Künftige Lernwelten

Elias Baumgarten
23. Mai 2019
«Lucerne Talks» (Foto: Markus Käch)

Wie sollen die Architekturschulen von morgen aussehen? Wie müssen Räume beschaffen sein, damit sie stimulieren, inspirieren und die Kreativität beflügeln? Darüber wurde am vergangenen Freitag, dem 17. Mai 2019, an den «Lucerne Talks» diskutiert. Wir haben das Symposium am Institut für Architektur der HSLU – T&A besucht.

1976 zügelte das Departement Architektur der ETH Zürich aus der Innenstadt auf den Hönggerberg. Die Proteste kochten damals heftig hoch. Gross waren die Widerstände und laut die Kritik. Und noch heute erinnert sich etwa Marc Angélil, der unterdessen am ETH-Standort in Oerlikon unterrichtet, gerne an die alten Zeiten zurück. Solange sich die Architekturabteilung in der Innenstadt befunden habe, sei eifrig und kontrovers über soziokulturelle und politische Themen debattiert worden, erzählt er, doch im «Exil» auf dem Hönggerberg sei dies rasch verloren gegangen. Man habe sich stattdessen mehr und mehr allein auf die eigene Disziplin fokussiert. Kein Zweifel also – Standort und Räumlichkeiten einer Architekturschule prägen Lehre und Forschung entscheidend mit. Doch wie sollte sie aussehen, die ideale Schule? Darüber wurde am Freitag voriger Woche in Luzern diskutiert. Bereits zum dritten Mal fanden am Institut für Architektur der HSLU die «Lucerne Talks» statt. Organisiert und konzipiert wurde der ganztägig sehr gut besuchte Anlass von Heike Biechteler und Johannes Käferstein sowie deren Team. Marc Angélil und Dieter Dietz, der an der EPF Lausanne lehrt, wirkten hierbei als Teil eines institutionsübergreifenden Beirats mit. Nahezu alle Schweizer Schulen waren vertreten und auch aus dem Ausland – selbst dem fernen Brasilien – reisten Gäste an.

Andreas Sonderegger trägt vor. (Foto: Markus Käch)
Gebaute Beispiele

Das Programm des Symposiums gliederte sich in zwei Teile: Am Vormittag sprachen Angelo Bucci, Alexandre Theriot, Mike Guyer, Catherine Dumont d’Ayot, Patricia Guaita und Raffael Baur, Andreas Sonderegger sowie Anne Lacaton. Sie gewährten Einblicke in ihre Lehre beziehungsweise zeigten Architekturschulen, die nach ihren Plänen gebaut wurden. So wurde ein Fundament für den Nachmittag gelegt: Sechs Gruppen diskutierten nach der Mittagspause, bevor gemeinsam ein «Manifest» erarbeitet werden sollte. 

Lassen wir zunächst die erste Halbzeit schlaglichtartig anhand dreier Vorträge Revue passieren. Andreas Sonderegger von pool Architekten präsentierte den Bau der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz ostwärts Basel. In dem Hochhaus sind verschiedene Departemente untergebracht, die Räume der Architekturabteilung befinden sich ganz oben im 11. Stockwerk. Der Bau fungiere nicht nur als Landmark, so Sonderegger, sondern erzeuge durch die Organisation um ein zentrales Atrium und die aufwendigen Treppenanlagen ein Klima der Interaktion über die Fachschaften hinweg. Die meisten Student*innen würden gerne die Stiegen benutzen und sich auf diesen ungezwungen treffen und austauschen, meinte er.

Mike Guyer spricht an den «Lucerne Talks». (Foto: Markus Käch)

Mike Guyer zeigte Entwürfe für Architekturschulen seiner Student*innen. Diese hatten in einem gemeinsamen Studio mit Markus Peter die Aufgabe erhalten, ein neues Gebäude für den Campus Hönggerberg zu gestalten. Man lernte, dass sie – in den unterschiedlichsten Variationen – stets grosse Freiräume mit viel Platz zum gemeinsamen Arbeiten und Diskutieren entwarfen. Bauten und Entwürfe wie der Fun Palace (1961) von Cedric Price und Joan Littlewood, João Batista Vilanova Artigas’ Architekturfakultät von São Paulo (1969) oder die Mannheimer Multihalle von Carlfried Mutschler, Joachim Langner und Frei Otto (1975) hätten dabei immer wieder als Inspirationsquellen gedient, so Guyer.

