passt und ob es an besagtem Ort genug Sonne und Wasser gibt. Gedeihen – sei das «Ausgangsmaterial» physischer oder geistiger Natur – ist abhängig vom Kontext.

Mit dieser Analogie spannt Sennett einen umfassenden Bogen zu seiner Kollegin Jane Jacobs. Nicht nur, dass er sich wiederholt mit ihr unterhalten und sicherlich von ihr gelernt hat, vielmehr erinnert die Natur-Analogie an die Publikation, die Jacobs als 84-Jährige herausgegeben hat: «The Nature of Economies» [6]. Obwohl bei Jacobs das menschliche Wirtschaften im Fokus steht und bei Sennett die Schaffung und Gestaltung von Städten, geht es im Subtext hier wie dort darum, dass menschliche Macht begrenzt ist. Leben – das wirtschaftliche wie das städtische – entwickelt sich nie isoliert, vielmehr stets in einen Kontext eingebunden. Es braucht beides, sowohl die Vorstellung von möglichen guten Städten – als menschliche intellektuelle und sinnliche Leistung – als auch eine Umgebung, auf die diese Vorstellung trifft. Daraus werden lebendige Städte, einmal so, ein andermal anders. Deswegen sollen sie offen sein und bleiben, die Städte, die in Sennetts Augen lebensfähig sind und die er sich wünscht.


[1] Richard Sennett, «The Open City», GSD Talks, Vortrag vom 17. Oktober 2017, Harvard University Graduate School of Design, Download vom 20. Januar 2020.
[2] Richard Sennett, «Building and Dwelling. Ethics for the City», London 2019, S. 35.
[3] Ebd. S. 302.
[4] Ebd. S. 126.
[5] Ebd. S. 236.
[6] Jane Jacobs, «The Nature of Economies», New York 2000.

Building and Dwelling. Ethics for the City

Building and Dwelling. Ethics for the City
Richard Sennett

368 Pages
Paperback
ISBN 9780141022116
Penguin
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