Wenn Meisterwerke der modernen Fotografie zusammenfinden

Nadia Bendinelli
13. Mai 2021
Max Burchartz, «Lotte (Eye)», 1928, Silbergelatine-Druck, 30,2 x 40 Zentimeter, The Museum of Modern Art, New York, Sammlung Thomas Walther (Acquired through the generosity of Peter Norton © 2021, ProLitteris, Zurich; Digital Image © 2021, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence)

Die Sammlung Thomas Walther des Museum of Modern Art kommt zum ersten Mal nach Europa – was macht sie so besonders? Die Antwort ist eine Reise nach Lugano wert.

Qualität lässt sich gut mit Qualität kombinieren – diesem Grundprinzip blieb der deutsche Kunstsammler Thomas Walther über zwanzig Jahre treu und trug so eine einzigartige Sammlung herausragender Fotografien zusammen. Die Sujets und thematischen Inhalte waren dabei für ihn nicht relevant: War ein Werk nur ausdrucksstark genug, nahm er es in seine Sammlung auf. Die Ausstellung «Meisterwerke der modernen Fotografie 1900–1940», derzeit im Museo d’arte della Svizzera italiana (MASI) in Lugano zu sehen, hat aber mehr als «nur» Qualität und Ausdruckskraft zu bieten: Sie ist eine Lektion in Fotografiegeschichte.

Der Fotograf, ein Künstler

Betritt man die Ausstellung, blicken einen einige Selbstporträts stolz und selbstbewusst an. Bis in die 1920er-Jahre hinein war die Fotografie nicht als Kunstform anerkannt, sondern wurde eher als Mittel zum Zweck angesehen – ein Medium mit dokumentarischer Funktion, das manchmal als Vorstudie für die Malerei eingesetzt wurde. Oft wurden die Aufnahmen wie Gemälde komponiert. Doch dann fingen die Künstler an, sich mit Selbstporträts zu präsentieren, um sich der Welt als Fotografen vorzustellen. Durch die Fotografie wollten sie sich als einflussreiche Künstler inszenieren – der Startschuss für die Entwicklung der Disziplin zur Kunstform.

Maurice Tabard, Untitled (Self-Portrait with Roger Parry), 1936, Silbergelatine-Druck, 23,5 x 16,8 Zentimeter, The Museum of Modern Art, New York, Sammlung Thomas Walther (Gift of Thomas Walther; Digital Image © 2021, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence)
Aleksandr Rodčenko, «Girl with a Leica», 1932–1933, Silbergelatine-Druck, 30 x 20,3 Zentimeter, The Museum of Modern Art, New York, Sammlung Thomas Walther (Gift of Shirley C. Burden, by exchange © 2021, ProLitteris, Zurich; Digital Image © 2021, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence)

Die Etablierung der Fotografie als Kunstform wurde in den 1920er-Jahren auch durch die rasante Entwicklung der technischen Möglichkeiten unterstützt. Handliche Kameras – etwa die Leica ab 1925 –, die überall hin mitgenommen werden konnten, ermöglichten interessante Aufnahmen aus ungewohnten Perspektiven. Auch Papier und Chemikalien durchliefen während dieser Zeit eine enorme Entwicklung. Weil sie just diesen Zeitraum abdeckt, wurde die Sammlung Thomas Walther eingehend untersucht und ausgewertet, nachdem das Museum of Modern Art (MoMA) sie gekauft hatte. Dabei wurden interessante Entdeckungen gemacht, die Hintergründe der Entstehung der Bilder enthüllten: Rodčenkos Fotografien zum Beispiel weisen deutliche Qualitätsschwankungen auf. Je nachdem, wo er sich gerade aufhielt, verfügte er über besseres oder schlechteres Material. So sind seine in Berlin entstandenen Bilder sehr gut erhalten, was auf die russischen Abzüge leider nicht zutrifft. André Kertész (1894–1985) pflegte Kartons im Postkartenformat mit einer fotosensiblen Substanz zu bedecken und diese zu belichten – damals eine günstige und praktische Lösung für den Fotografen, die heute seine «Postkarten» besonders wertvoll und begehrt macht. 

