Ein Architekt im Netzwerk der Geheimdienste

Katinka Corts
3. Dezember 2020
Der Neubau eines Schwesternwohnheims war Rudolf Hamburgers erstes Projekt in Shanghai. (Foto © Nachlass Familie Hamburger)

Die Biografien des Architekten Rudolf Hamburger und seiner Frau Ursula sind herausragend: Er konnte in den 1930er-Jahren in China als Gestalter Fuss fassen, während sie als Agentin für verschiedene Geheimdienste arbeitete. Eduard Kögel hat sich über Jahre mit Rudolf Hamburger befasst und jetzt ein grossartiges Buch über ihn geschrieben. Katinka Corts hat es gelesen und den Autor zum Interview getroffen.

Es ist nicht leicht, diesen Text zu beginnen, denn zu viele Eindrücke sind noch versammelt nach der Lektüre des Buches «Architekt im Widerstand. Rudolf Hamburger im Netzwerk der Geheimdienste». Der Lebensweg Rudolf Hamburgers (1903–1980) ist das Thema, ja, aber es gibt so viele Nebenschauplätze und Verstrickungen, dass man sich eher in einem kompakten Historiendrama wähnt. Der jüdisch-bürgerliche Hamburger machte sich Anfang der 1930er-Jahre gemeinsam mit seiner Frau Ursula via Moskau mit der Transsibirischen Eisenbahn auf den Weg nach Shanghai – denn während Deutschland von der Weltwirtschaftskrise gebeutelt wurde, erlebte die chinesische Stadt einen Bauboom. Studiert hatte Hamburger bei Hans Poelzig und so trug er die Ideen des Neuen Bauens mit sich. Bald arbeitete er in der Stadtverwaltung. Während er mit einigen grossen Bauprojekten betraut wurde, arbeitete seine Frau für die Presseagentur Transocean und mit der amerikanischen Journalistin Agnes Smedley (1892–1950), die als Korrespondentin für die Frankfurter Zeitung schrieb.

Das im September 1935 eröffnete Gefängnis an der Ward Road (heute Changyang Lu) in Shanghai ist immer noch in Betrieb. Rudolf Hamburger entwarf einen Bau für 30 weibliche Häftlinge und einen weiteren für 150 männliche. Nur eine Person konnte den sechsgeschossigen Männertrakt mit kreuzförmigem Grundriss vom Zentrum aus überwachen. (Foto © Nachlass Familie Hamburger)

Nach politisch ruhigeren Jahren (für Rudolf) liessen die Entwicklungen in Europa bei Hamburger bis Frühherbst 1935 die Entscheidung reifen, gegen die Nationalsozialisten aktiv zu werden. Ursula informierte den russischen Militärgeheimdienst – für den sie unterdessen tätig war –, die Familie reist daraufhin nach Moskau. Damit stellte Hamburger seine Überzeugen über seine Karriere; Eduard Kögel schreibt dazu: «Die Entscheidung, mit unbestimmtem Ziel nach Europa zurückzukehren, richtete sich gegen sein Talent. Nie wieder sollte Rudolf Hamburger so starke architektonische Mittel finden wie jene, die er in seinen ersten Jahren als Architekt in Shanghai entwickelt hatte.» Die Hamburgers begaben sich auf eine Reise mit zahlreichen Stationen, die Kögel im Kapitel «Emigration im Kreis» beschreibt: Polen, die Schweiz (hier liess sich das Paar 1939 scheiden), die Sowjetunion und schliesslich der Iran. In Teheran arbeitete Hamburger wieder als Architekt, wurde dann aber von der Sowjetunion der Doppelspionage bezichtigt. Er wurde inhaftiert, verurteilt und bis 1952 in ein Arbeitslager gesperrt. Drei Jahre lebte Rudolf danach in der Verbannung in der Ukraine. In dieser Zeit knüpfte sein Kommilitone und Freund Richard Paulick (1903–1979), dem er 1933 bei der Emigration nach Shanghai geholfen hatte, wieder Kontakt zu ihm. Wie genau Hamburger, der in seiner temporären Heimat als staatenloser Ausländer galt – weder als Kriegsgefangener noch als politischer Emigrant –, schlussendlich an neue Papiere gelangte, geben die Dokumente nicht wieder. Jedenfalls aber erreichte er 1955 Ost-Berlin und trat noch im selben Jahr eine Position bei der Stadtverwaltung Dresden an, bevor er ab 1959 Chefarchitekt in Hoyerswerda wurde. Wie ihm dies trotz seiner Vergangenheit gelang, ist unklar. Er arbeitete an der neuen, sozialistische Wohnstadt Hoyerswerda, die Wohnort für die Arbeiter des örtlichen Braunkohlekombinats werden sollte.