Anne Lacaton sprach über den Bau der Architekturfakultät von Nantes. (Foto: Markus Käch)

Anne Lacaton zeigte die Architekturschule von Nantes (2010). Der enorme Bau befindet sich auf einem ehemaligen Industrieareal der französischen Stadt. Die Betonstruktur bietet nicht nur Platz für alle nötigen Funktionen, sondern beinhaltet auch grosse Räume, die kein fixes Programm haben und immer wieder neu angeeignet und bespielt werden können. Letztere werden, das ist Lacaton besonders wichtig, nicht nur von der Fakultät genutzt, sondern auch von vielen anderen Akteuren aus der Stadt und der Umgebung – etwa für Ausstellungen, Vorträge, Performances und sogar Zirkusvorstellungen. So entsteht ein stimulierender Austausch, von dem die Student*innen profitieren. Denn am wichtigsten für eine gute Lehre sei, die Interaktion mit anderen Disziplinen zu fördern und sich am sozialen, kulturellen und politischen Geschehen umher rege zu beteiligen.

Nach dem Mittag wurde intensiv diskutiert. Als Ausgangsbasis hatten die Teilnehmer*innen Schlüsselbilder im Gepäck. (Foto: Markus Käch)
Foto: Markus Käch
Wunschliste für die Zukunft

Am Nachmittag sollte ein «Manifest» ausgearbeitet werden. Vorweg: Das Wort tönt gross angesichts Ergebnisse. Aufgrund der gegebenen Kürze der Zeit wurde vor allem fruchtbar debattiert. Es war spannend den Gesprächen zu folgen, an denen sich auch viele Student*innen spontan beteiligten. Schlussendlich wurden einige noch vergleichsweise allgemeine Stichpunkte gemeinsam festgehalten, die in der Zukunft noch genau ausdiskutiert werden können – vielleicht ja an der nächsten Ausgabe der «Lucerne Talks».

Während der Gruppenarbeit zeigte sich alsbald, dass besonders Anne Lacaton mit ihrem Vortrag Eindruck gemacht hatte. Viele ihrer Gedanken und Forderungen fanden sich in den Ergebnissen wieder. So wurde zuvorderst unterstrichen, es müsse ausreichend unprogrammierten Raum für Austausch und Diskussion geben. Und zu sehr ausgestaltet dürfte dieser ferner auch nicht sein, so das einhellige Credo – besser ruhig ein bisschen «dreckig», denn das setze kreatives Potenzial frei. Doch auch Rückzugsräume für fokussiertes Arbeiten seien wichtig. Jede Student*in brauche einen eigenen Arbeitsplatz an der Uni. Es gelte die richtige Balance zwischen den Individuen und dem Kollektiv zu finden. Auch komme es darauf an, so war man sich völlig einig, die Fühlung mit wichtigen sozialen, kulturellen und politischen Diskursen nicht zu verlieren. Fruchtbare Debatten sowohl innerhalb der Fachschaft als auch mit der gesamten Gesellschaft seien essentiell für eine gute Schule. Zu introvertiert und isoliert seien die Schweizer Schulen heute vielfach, wurde allerseits kritisiert. Doch gewiss komme es auch auf die Lehrer*innen und Student*innen selbst an sowie auf das Curriculum, welches künftig mehr Freiräume bieten müsse. Letzteres ist übrigens eine Forderung, die auch schon in den Vorjahren am Symposium erhoben wurde. Insgesamt mache eine hervorragend gestaltete Schule allein noch längst keine starken Nachwuchsarchitekt*innen.

Die Ergebnisse der Debatten, welche am Nachmittag stattfanden. (Fotos: Markus Käch)

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