Meinung

Zum 95. Geburtstag von Ernst Gisel

Jenny Keller
8. juni 2017
Das «Blaue Atelier» von Ernst Gisel. Bild: © jk

Heute wird der Zürcher Architekt Ernst Gisel 95 Jahre alt. Sein «Blaues Atelier» von 1970 hat er 1999 der ETH geschenkt. Die sollte es aus aktuellem Anlass doch für die Öffentlichkeit zugänglich machen.

Das «Blaue Atelier» liegt versteckt hinter dem Wohnungsbau Hegibachstrasse von 1958-60, der auch von Ernst Gisel stammt. Ursprünglich waren in der südlichen Ecke der Parzelle zweigeschossige Einfamilienhäuser als Ergänzung zur Wohnsiedlung geplant. Stattdessen baute Gisel dann anfangs 1970er-Jahre sein «Blaues Atelier». 1973 arbeitete der Architekt dort, bis er es 1999 der ETH schenkte. Mehrere Wohnhäuser vermachte der Architekt der Stiftung PWG, was er in einem Interview im Geschäftsbericht der Stiftung wie folgt begründete: «Wir haben beim Bau der Wohnhäuser, die wir eigentlich für die Eltern meiner Frau gebaut haben, immer an unsere Freunde gedacht, die anständige Wohnungen vorziehen, die auch noch preisgünstig sind. Neben der sorgfältigen Bauweise haben wir vor allem schöne Gärten zugeordnet und dagegen die immer steigenden Landpreise weitgehend ignoriert.»

​Das Wohnhaus an der Hegibachstrasse ist heute auch im Besitz der PWG, und das Atelier versteckt sich nicht nur dahinter, es wird durch einen ummauerten Hof auch von der kleinen Zufahrtsstrasse abgeschirmt. Belichtet wird das Atelier durch eine Vorhangfassade aus Stahl und Glas und über das Sheddach. Das Departement Architektur der ETH stellt das «Blaue Atelier» oberhalb des Hegibachplatzes für projektbezogenes Arbeiten ihren Architekturstudierenden zu Verfügung, was der Nutzung als Architekturwerkstatt, wie sie Gisel im Sinne hatte, durchaus entspricht. Nur habe ich bei meinen zahlreichen Spaziergängen an diesem wunderbaren Bau vorbei, selten Menschen gesehen. Wenn nicht gerade eine Schlussabgabe bevorsteht, ist das Atelier lediglich an den zwei «Entwurfstagen» wirklich belebt. Die Stirnholzböden sind verschmutzt, der Hof ist etwas verwahrlost und aus den Plottern quillen falsch gedruckte Abgabepläne. Schade! Die heuteigen gta-Ausstellungsmacher Fischli/Olsen haben das Atelier einst für Ausstellungen ihres Projekts Studiolo genutzt. Aus Anlass des 95. Geburtstages von Ernst Gisel am 8. Juni schlage ich vor, dass die ETH das Haus wieder als Ausstellungsort nützt – Ernst Gisels Arbeiten wären eine ideale Basis dafür.

Der ummauerte Hof des «Blauen Ateliers» mit den Wohnhaus Hegibachstrasse im Hintergrund. Bild: jk
Blick ins Innere des «Blauen Ateliers». Bild: jk

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