Das dritte Leben

burkhalter sumi architekten
27. 二月 2020
Foto: Heinz Unger

Mehr als 110 Jahre ist die Zürcher Stadthalle alt, einst beherbergte sie einen der grössten Säle der Schweiz. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der historische Bau zur Parkgarage degradiert. Jetzt erstrahlt er in neuem Glanz. Gestaltet hat die Sanierung das Büro burkhalter sumi. Yves Schihin beantwortet unsere Fragen.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Die Zürcher Stadthalle wurde über 110 Jahre von der wechselnden Geschichte und ihrer Nutzungen geprägt – und prägte zugleich ihrerseits das umliegende Quartier. Der Geschichte einerseits den gebührend Respekt zu zollen und das Gebäude andererseits fit zu machen für die Zukunft, war die grosse Herausforderung der Bauaufgabe. 

Das Besondere an dem massigen Bauwerk ist einerseits seine Lage – es befindet sich überraschend versteckt im Hof einer gründerzeitlichen Blockrandbebauung und ist nur durch eine lange Passage mit der Strasse verbunden. Andererseits ist die Tatsache speziell, dass das Gebäude, das vor etwas mehr als 70 Jahren zu einer Parkgarage umgebaut wurde, durch das Herausschälen der vormaligen Qualitäten und die Stärkung seines räumlichen Potenzials erst aus dem «Dornröschenschlaf» wachgeküsst werden musste.

Diese historische Postkarte zeigt den prachtvollen Saal der Stadthalle.
Foto: Heinz Unger
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Beim Umbau spielte der Umgang mit dem Ort, diesem bedeutenden soziokulturellen lieu de mémoire, eine entscheidende Rolle. Die Vergangenheit sollte ablesbar bleiben: Die Stadthalle wurde 1908 vom umtriebigen Wirtspaar Eser aus wirtschaftlichen Gründen in einem Hinterhof an der Morgartenstrasse erbaut. Der stützenfreie Saal mit Bühne zählte damals zu den grössten der Schweiz und wurde für verschiedenste Anlässe genutzt – zum Beispiel für Boxkämpfe, Armenverköstigungen, Messen, Ausstellungen, Bankette und Vereinsveranstaltungen. Die gevoutete Deckenkonstruktion mit genieteten Fachwerkträgern und dazwischen gespannten Rabitzdecken war auf der Innenseite mit reichhaltigen Deckenmalereien versehen.

Der ziemlich brachiale Einbau einer Autogarage 1949 folgte wiederum wirtschaftlichen Erwägungen. Der Saal wurde nach dem Zweiten Weltkrieg infolge immer grösserer Konkurrenz fortwährend seltener genutzt. Zeitgleich hielt das Auto in der Stadt Einzug, es brauchte Parkmöglichkeiten. So war die neue Nutzung wirtschaftlich naheliegend. Durch den Einbau von zwei Stahlbetondecken und eines Autolifts wurde das Gebäude angepasst. 

Foto: Heinz Unger
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Wir haben bei unserem Konzept des «Reuso» das Innenbild des Saals von 1908 als das eigentlich konstituierendes Element angenommen. Die für die soziokulturelle Bedeutung der Stadthalle charakteristischen innenräumlichen Bezüge konnten wieder wahrnehmbar gemacht werden. Zugleich wurde das bei der ursprünglichen Erstellung vergleichsweise schmucklose Äussere energetisch effizient durch eine verputzte Aussendämmung ertüchtigt. 

Der Abbruch der Anbauten ermöglichte die Aufwertung der Nord- als Spiegelbild der Südfassade mit ihren charakteristischen Rundbogenfenstern. Weiter erlaubte das Entfernen einzelner Garagendeckenelemente die Freilegung des stirnseitigen Bühnenbogens und die Einführung einer repräsentativen Vertikalverbindung in Form einer steilen Rampe. Zudem konnte durch den Teilabbruch der längsseitigen Garagendecken der Übergang zwischen Fassade und gevouteter Decke wieder freigelegt werden. Die schönen Deckenmalereien wurden sorgfältig restauriert. Dank den Atrien, die unter den Oberlichtern neu eingefügten wurden, konnte schliesslich eine Durchlässigkeit zwischen den Geschossen und ein zenitaler Tageslichteinfall bis ins Erdgeschoss erreicht werden. Und zuletzt wurde mit dem identitätsstiftenden Tunnel eine der halböffentlichen Nutzung entsprechende Adresse geschaffen.

