Auch Architektur kann Design sein

Susanna Koeberle
7. November 2019
In der Kategorie «Design Leadership Prize: Home and Living in an Ageing Society» gewann das Begegnungszentrum Chileweg Rain von Cometti Truffer Hodel Architekten. (Foto © Design Preis Schweiz)

Letzten Freitag fand in Langenthal die Verleihung des «Design Preis Schweiz» statt. Der Event wurde zum 15. Mal ausgetragen, aber erstmals unter der Ägide der neuen Trägerschaft. Unter den dreizehn Siegern, die in zwölf Kategorien ausgezeichnet wurden, befand sich auch ein Architekturprojekt.

Es waren alle da. Mehr Menschen noch als in den Jahren zuvor pilgerten letzten Freitag nach Langenthal zur Verleihung des «Design Preis Schweiz» (DPS), zumindest fühlte es sich so an. Zog die Neuausrichtung so viele Designinteressierte an? Neu ist ja nicht per se gut, doch seit Michel Hueter (bereits früher leitender Kurator des DPS), Raphael Rossel und Urs Stampfli das Zepter übernommen haben, ist tatsächlich frischer Wind in die Bude gekommen. Und dieser ist wohltuend, auch wenn er nicht bloss ein laues Lüftchen ist. Es darf nämlich stürmen: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für Wandel. Auch wenn dieser Satz natürlich absurd ist, denn Wandel ist die Grundlage des Lebens, nur sehen wir das nicht gerne. An der Preisverleihung betonte die neue Trägerschaft zwar, dass Transformation auch eine Chance sei. Nichtsdestotrotz: Es ist wichtig, dass dieses diffuse Unwohlsein gegenüber Veränderung benannt wird und in konkrete Projekte mündet. Design ist mehr als das Entwerfen von Produkten, es kann ebenso zu Prozessen oder zu neuen Konzepten anregen. Im Fokus des Interesses stehen beim «Design Preis Schweiz» deswegen vermehrt Themen von gesellschaftlicher Relevanz, das zeigte sich nicht nur an den Nominationen, sondern auch an der neuen Kategorie «Design Leadership Prize: Home and Living in an Ageing Society». 

Die Alterung unserer Gesellschaft ist ein Thema, das fast systematisch ausgeblendet wird in der Designwelt. Dabei werden wir immer älter – wobei man auch sagen muss, dass wir immer länger «jung» bleiben. Fest steht, dass uns der beschleunigte Wandel vor Herausforderungen stellt, welche nach Lösungen verlangen. Und diese sind eben auch in Designobjekten zu finden. Erstaunt stellte man allerdings fest, dass in der neuen Kategorie ausschliesslich Architekturprojekte nominiert waren. Dafür gab es in den anderen Kategorien (wie etwa bei «Product – Consumer Goods») auch Produktideen, die sich mit dem Thema Altern befassten. 

Die Forschungsarbeit «Age Lab – Design for Transitions to Elderly Care Homes» gewann neben «The Sausage of the Future» in der Kategorie «Research». (Grafik © Design Preis Schweiz)

Die drei Bauten führen vor, wie wichtig Gemeinschaft und ein funktionierendes soziales Umfeld für ein gesundes Altern sind. An der Verleihung fiel das Stichwort intergenerationelle Solidarität. Daran müssen wir wohl alle noch etwas arbeiten. Gewonnen hat das Begegnungszentrum Chileweg Rain von Cometti Truffer Hodel Architekten. Von der Jury gelobt wurde nicht nur das Projekt an sich, sondern auch der Mut der Gemeinde, einen solchen, doch relativ kostenintensiven Bau mitten im Dorf zu realisieren. Das Zentrum beseitigt vor Ort ein städtebauliches Manko, indem es eine Mitte, einen Treffpunkt schafft. Dorfladen, Bäckerei, Bistro und Kita sind im Gebäudekomplex untergebracht, das sorgt schon mal für Generationen-Durchmischung. Das Schaffen von Netzwerken und zwar vor allem lokaler Art ist ein Gedanke, der bei einigen Projekten im Zentrum stand. So etwa bei einem der beiden Gewinner der Kategorie «Research». Auch Juror Alfredo Häberli strich die Bedeutung des Themas Forschung für die Neuausrichtung des Preises hervor. Das ist richtig, zumal gerade in der Schweiz viel spezialisiertes Know-how vorliegt, das von Designer*innen in (nützliche) Produkte übersetzt werden könnte. 

