Erfindung und Normalität

Elias Baumgarten
30. April 2020
Foto: Elias Baumgarten

Adrian Streich gestaltet seit zwei Dekaden vor allem Wohnbauten. Und obwohl er gerne betont, wie viel Wohnhäuser mit Konventionen und Alltäglichkeit zu tun haben, hat er mit seinen typologischen Ideen den Schweizer Wohnungsbau verändert. Jetzt dokumentiert eine Monografie seine Arbeit. Das wunderschön gestaltete Buch inspiriert mit vielen Fotos, Visualisierungen und Plänen.

Die Wohn- und Gewerbeüberbauung «Letzibach» von Adrian Streich und Loeliger Strub war das erste Projekt, über das ich eine Architekturkritik schreiben durfte. Das Bauwerk ist ein wichtiger Katalysator für die Entwicklung Altstettens von Zürichs grauer Peripherie, geprägt von tristen Gewerbehallen und monotonen Bürogebäuden, hin zu einem attraktiven Stadtquartier. Mit einer Vielzahl unterschiedlicher Wohnungsgrössen und -grundrisse, einladenden Begegnungszonen – zuvorderst zu nennen die Flure und Dachterrassen der beiden Türme – und Gewerbeflächen im Erdgeschoss wirkt die Anlage stimulierend auf ihre Umgebung. Auch die Raffinesse und die Liebe zum Detail beim Umgang mit den verschiedenen Materialien gefallen. Adrian Streich ist es gemeinsam mit Barbara Strub und Marc Loeliger gelungen, starken Gestaltungswillen und Investoreninteressen gut auszubalancieren. Damit offenbart die Überbauung einige der Stärken, die Streichs Architektur generell auszeichnen. Seine besten Projekte sind nun in einer Publikation versammelt – und die hat das Potenzial zu einem Lieblingsbuch.

Foto: Elias Baumgarten
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Ansprechend

Wir bekommen nahezu täglich neue Bücher zur Besprechung in die Redaktion geschickt – beziehungsweise neuerdings nach Hause. Viele davon sind inhaltlich interessant und ansprechend gestaltet. Doch «Adrian Streich Architekten. Bauten + Projekte 2001–2019» hebt sich von den meisten ab. Das Werkporträt ist ein Augenschmaus. Esther Rieser hat es grossartig gestaltet, selbst Details wie die Pagina fallen durch Präzision und Ästhetik besonders auf. Jedes Projekt kommt mit einem knappen Beschreibungstext und wird mit vielen Bildern und grossformatigen Plänen präsentiert; Skizzen und Modellfotos runden die umfangreiche Darstellung ab. So wird das Buch zu einer Inspirationsquelle, die gut in die Bürobibliothek passt. Komplettiert wird der visuelle Genuss durch eine sehr sorgfältige Lithografie, die dem Buch ein hohes Mass an Kohärenz verleiht. Es macht Freude, es zur Hand zu nehmen. Bei all dem Lob bleibt als Wermutstropfen die wenig gepflegte Typografie, die das Lesen erschwert. Da Bilder und Pläne jedoch die Stars der Publikation sind, lässt sich dies einigermassen verschmerzen.

Foto: Elias Baumgarten
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Authentisch

Um einen Schritt über die reine Dokumentation von Bauten und Projekten hinauszugehen, beinhaltet das Buch ein Interview mit Adrian Streich, das Axel Simon führte, und einen einordnenden Aufsatz von André Bideau. Das Interviewformat erweist sich dabei als gutes Mittel, um der Publikation Lebendigkeit und eine gewisse Ungezwungenheit zu verleihen. Beim Lesen erfährt man mit sympathischer Direktheit, wie Adrian Streich denkt, der Einblick in seine Haltung und Gedankenwelt ist authentisch. Konkret lernt man, dass Innovation und Normalität in Streichs Entwürfen zusammenkommen. Er erfüllt Konventionen und stellt sie zugleich ein Stück weit immer auch infrage. Seine Projekte widerspiegeln stets eine komplexe Gemengelage unterschiedlicher Interessen – so wie die eingangs erwähnte Überbauung «Letzibach». «Adrian Streich Architekten. Bauten + Projekte 2001–2019» ist klar zur Lektüre und vor allem zur Betrachtung zu empfehlen.

Adrian Streich Architekten. Bauten + Projekte 2001–2019

Adrian Streich Architekten. Bauten + Projekte 2001–2019
Axel Simon (Hrsg.)

235 x 310 Millimeter
452 Seiten
593 Illustrationen
ISBN 9783038601357
Park Books
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