Rudolf Hamburger 1955, direkt nach der Rückkehr aus der Sowjetunion, auf der Dachterrasse von Richard Paulicks Wohnung in der damaligen Stalinallee in Ost-Berlin (Foto © Nachlass Familie Hamburger)

Das ereignisreiche Leben Hamburgers und die zahlreichen Stationen, teilweise voll Glück und Erfolg, teilweise von Angst und Gefahr geprägt, arbeitet Eduard Kögel unglaublich präzise heraus. Vergessen werden auch nicht die begleitenden Figuren, die Rudolf über sein Leben hinweg prägten und formten. Sie tauchen in Form von Briefen, Anekdoten und kurzen biografischen Einschüben auf. Das Resultat ist ein umfassendes Bild von einem Menschen und ein Verständnis dafür, wie jemand zu einer Persönlichkeit heranreift.

Das Buch reiht sich mit seinem Umfang gut in die bestehende Sammlung der DOM-Publikationen «Grundlagen» ein. Neben dem Inhalt sind es auch die Sprache und Vermittlungskunst Kögels, die das Buch äusserst lesenswert und mitreissend machen. Das kann nicht jede Biografie von sich behaupten. Gerade die Kombination des eher ruhig wirkenden, für Shanghais Verwaltung bauenden Rudolfs mit seiner umtriebigen Frau Ursula, die in Briefen erschreckt über die widrigen Lebensumständen der Chinesen berichtete und sich mehr und mehr radikalisierte, lassen gleich zu Beginn des Buches Tempo aufkommen. Später, ohne Ursula als zweite Hauptperson, ist es besonders das Drama um die Person Rudolf Hamburgers, der sich zeitlebens mit militärischen Geheimdiensten aller Couleur verstrickte, das die Publikation extrem spannend macht. Doch was sagt der Autor selbst dazu?

Rudolf Hamburger am Schreibtisch seines Büro in Hoyerswerda vor dem grossen Plan der neuen Stadt. (Foto © Nachlass Familie Hamburger)

Katinka Corts: Eduard, mit dem Buch über Rudolf Hamburger bist Du Teil der erfolgreichen und mittlerweile recht grossen DOM-publishers-Reihe ‹Grundlagen› geworden, in der seit 2013 bereits 85 Bücher in verschiedenen Sprachen erschienen sind. Wie reiht sich Hamburger da ein?

Eduard Kögel: Die Biografie von Hamburger zeigt das Leben eines jüdischen Architekten und seinen Weg durch Exil, Widerstand und die politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts. Da oft das Thema Exil aus der Perspektive derer gezeigt wird, die es dann in einem anderen Land ‹zu etwas gebracht haben›, fand ich wichtig, auch Lebenswege darzustellen, die über die gegebenen politischen Rahmenbedingungen hinaus eine Position fanden, die sich jedoch nicht in einem bedeutsamen fachlichen Beitrag niederschlug. Dabei geht es nicht um Sieger und Verlierer, sondern um die Bandbreite der Exil-Geschichten. 

Schon der Titel macht Lust auf die Lektüre – mit Widerstandund Geheimdienst bereits auf dem Cover erwartet man eine interessante Persönlichkeit. Wie bist Du auf Hamburger ursprünglich aufmerksam geworden und was fasziniert Dich so an seiner Person?

Nachdem ich mich begann mit Hamburger zu befassen, traten nach und nach Aspekte zutage, die ich so ursprünglich nicht erwartet hatte. Die dominante Erzählung über seinen Werdegang war auch in der Familie nicht von geheimdienstlichen Aspekten geprägt. Nach und nach schälten sich beim Studium der originalen Akten in den Geheimdienstarchiven Geschichten heraus, die nicht nur sein eigenes Leben betreffen, sondern auch Auskunft über die ideologischen Abgründe und Fallstricke des 20. Jahrhunderts geben. Deshalb schien es mir wichtig, an seinem Beispiel aufzuzeigen, wie Brüche und Kontinuitäten in der deutschen Nachkriegsarchitekturszene Spuren hinterlassen haben. Dazu kommt bei Hamburger, dass sein Leben als literarische Vorlage für verschiedene Bücher diente.