Auch der Zeitgeist, der von bahnbrechenden Erfindungen und einer oftmals anti-akademischen Haltungen geprägt war, liess den Stellenwert der Fotografie wachsen. In der Zeit zwischen den Weltkriegen gab es eine aussergewöhnliche Vielzahl an guten Fotografen – auch das schlägt sich in der Sammlung nieder. Sie umfasst neben zahlreichen namhaften Künstlerinnen und Künstlern auch unbekannte Autoren. Sie alle haben – ungeachtet ihrer doch sehr unterschiedlichen Beweggründe und Arbeitsweisen – interessante Werke geschaffen. Ihre Devise war, modern zu sein, die Fotografie schien ihnen dafür das ideale Medium.

Nicht zuletzt trug der transatlantische Austausch, der durch die Migration angeregt wurde, zum Florieren der Fotografie bei. Viele Publikationen unterstützten dies zusätzlich. Relevante Ausstellungen in Europa und einige auch in den Vereinigten Staaten zelebrierten die Fotografen nunmehr auf derselbe Stufe wie andere Kunstschaffende. An den Kunstschulen entstanden endlich eigenständige Fotografieklassen – so zum Beispiel 1929 am Bauhaus, wo die Disziplin vormals nur ein Nebenfach im Vorkurs war. 

John Gutmann, «Class», 1935, Silbergelatine-Druck, 22,3 x 19,2 Zentimeter, The Museum of Modern Art, New York, Sammlung Thomas Walther (The Family of Man Fund © Center for Creative Photography, Arizona Board of Regents; Digital Image © 2021, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence)
Herbert Bayer, «Humanly Impossible», 1932, Silbergelatine-Druck, 38,9 x 29,3 Zentimeter, The Museum of Modern Art, New York, Sammlung Thomas Walther (Acquired through the generosity of Howard Stein © 2021, ProLitteris, Zurich; Digital Image © 2021, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence)
Eine einmalige Sammlung

Kein Wunder also, suchte sich Thomas Walther diese aufregende Zeitspanne der Fotografiegeschichte für seine Sammlung aus. Sein Bezug zu den erworbenen Werken ging aber tiefer und war oft sehr persönlich: Einige der Fotografinnen und Fotografen gehörten mit der Zeit zu seinem Freundeskreis. In New York wohnte André Kertész in seiner Nähe. Besuche, gemeinsame Essen und viele Gespräche brachten die beiden einander näher. Auch mit Ilse Bing (1899–1998) und ihrem Mann verband ihn seit dem Kauf einer ersten Fotografie eine tiefe Freundschaft. Ähnliches gilt auch für viele Künstler, die zufällig oder durch gemeinsame Bekannte in Walthers Leben traten.

Thomas Walther hatte eine klare Vorstellung von dem, was er unbedingt haben wollte, und wusste genau, was ihm noch fehlte. Der Sammler erzählt, so wie man im Laufe des Lebens immer wieder auf gewisse Menschen treffe, seien ihm Kunstwerke, an die er zunächst nicht herankam, immer wieder begegnet und schliesslich habe er sie doch noch erwerben können. Jedes repräsentierte dabei in seiner Vorstellung ein wichtiges Element, um das Gesamtbild zu vervollständigen. Walther meint rückblickend, dies sei das Schöne am Sammeln: Mit der Zeit nehme eine Sammlung Gestalt an und sämtliche Elemente, die unterschiedliche Facetten zeigen, brächten sie erst so richtig zum Brillieren. 

Eine weitere Besonderheit seiner Sammlung sind die vielen Originalabzüge. Als Walther in den 1970er-Jahren mit dem Sammeln begann, war es noch nicht schwer, Erstabzüge zu finden. Die Frage nach ihrer Wichtigkeit stellte sich erst später. Die Fotografen waren sich anfangs nämlich selbst nicht im Klaren, wieso die Originale so relevant sein sollten. Das änderte sich mit der Zeit und durch den Austausch über Walthers Beobachtungen. Abzüge, die bald nach der Aufnahme entwickelt wurden, schienen kohärenter und somit überzeugender als spätere Reproduktionen. Die Zeitspuren waren zwar in einigen Fällen sehr offensichtlich, ein gewisser Grad an Oxidierung war oft zu sehen – dennoch wurde der Mehrwert allgemein anerkannt. 

