Städte im Dialog

Selma Alihodžić
9. noviembre 2023
Die Arbeit «Water Connections» der Künstlerin Lena Maria Thüring im Hof des Schweizer Botschaftsgebäudes in Seoul, das vom Büro Burckhardt Architektur entworfen wurde. (Foto: ©️ FDFA, Hélène Binet)
Seoul und Basel im Dialog

Im Innenhof des Swiss Hanok befindet sich die Arbeit «Water Connections». Das Kunst-am-Bauprojekt greift das Thema Wasser und die historische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung des Elements auf. Flüsse prägen das Stadtbild und wirken wie natürliche Grenzen. Gleichzeitig sind sie auch Verbindungen. Basel am Rhein und Seoul am Han – was verbindet diese beiden? 2023 jährt sich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Republik Korea und der Schweiz zum 60. Mal. Seit 1963 sind die Schweiz und Korea in vielen Bereichen Partner geworden, darunter Wirtschaft, Wissenschaft, Technologie und Kultur. Ihre Verbindung erweitert sich auch im Bereich Architektur und Design. An einem Dialogabend wurden nun baukulturelle Herausforderungen und die Zukunft der Stadtplanung gemeinsam beleuchtet. 

Die Perspektive Seouls wird vorgestellt durch Professor Eui-Young Chun, Präsident des KIA – Korean Institute of Architects und Lehrbeauftragter an der Kyonggi Universität, die Professorin Ph.D Sohyun Park, die an der Seoul National University unterrichtet, und Hae-Won Shin, Architektin und Gründerin des Büros LokalDesign sowie Kuratorin des Koreanischen Beitrags zur 17. Architekturbiennale von Venedig. Zu den Basler Diskussionsteilnehmern gehören Beat Aeberhard, Leiter Stadtplanung und Architektur beim Kanton Basel-Stadt, Professor Simon Hartmann, Architekt und Mitbegründer des Büros HHF, sowie Isabel Prinzing, Leiterin Kommunikation bei Swisspeace und dem Basler Friedensforum. Parallel dazu wurden an der 4. Seoul Biennale of Architecture and Urbanism, die am 29. Oktober zu Ende ging, Basel und Zürich als zwei Schweizer Städte am Wasser vorgestellt.

Im Swiss Hanok tauschen sich Basler Architekten und Stadtplaner mit Kollegen aus Seoul aus. Nach einem Grusswort durch die Botschafterin H.E. Dagmar Schmidt Tartagli und Lukas Ott wird die Podiumsdiskussion von Chrissie Muhr moderiert. Was können die Partnerstädte voneinander für die Zukunft lernen? Eui-Young Chun stellt das Green-Ring-Konzept vor, das vorsieht, Seouls Naturräume miteinander zu vernetzen. (Foto: © FDFA, Benoît T. Ebener)
Hae-Won Shin betrachtet Architekten als Akteure des Wandels, die nicht mehr im Alleingang Stadtvisionen und Megastrukturen entwickeln wie Le Corbusier, sondern im Kollektiv mit anderen Fachdisziplinen agieren, um auch Infrastrukturen und soziale Prozesse zu verbessern. (Foto: © FDFA, Benoît T. Ebener)

Basel ist den Menschen in Seoul als die Kulturstadt mit zahlreichen Museen und der Art Basel bekannt. Zum ersten Mal als Partnerstadt präsentierte sich Basel soeben an der Seoul Biennale mit «Urban Plate Tectonics» von MIDERI Architekten, einer Arbeit, die vom Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt beauftragt wurde. Sie ist eines von 21 Städteporträts der Schau «Parallel Grounds – Cities between Density and Public Value». Bevor die Diskussionsrunde eröffnet wird, erläutert Lukas Ott, Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt, welche Schritte es seit den 1990er-Jahren brauchte, ehe der Rhein in der heutigen Form allen Baslern von der Ebene 0 aus zugänglich wurde. Steht Seoul vor einer ähnlichen Herausforderung im Umgang mit seinen Flüssen? 

Die Stadt, wie wir sie kennen, beginnt im Erdgeschoss, also auf der Ebene 0. Diese prägt unser unmittelbares Stadterlebnis und vereint eine Vielzahl von Aktivitäten zwischen öffentlichen und privaten Räumen. Da städtische Gebiete jedoch immer enger, dichter und mehrschichtiger werden, wird das Wesentliche dieses Niveaus durch komplizierte, teilweise widersprüchliche Dynamiken infrage gestellt. Kommt es zur Zerklüftung dieser entscheidenden Ebene, ist die Vitalität der Aktivitäten in den öffentlichen Räumen der Städte eingeschränkt. Seoul kämpft wie auch Basel mit dem Erbe der Modernisierung und Verdichtung sowie deren Auswirkungen auf das Stadtklima: Die Naturräume der Flüsse wurden im Zuge des Urbanisierungsprozesses abgedeckelt, eingetunnelt, begradigt und aufgeschüttet. Wie kann man sie wiederbeleben, wie sie Menschen und überhaupt allen Lebewesen wieder zugänglich machen? 

