Zurückhaltende Eleganz

Elias Baumgarten
2. mei 2019
Am 30. April 2019 wurde in Grenzach-Wyhlen der Grundstein für das «Flexible Office Building» gelegt. Gestaltet haben es Christ & Gantenbein. Bild: PONNIE Images © Christ & Gantenbein, 2019

Christ & Gantenbein haben ein Bürogebäude für den Campus des Unternehmens Roche im bundesdeutschen Grenzach-Wyhlen nahe Basel entworfen. Es wirkt auf den Visualisierungen leicht und elegant. Zudem werden Erinnerungen an die 1960er- und 1970er-Jahre geweckt. Feierlich wurde letzten Dienstag der Grundstein gelegt.

Stetig im Wachsen

Die deutsche Gemeinde Grenzach-Wyhlen liegt ostwärts Basel, gleich hinter der Staatsgrenze. Einst befand sich dort der grösste europäische Produktionsstandort des Pharmaunternehmens Roche. Heute arbeiten auf dem Campus 1'500 Menschen. Sie sind zuständig für Marketing und Vertrieb verschreibungspflichtiger Arzneimittel auf dem deutschen Markt. Die Anlage beruht auf einem Masterplan, den der Architekt Roland Rohn in den 1960er-Jahren entwickelte. Über die letzten Jahre wurden immer wieder neue Gebäude hinzugefügt. Die Unternehmensführung möchte den Standort, der noch immer eine wichtige Rolle für den Konzern spielt, ausbauen und den Gebäudebestand fortlaufend modernisieren. So entstanden in 2011 das Bürogebäude B10, «Opal» genannt, und das Technikgebäude B16. Beide wurden von Christ & Gantenbein entworfen. In den nächsten Jahren wird ein weiterer Bau entstehen, den die Basler Architekten, die am eingeladenen Studienauftrag (2015) triumphierten, gestaltet haben: das «Flexible Office Buildung» (FOB). Dieses soll das neue Wahrzeichen und Zentrum des Campus’ werden. Am Dienstag, dem 30. April 2019, wurde feierlich der Grundstein gelegt. Die Fertigstellung ist für das Jahr 2021 anvisiert.

So soll das «Flexible Office Building» (FOB) einmal von der neuen Piazza aus gesehen wirken. Bild: PONNIE Images © Christ & Gantenbein, 2019

Der Bauplatz befindet sich im Norden der Anlage, wo zur Emil-Barell-Strasse hin ein öffentlicher Vorplatz entstehen soll. Westlich des FOBs soll zudem eine neue Piazza geschaffen werden. Sie wird, so die Architekten, künftig das Herzstück des Campus’ bilden. Das Gebäude selbst wird einen in etwa rechteckigen Fussabdruck von 55 auf 35 m aufweisen. Seine Ecken werden abgeschrägt. Die Höhe soll 25 m betragen. Alle Meetings werden künftig in ihm stattfinden. 200 Personen sollen nach seiner Fertigstellung darin an ihren Schreibtischen sitzen.

Im ersten Obergeschoss wird sich ein «Forum» mit 500 Sitzplätzen befinden. Es erstreckt sich über zwei Stockwerke. Bild: PONNIE Images © Christ & Gantenbein, 2019
Mit «Forum» und anpassungsfähiger Bürolandschaft

Die Erschliessungskerne haben die Architekten in die vier Gebäudeecken geschoben. So soll die Gebäudemitte freigespielt werden und den Charakter einer «Werkhalle» bekommen. Die grossen, stützenfreien Räume stellten die Gestalter dabei vor eine konstruktive Herausforderung. Die Lösung ist eine in Querrichtung vorgespannte Kassettendecke aus Betonfertigteilen.

Im Erdgeschoss wird sich ein einladendes Foyer befinden. Im ersten und zweiten Obergeschoss soll ein «Forum» mit 500 Sitzplätzen entstehen. Im dritten und vierten Stock werden schliesslich die Büroräume untergebracht. Dabei ist geplant, in der Gebäudemitte eigens entwickelte «Cubicles» aufzustellen. In diesen sollen fokussiertes Arbeiten und dezenter Austausch genauso möglich sein wie Besprechungen. Diese Idee ist derzeit bei der Gestaltung moderner Bürolandschaften zügig auf dem Vormarsch und wird – in unterschiedlichen Ausformulierungen – immer öfter umgesetzt. Man denke hier beispielsweise an den neuen Hauptsitz der Swiss Re in Zürich (2017). Diener & Diener haben diesen entworfen. Insgesamt sollen Inneneinrichtung und Möblierung einen Teil zur Artikulation der Räume beitragen. Durch grosse Fensterflächen wird viel Licht in die Räumlichkeiten dringen. Alle 200 Arbeitsplätze und sämtliche Besprechungsmöglichkeiten werden tagesbelichtet sein. 

Blick aus dem zweiten Obergeschoss ins «Forum». Bild: PONNIE Images © Christ & Gantenbein, 2019
Traditionslinien

Dereinst wurde, wie eingangs erwähnt, am Standort in Grenzach vor allem produziert. Mit ihrem Entwurf wollen Christ & Gantenbein an diese Zeiten erinnern. Das FOB sei eine «zeitgemässe Interpretation der kulturellen und architektonischen Tradition von Roche», schreiben sie. Die Fassade des Neubaus wird von horizontalen Bändern bestimmt sein. Die Materialpalette ist hochwertig und dabei nüchtern: Das Fassadensystem wird aus Aluminiumpaneelen, Pfosten und Riegeln aus dem Leichtmetall und grossen Glaselementen bestehen. Das statische Konzept wird dadurch unterstrichen und die Konstruktion sichtbar. Sie werden so zum «Identitätsmerkmal», wie die Architekten sagen. 

Die Fassade des Neubaus weckt auf den Visualisierungen Erinnerungen, etwa an die feingliedrige Architektur des Pepsi-Cola-Buildings in New York. Es wurde vom Büro Skidmore Owings & Merrill (SOM) entworfen und 1960 fertiggestellt. Dessen Fassade, die, geprägt von grossen Glaselementen und horizontalen Bändern, besonders leicht wirkt, erlaubt Blicke auf die Konstruktion dahinter. Auch lässt der Entwurf von Christ & Gantenbein an die grossartigen gerasterten Welten der Avantgardisten von Superstudio denken, die in den 1960er- und 1970er-Jahren entstanden. 

Situationsplan. Bild: Christ & Gantenbein
Grundriss Erdgeschoss. Bild: Christ & Gantenbein
Grundriss 1. Obergeschoss. Bild: Christ & Gantenbein
Grundriss 2. Obergeschoss. Bild: Christ & Gantenbein
Grundriss 3. Obergeschoss. Bild: Christ & Gantenbein
Grundriss 4. Obergeschoss. Bild: Christ & Gantenbein
Längsschnitt. Bild: Christ & Gantenbein
Querschnitt. Bild: Christ & Gantenbein
Bauherrschaft Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen, Deutschland
Architektur Christ & Gantenbein, Basel
Bauleitung Itten+Brechbühl, Basel
Bauingenieur Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel
Fassade PPEngineering Fassadentechnik, Basel
HLKSE ZWP Ingenieur, Stuttgart, Deutschland
Möblierung INCHfurniture, Basel
Auftragsart eingeladener Studienauftrag, 1. Preis, 2015
Fertigstellung voraussichtlich 2021

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