Eingeladen von seinem Freund John Szarkowski (1925–2007), einem einflussreichen Kritiker, Kurator und Fotografen und vor allem dem Leiter der fotografischen Abteilung des MoMA, trat Walther der Kommission für Fotografie des Museums bei. Später begann Peter Galassi, Szarkowskis Nachfolger, Walthers Sammlung zu evaluieren, denn sie bot alles, was in der seines Hauses noch fehlte. Thomas Walther erinnert sich, für ihn sei es ein magischer Augenblick gewesen: Wie konnte es sein, dass er alles, was Peter Galassi noch suchte, für seine Sammlung hatte finden und erwerben können? Bald wurde klar: Thomas Walthers Sammlung ergänzt die des MoMA perfekt. Folglich wurde sie 2001 vom Museum gekauft.

Käte Steinitz, «Backstroke», 1930, Silbergelatine-Druck, 26,6 x 34,1 Zentimeter, The Museum of Modern Art, New York, Sammlung Thomas Walther (Gift of Thomas Walther © Steinitz Family Art Collection, 1930; Digital Image © 2021, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence)
Gertrud Arndt, «At the Masters’ Hauses», 1929–1930, Silbergelatine-Druck, 22,6 x 15,8 Zentimeter, The Museum of Modern Art, New York, Sammlung Thomas Walther (Gift of Thomas Walther © 2021, ProLitteris, Zurich; Digital Image © 2021, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence)
Die Ausstellung

Die Schau ist thematisch in sechs Sektionen aufgeteilt: Purismus, Künstlerleben, Magischer Realismus, Die Sinfonie der Grossstadt, Form-Experimente, Die moderne Welt. Zusätzlich gibt es eine Ecke mit Büchern und Zeitschriften, die unter Glas aufliegen. Gerade Künstlerleben zeigt, wann und wo sich Kunstschaffende und Intellektuelle trafen. Besonders Paris war ein Ort des Austausches: Schriftsteller und Maler wurden von Fotografen porträtiert – man beeinflusste sich gegenseitig und über Disziplingrenzen hinweg. Das Bauhaus, wo die interdisziplinäre Zusammenarbeit kultiviert wurde, brachte viele Fotografen hervor, die ursprünglich beabsichtigt hatten, andere Studiengänge zu besuchen. Insgesamt führen die Sektionen in die unterschiedlichen Kunstbewegungen der Zwischenkriegszeit ein, bezeugen die raffinierte Technik und grosse Kunstfertigkeit der Protagonistinnen und Protagonisten und helfen, die enorme Bandbreite an Intentionen, Herangehensweisen und Ergebnissen zu erkennen.

Die Ausstellung «Meisterwerke der modernen Fotografie 1900–1940» ist jetzt zum ersten Mal in Europa zu sehen – eine grosse Ehre für das MASI in Lugano. Dass sie den Weg ausgerechnet ins Tessin gefunden hat, hat mit der Freundschaft zwischen den beiden Häusern zu tun. So wie Thomas Walther durch seine tiefe Freundschaft mit vielen Künstlerinnen und Künstlern erst zu seiner beeindruckenden Sammlung gekommen ist.

Die Ausstellung ist im MASI (Piazza Bernardino Luini 6, 6900 Lugano) noch bis zum 1. August dieses Jahres zu sehen. Anschliessend soll sie in Paris und später in Turin gezeigt werden.
 
Wer sich weiter ins Thema vertiefen möchte, dem sei der aufwendig gestaltete Ausstellungskatalog mit vielen Hintergrundinformationen empfohlen. Er kann wahlweise in englischer oder italienischer Sprache erworben werden.
Masterworks of Modern Photography 1900–1940. The Thomas Walther Collection at Museum of Modern Art, New York

Masterworks of Modern Photography 1900–1940. The Thomas Walther Collection at Museum of Modern Art, New York
Silvana Editoriale, Museo d’arte della Svizzera italiana, Museum of Modern Art (Hrsg.)
Sarah Hermanson Meister

205 Seiten
Leineneinband mit Schutzumschlag
ISBN 9788836648061
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