Die zweite Nutzungsepoche als Autogarage ist durch die stark zeichnende, sich repetierende Tragstruktur mit Unterzügen, Stützen und Decken aus Stahlbeton immer noch räumlich ablesbar. Dank dem weissen Anstrich wird die Stahlbetonstruktur visuell überhöht; dies verstärkt die Präsenz dieser für das Gebäude wichtigen Epoche. 

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Das Konzept der Umnutzung wurde in enger interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Bauherrschaft, Denkmalpflege, Fachplanern und dem späteren Nutzer entworfen. 

Unsere Gestaltung musste verschiedenste Bedürfnisse befriedigen: Für die Bauherrschaft ging es darum, die schlummernden räumlichen Qualitäten der ehemaligen Stadthalle zu erkennen und durch die Schaffung eines einzigartigen Raumes einen attraktiven Mieter zu finden. Für die Denkmalpflege war die Wiederherstellung der ehemaligen räumlichen Grosszügigkeit von Saal und Bühne ebenso wichtig wie die Ablesbarkeit der Garagennutzung. Aus Sicht des Nutzers schliesslich war es entscheidend, eine attraktive, einzigartige, kommunizierende, gut erschlossene, schallschutztechnisch funktionierende und zeitgemäss eingerichtete Arbeitswelt zu erhalten. 

Foto: Heinz Unger
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Das Thema des intelligenten «Reuso» beschäftigt uns seit längerem. Die Umnutzungen der Schokoladenfabrik «Forsanose» zu Loftwohnungen, des Zeughauses von Göschenen zu einem Kunstdepot, des Hochhaus «Werd», aber auch der Umbau des Hotels und Theaters «Rigiblick» und die Sanierung des Hirsehofs bezeugen unser Interesse an dieser Bauaufgabe. 

Uns interessiert die Frage, was der Bestand leisten kann. In Zeiten des Klimanotstandes liegt die Lesung der bestehenden Bauten als Minen für die Gebäude von Morgen nahe. Wann immer sinnvoll, sollte die bestehende Struktur erhalten und wiederverwendet werden. Dadurch kann nicht nur viel graue Energie gespart werden, sondern es können auch, natürlich abhängig von der Qualität des Bestandes, architektonisch und räumlich überaus wertvolle Lösungen entstehen. Durch das sorgfältige gestaltete Zusammenspiel von Neu und Alt kann eine ganz spezielle Identität entstehen, ein einzigartiger Ausdruck und eine eigene Stimmung generiert werden. Die Stadthalle ist ein schönes Beispiel dafür. 

Foto: Heinz Unger
Grundriss Untergeschoss
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Querschnitt
Längsschnitt
Name des Bauwerks
Umnutzung Stadthalle
 
Ort
Morgartenstrasse 5a, 8004 Zürich
 
Nutzung
Bürobau
 
Auftragsart 
Planerwahl
 
Bauherrschaft
Hess Investment AG, Amriswil
 
Architektur
burkhalter sumi architekten, Zürich
Verena Kuhle, Mario Sanchez, Steffen Sperle
 
Fachplaner
Methabau Generalunternehmung AG, Amriswil
Büronauten AG, Zürich
Pezag Elektro AG, Bischofszell
Furrer und Partner AG, Wil
Mühlebach Partner AG, Winterthur
 
Bauleitung 
Methabau Generalunternehmung AG, Amriswil
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Energiestandard 
Mit keinem Label zertifiziert, aber sehr gute Nachhaltigkeit durch hohe Kompaktheit, konsequente Aussendämmung ohne Wärmebrücken, nichtfossile Primärenergie (Grundwasser) und Nutzung des Bestands (Graue Energie).
 
Kunst am Bau 
Fontana & Fontana, Rapperswil: Restaurantion Wand- und Deckenmalereien
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer 
Metallbauarbeiten: Methabau AG, Amriswil
Fenster: Bösch AG Schreinerei, Amriswil
Flachdach: Colaku AG Bedachungen, Wallisellen
Zinkdach: Scherrer Metec AG, Zürich
Gipser und Fassade: Dell‘Elba Partner AG, Winterthur
HLKS: Kather Sanitär Heizung GmbH, Amriswil
Lifteanlage: Aufzüge Boltshauser Schweiz AG, Tübach
Innentüren: RWD Schlatter AG, Roggwil
Schreiner: Gebr. Ochsner AG (Schreiner), Gossau
Textile Bodenbeläge: Pfister Professional AG, Dübendorf
Boden- und Wandbeläge: Beni Plattenbeläge GmbH, Winterthur
Parkett: Spiller AG, Kriens
 
Fotos
Heinz Unger, Zürich

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