Vergnügliche Geschichtsstunde

Elias Baumgarten
25. agosto 2021
Foto: Elias Baumgarten

Sie interessieren sich für Schweizer Geschichte? Dann sollten Sie sich durch den Blog des Schweizerischen Nationalmuseums klicken. 

Wie gut kennen Sie sich eigentlich mit Schweizer Geschichte aus? Wussten Sie zum Beispiel, dass die in New York geborene Genferin Hélène de Pourtalès als erste Frau überhaupt eine Goldmedaille an den Olympischen Spielen gewann? Und dass sich Frauen wie die Anwältin Verena Keller, die sehr gebildet und wirtschaftlich völlig unabhängig war, noch in den 1960er-Jahren energisch gegen das Frauenstimmrecht engagierten? Oder kennen sie Jakob Leonhard, einen Zürcher Taxichauffeur, der im Zweiten Weltkrieg als Doppelagent arbeitete und dies um ein Haar mit seinem Leben bezahlt hätte? Kennen sie die lange Geschichte der wehrhaften Burgen von Bellinzona, die heute zum Weltkulturerbe zählen? Haben Sie schon vom Notfallplan der Schweizerischen Nationalbank gehört, der in Kraft tritt, falls das Land mit Falschgeld überschwemmt werden sollte? Wen solche Themen interessieren, für den ist der Blog des Schweizerischen Nationalmuseums eine grossartige Lektüre.

Die Beiträge sind von Expertinnen und Experten angenehm leicht und verständlich geschrieben. Grosses Vorwissen ist kaum vonnöten, an den Texten Freude haben kann jeder. Oft gelingt es den Autoren, spannende Geschichten um die historischen Fakten zu stricken, was das Lesen noch kurzweiliger macht. Die Texte lassen sich über drei Kategorien – «Zeit», «Thema» und «Format» – sortieren, was die Navigation erleichtert. Aber eigentlich macht es am meisten Spass, sich einfach durch die grosse Themenvielfalt treiben zu lassen.

Foto: Elias Baumgarten
Foto: Elias Baumgarten
Eine Schweizerin holte als erste Frau eine Goldmedaille

Immer noch haben es Frauen in manchen Sportarten – Radsport oder Fussball etwa – viel schwerer als ihre männlichen Kollegen; Sponsoren und Publikum nehmen von ihren Leistungen wenig Notiz. Dabei, so lernt man beim Lesen von Christophe Vuilleumiers Artikel «Die erste Olympiasiegerin» im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums, dürfen sie bereits seit 1900 an Olympischen Spielen teilnehmen – auch wenn man ihnen damals nur magere fünf Disziplinen zugänglich machte. Eine Schweizerin war dabei Pionierin: Die begeisterte Seglerin Hélène de Pourtalès wetteiferte als eine der ersten Frauen an den Olympischen Spielen von Paris und gewann prompt eine Goldmedaille – sie war mit ihrem Mann und ihrem Neffen als Crew der Yacht Lérina angetreten. Doch wahrgenommen wurde ihre hervorragende Leistung, die aus heutiger Sicht vielen Frauen den Weg zu Olympia und allgemein zum Sport bereitet hat, zu ihren Lebzeiten kaum. Nur wenige Reporter berichteten über ihren Erfolg. Dass Frauen überhaupt an sportlichen Wettkämpfen teilnahmen, galt um 1900 als unangebracht und wurde von den meisten Menschen noch abgelehnt. Hélène erlangte zeitlebens keine grosse Bekanntheit – ganz im Gegensatz zu ihrer Schwägerin Marguerite Isabelle de Pourtalès-Naville, die mit ihrem Mann zur ägyptischen Geschichte forschte.

Feministinnen gegen das Frauenstimmrecht

In diesem Jahr feiern wir 50 Jahre Frauenstimmrecht. Der Weg dahin war steinig, die politischen Diskussionen waren langwierig und sehr intensiv. Wer war damals eigentlich gegen die Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen? Auf konservative Männer würden wohl die meisten von uns gleich tippen. Doch so einfach war es nicht: Auch Frauen, die sich selbst sogar als Feministinnen verstanden, oft studiert hatten und nicht selten wirtschaftlich auf eigenen Beinen standen, gehörten zu den entschiedensten Gegnern. Warum nur, fragt man sich heute. Sie befürchteten eine Auflösung althergebrachter Rollenbilder und die «Vermännlichung» ihrer Geschlechtsgenossinnen. Manche sahen gar die Grundfesten der Schweizer Demokratie in Gefahr. Noëmi Crain Merz, Historikerin und Kuratorin des Schweizerischen Nationalmuseums, erklärt in ihrem Beitrag «Frauen gegen das Frauenstimmrecht» den weiblichen Widerstand gegen das Frauenstimmrecht und gibt einen interessanten Einblick in die Weltanschauung der Gegnerinnen von damals.

Foto: Elias Baumgarten
Lebensgefährliches Vabanquespiel für die Ehre

Eine der spannendsten und aktuell meistgelesenen Geschichten im Blog erzählt der Basler Autor, Filmemacher und Kurator Gabriel Heim. Protagonist ist der Zürcher Jakob Leonhard. In den 1930er-Jahren reiste er nach Spanien, um auf der Seite der Faschisten im Bürgerkrieg zu kämpfen. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz wurde er deswegen inhaftiert und – für ihn noch schlimmer – aus der Armee ausgeschlossen. Nach seiner Entlassung brannte er darauf, sich zu rehabilitieren. 1941 heuerte er darum schliesslich bei den Nationalsozialisten als Spion an, um gleich darauf Doppelagent zu werden. Fortan versorgte er die deutschen Stellen mit gezielten Falschinformationen und verriet Spione der Nazis an die Schweizer Behörden. Dieses gefährliche Spiel ging gut bis zum Frühjahr 1944. Dann kam ihm die Gestapo auf die Schliche. Er wurde verhaftet, gefoltert und schliesslich vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Doch Schweizer Diplomaten gelang es, in Berlin die Aufhebung des Urteils zu erwirken. Jakob kehrte 1945 in die Schweiz zurück, wo seine militärische Degradierung zurückgenommen wurde. Auch erhielt er eine Entschädigung von CHF 6000 für seine Haft in Deutschland.

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Wir haben Denise Tonella, die neue Direktorin des Schweizerischen Nationalmuseums, zum Interview getroffen. Was hat sie mit der Institution vor?

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