Wie soll man künftig mit dem Erbe der urbanen Dichte Seouls umgehen, um die Stadt lebenswerter zu machen? Sewoon Sangga als Megastruktur ist eine Stadt in der Stadt. Gebaut von Kim Swoo Geun in den Jahren zwischen 1967 und 1972, zählt das Gebäude zu den ersten Bauwerken der koreanischen Moderne mit Wohneinheiten und Geschäften. Heute steht nur noch ein Teil der Anlage. Dieser wurde 2018 in einem internationalen Wettbewerb zur «Makercity Sewoo» unter anderem von ESCA – Environmental Scape Architects umgeplant. (Foto: © Seoul Biennale of Architecture and Urbanism, Yongjoon Choi)
Seouls Soundtrack

Seoul denkt aufgrund des bewegten topografischen Terrains die Ebene 0 in jedem Quartier neu: Unterführungen, Überquerungen, Brücken, schlicht Verbindungen und Abkürzungen braucht es auf mehreren Ebenen. Auch die südkoreanische Metropole kämpft mit den Folgen der Verdichtung infolge einer rapiden Urbanisierung in den letzten 40 Jahre – allerdings in einem wesentlich grösseren Massstab als Basel. In Basel kann man den Rhein in wenigen Gehminuten zu Fuss überqueren. Der Han-Fluss, der durch Seoul fliesst, ist dagegen oft mehr als 1 Kilometer breit. Seoul ist unüberhörbar eine Autostadt. Im Zentrum fliesst der Cheonggyecheon. Ähnlich wie der Birsig in Basel kommt der Nebenfluss wieder ans Tageslicht. Dort, auf der Ebene -1, kann man dem Verkehrslärm entkommen. Doch den Seoulern wie den Baslern sind diese Massnahmen noch nicht genug.

Der Cheonggyecheon, ein 11 Kilometer langer Seitenfluss des Han, wurde 2005 im Rahmen eines Verkehrsberuhigungs- und Renaturierungsprogramms der Metropolregierung Seoul den Stadtbewohnern wieder zugänglich gemacht. Trotz grosser Beliebtheit wünschen sich die Menschen vor Ort grossflächigere Lebensräume, die die Naturlandschaft Seouls wieder zum Vorschein bringen. (Foto: © Selma Alihodžić)

«Wenn wir uns nicht im Hier und Jetzt um das Erbe der kommenden hundert Jahre kümmern, verpassen wir die Chance einer nachhaltigen Stadtplanung für künftige Generationen», unterstreicht Professor Chun. Für Seoul wünscht man sich einen kohärenten Langzeitplan, der die Naturräume in den Hauptfokus stellt. Doch wie können Städte nachhaltig geplant werden, wenn die Folgen des Klimawandels schon jetzt akut sind? Sind Reparaturen überhaupt noch möglich? Auf dem Podium sind sich alle einig, dass die Herausforderungen, die sich in einzelnen Städten stellen, in Wahrheit globaler Natur sind, wie die «Parallel Grounds»-Schau an der Seoul Biennale gerade gezeigt hat. Lösungsansätze, die bereits getestet und umgesetzt worden sind, können anderswo überlebenswichtig sein. 

Das Stichwort «Ein-Stadt-Staaten» wird in die Runde geworfen, Städte seien heute agiler. «Masterpläne zu entwickeln mit Fokus auf Resilienz und Nachhaltigkeit, ob hundertjährig oder nicht, kann auch als Privileg gesehen werden», findet Isabel Prinzing und fährt fort: «In der Vergangenheit haben Städte keine Zeit, Ressourcen und Know-how gehabt für die Entwicklung von Langzeitvisionen. Mit allem Wissen, das heute vorliegt, spielen Masterpläne eine zentrale Rolle in der Gestaltung unser Zukunft und in der Friedenssicherung.»

Berufsbild im Wandel

Im Publikum kommt die Frage nach dem Glücklichsein auf. Was kann die Stadt leisten, um lebenswerte Räume zu schaffen? Dieser Einwurf wird von allen Diskussionsteilnehmern als Frage nach dem Berufsbild des Architekten verstanden. Welche Rolle kommt Architekten und Stadtplaner künftig zu? Sind sie Teil des Problems oder Teil der Lösung? Und wie geht man im Beruf mit dieser Verantwortung um? Simon Hartmann formuliert es so: «Wir dürfen als Architekten und Stadtplaner keinen weiteren Schaden anrichten. Die neue Architektengeneration blickt kritischer auf die Welt als wir. Sie erweitert den Interessen- und Kompetenzbereich und plant nicht nur für Menschen, sondern auch für Pflanzen und Tiere. Sie denkt neu, um eine lebenswerte Umgebung für alle zu schaffen. Das müssen unsere Ziele sein – in dem, was wir lehren und was wir tun. Das in Masterpläne umzusetzen, hat bisher noch niemand geschafft, glaube ich. Und ich gratuliere denjenigen, die die Ersten sein werden.» 

Im Anschluss an die Paneldiskussion wird die Partnerschaft zwischen Basel und Seoul bei der «Basel Night» gefeiert. (Foto: © Basel Tourismus, Benoît T. Ebener)

In Seoul regnet es an diesem Abend nicht – leider. Sonst würde man im Innenhof des Swiss Hanok nämlich den Regenfluss der eingangs erwähnten Arbeit «Water Connections» sehen. Die beiden Städte sind dort symbolisch mit dem Wasser verbunden. Wie ihre Partnerschaft künftig aussehen kann, wird sich zeigen. 

Ausschnitt der Beiträge der Schau «Parallel Grounds – Cities between Density and Public Value»; im Vordergrund ist der Schweizer Beitrag «Urban Plate Tectonics» zu sehen, der Basel als Partnerstadt Seouls zeigt und sich dem Stadtfluss Rhein widmet. Die Arbeit stammt von MIDERI Architekten und entstand im Auftrag des Präsidialdepartements des Kantons Basel-Stadt. (Foto: © Seoul Biennale of Architecture and Urbanism, Sang Hoon Youm) 
Die Schau zeigt 21 Städte aus aller Welt – von der Millionenmetropole über die Megalopolis bis hin zur Kleinstadt. Auch der Typus des Olympischen Dorfes ist als eine Art Stadt-in-der-Stadt vertreten. Zürich präsentiert sich mit der Europaallee. (Foto: © Seoul Biennale of Architecture and Urbanism, Sang Hoon Youm) 

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