Nominiert war auch das Projekt «Society Vicino Luzern», das sich ebenfalls mit dem Thema gesundes Altern beschäftigt. (Foto © Design Preis Schweiz)

Die Forschungsarbeit «Age Lab – Design for Transitions to Elderly Care Homes» (wieso diese Projektnamen immer alle auf Englisch sind, wäre eine separat zu behandelnde Frage) von Stefan Zahler befasst sich mit dem Übergang von einem selbständigen Leben mit eigener Wohnung in eine Pflegeeinrichtung. Die Plattform versucht, verschiedene Akteure in diesen Prozess zu involvieren. Mit partizipativen Designmethoden werden Erfahrungen von Menschen, die bereits in Pflegeheimen wohnen, zugänglich gemacht. Aktiv zu sein bis ins Alter hält fit. Aktivität muss aber nicht zwingend nur körperlich sein: Sich erinnern und das Erinnerte kommunizieren sind ebenfalls Tätigkeiten, welche die Stimmung positiv beeinflussen können. Wenn aus dem Teilen der eigenen Lebensgeschichte noch ein Buch entsteht, dann kann man dieses Produkt auch noch verschenken und wieder andere daran teilhaben lassen. 

Der «Caru Smart Sensor» gewann in der Kategorie «Product – Consumer Goods». (Foto: Design Preis Schweiz)

In der Kategorie «Communication Design» gewann «Edition Unik», ein von Heller Enterprises initiiertes Kulturprojekt, das zwei Unterstützungsangebote miteinander verbindet: ein Schreibkurs-Setting und eine Self-Publishing-Plattform. Gestaltung kann auch eine soziale Dimension haben. Zuletzt sei noch ein Produkt erwähnt, das sich an die wachsende Zahl älterer Menschen richtet. Der «Caru Smart Sensor» ist eine Art Babyphone, das Daten sammelt und bei Bedarf mit der Aussenwelt kommunizieren kann. Sein dezentes Aussehen erinnert an eine altmodische Porzellandose und gibt keinen Hinweis auf die darin versteckte Technologie. Der Black Box-Effekt kann auch vertrauenseinflössend sein. Das Konzept habe darin bestanden, ein Produkt zu kreieren, das eine Person darstelle, sagten die Designer*innen von Studio Porto an der Preisverleihung. Ob es das ist, was uns in Zukunft erwartet? Objekte, die ein Eigenleben besitzen? Aber genau genommen sind unsere Smartphones ja bereits kleine Roboter. Ganz geheuer ist das ja nicht, aber vielleicht ist es gut, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Wenn wir diese Produkte mitgestalten oder zumindest mitdenken können, schwindet vielleicht die Angst vor Technologie. Design kann durchaus dazu beitragen, unsere Emotionen positiv zu beeinflussen. Auch das machen die Gewinnerprojekte des diesjährigen «Design Preis Schweiz» deutlich. Der Jahrgang 2019/20 stimmt zuversichtlich. 

Das Gewebe «Bananatex» wurde vom Taschenlabel QWSTION entwickelt und steht für das Interesse am Forschungsaspekt von Design, das diesen Jahrgang prägte. Das neuartige Textil gewann in der Kategorie «Textile Design». (Foto © Design Preis Schweiz)

Verwandte Artikel

Vorgestelltes Projekt

Peter W. Schmidt Architekten

Führungs- und Lagezentrum, Polizeipräsidium

Andere Artikel in dieser Kategorie

Kompetitiv
vor 3 Wochen
Architektur für alle
vor einem Monat
Die Besten
vor einem Monat