Du bist seit vielen Jahren eng mit dem asiatischen Raum und der dortigen Architektur verbunden. Welche Spuren gibt es dort heute noch von Hamburger und wie wirken sie nach?

Er hat in Shanghai zwischen 1930 und 1935 vier grosse Bauten errichten können, von denen drei noch stehen. Ein Schwesternwohnheim wurde kürzlich ‹saniert› und ist heute nur noch schwer zu erkennen. Eine Schule wurde ebenfalls ‹erneuert›, ohne dass dabei die Ursprungsidee sonderlich Berücksichtigung fand. Die Gefängnisbauten stehen noch und werden als solche genutzt. Seit 2008 steht der gesamte Gefängniskomplex unter Schutz, und man wartet nun bis die Nutzung verlegt wird, damit man das Quartier der Kreativindustrie übergeben kann. Wann es soweit ist und wie das dann genau aussehen soll, ist mir bislang nicht bekannt.

Hamburger stammte aus einem Elternhaus, das für die damalige Zeit sehr fortschrittlich war – der Vater Albert Max Hamburger führte eine Textilfirma und liess eine Wohnsiedlung für seine Arbeiter bauen, die Mutter Else gründete Hort und Kinderbetreuung für die Arbeiterkinder. Rudolf war ebenso in diesem Hort integriert und lernte verschiedene Familienmodelle kennen. Diese offene Denk- und Handlungsweise muss prägend gewesen sein – hat er sich das lebenslang erhalten?

Ja, ich denke, im Gegensatz zu seiner Frau Ursula (Heirat 1929, Scheidung 1939), die radikale Kommunistin war, blieb Rudolf sein Leben lang den humanistischen Idealen verpflichtet. Ich bin überzeugt, dass das mit dem liberalen jüdischen Elternhaus zu tun hat, von dessen Idealen er geprägt war. Diese waren einerseits Verantwortung zu übernehmen, andererseits bestimmte Rahmenbedingungen nicht unterschreiten.

Du meintest mir gegenüber einmal, ‹eigentlich hätte es ja ein Film werden sollen, jetzt ist es ein Buch›. Magst Du darüber etwas erzählen?

Das Leben seiner geschiedenen Frau wurde noch zu DDR-Zeiten verfilmt – auf Grundlage ihres Buches ‹Sonjas Rapport› [1]. Da auch seine Geschichte in einem von geheimen Aktionen geprägten Umfeld angesiedelt ist und dabei an vielen Stationen in den Dokumenten filmreife Szenen geschildert wurden, kann ich mir vorstellen, dass sein Leben auch eine spannende Serie ergeben würde, in deren Hintergrund die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge dargestellt sind.

 

 

[1] Ruth Werner (eigentlich Ursula Beurton beziehungsweise vormals Ursula Hamburger) war eine der bedeutendsten Agentinnen des 20. Jahrhunderts. In Shanghai lernte die Berlinerin 1930 GRU-Spion Richard Sorge kennen, stellte ihr Haus für konspirative Treffen zur Verfügung und arbeitete selbst als Spionin. Nach der Trennung von Rudolf Hamburger war sie in vielen Ländern aktiv: Für Stalin sendete sie aus der Mandschurei und Polen, für das sowjetische Spionagenetz «Rote Kapelle» aus der Schweiz. In England war sie die Kontaktperson für den Physiker Klaus Fuchs und gab Baupläne für die Atombombe an die Sowjets weiter. Als Oberst der Roten Armee beendete sie schliesslich ihre Karriere und lebt fortan als Buchautorin in der DDR. Mit «Sonjas Rapport» arbeitete sie ihr Leben biografisch auf, die Verfilmung folgte 1982.

Architekt im Widerstand. Rudolf Hamburger im Netzwerk der Geheimdienste

Architekt im Widerstand. Rudolf Hamburger im Netzwerk der Geheimdienste
Eduard Kögel

210 x 230 Millimeter
336 Seiten
170 Illustrationen
Softcover
ISBN 9783869227610
DOM publishers
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