Hybride Modernität

Susanna Koeberle
16. Juni 2022
Hochhaus der Società Cattolica Assicurazioni. Im Hintergrund ist der Vesuv zu sehen. (Foto: Cyrille Weiner, aus der Serie «Assimilation douce», Napoli, 2020)

 

Als Zwanzigjährige verlor ich einst mein Feriengeld – in Lire damals noch –, das ich in einem weissen Bankumschlag verstaut hatte, am Lungomare von Napoli. Beim Ausziehen meiner Jacke – es war Sommer – fiel das Kuvert offensichtlich aus der Innentasche. Die Verzweiflung war gross, als ich den Verlust bemerkte. Ich machte mich mit meiner Begleitung auf den Weg zurück entlang der Strandpromenade. Unsere Eltern hatten uns nahegelegt, uns nicht in die engen Gassen der Stadt zu wagen. Plötzlich schrie ich auf: Da lag der weisse Umschlag am Boden. Und das Geld war auch noch da! Dieses «Wunder von Napoli» kommt mir jedes Mal in den Sinn, wenn ich die Stadt erneut besuche. Die Moral der Geschichte: Klischees stimmen eben nur bedingt. Nix da mit Entreissdiebstählen und dunklen Mächten – in meinem Fall zumindest. Ich hatte ja mein Geld auf einer rege frequentierten Strasse von Napoli wiedergefunden!

Man sollte also stets bereit sein, seine Urteile zu revidieren und Dinge neu zu beurteilen. Das trifft auch auf die Architektur dieser Stadt zu. Napoli ist befrachtet mit literarischen, filmischen und musikalischen Kommentaren und Erzählungen, sodass jeder und jede meint, die Stadt zu kennen, lesen wir gleich zu Beginn der Ausstellung «Napoli Super Modern» im Schweizerischen Architekturmuseum (S AM). Diese Narrative überlagern die Realität und führen zu vorgefassten Meinungen und eingleisigen Sichtweisen. Die Schau in Basel will solchen Stereotypen entgegenwirken, sie möchte unseren Blick schärfen für das Banale und Unsichtbare, aber auch für das Gelungene und Intelligente der Lösungen, die in dieser Stadt vorzufinden sind. Vielleicht will auch sie zu einem neapolitanischen Wunder beitragen? Um es vorab zu sagen: Das gelingt «Napoli Super Modern» auch.

 

In der Ausstellung «Napoli Super Modern» im S AM (Foto © Tom Bisig)
Lernen von Napoli

Besucher*innen können viel Neues lernen über Napoli; aber auch einiges über Städtebau und seine Möglichkeiten. Die Ausstellung fügt sich in die Serie der «Learning from»-Ausstellungen, die das S AM bewusst pflegt. Manchmal die Schweizer Blase zu verlassen und einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, ist wichtig. «Napoli Super Modern» stützt sich auf die gleichnamige Recherche des Pariser Büros LAN (Benoit Jallon und Umberto Napolitano), das diese 2020 in Buchform zugänglich machte. Zusammen mit dem Fotografen Cyrille Weiner lenken die beiden Architekten den Blick auf eine Serie von modernen Gebäuden, die im heterogenen urbanen Kontext Napolis häufig übersehen werden. Es sind Projekte, die zwischen 1930 und 1960 erbaut wurden, in einer Zeit also, die einerseits durch den Faschismus, anderseits durch den Wiederaufbau vieler Häuser nach dem Krieg geprägt war. Neben der Zerstörung während des Krieges waren auch das Erdbeben von 1930 sowie der Ausbruch des Vesuvs 1944 einschneidende Ereignisse in diesem Zeitraum. Es ging auch um die konkrete Frage, wie man die Stadt nach solchen Brüchen weiterbaut.

Diesbezüglich gibt der Titel der Ausstellung einen Hinweis: Das Adjektiv «super» lässt zunächst eine Steigerungsform der Moderne vermuten, doch genau genommen geht es eher um eine Antithese dazu. Das Modell von Moderne, für das die in der Schau vorgestellten Bauten stehen, ist nämlich eines, das auf den Kontext reagiert und die bestehende Textur der Stadt weiterdenkt. Vielleicht hat die Utopie der Moderne auch deswegen nicht Fuss fassen können in Napoli, weil die Stadt selber schon zu komplex war. Die Moderne wurde quasi aufgesogen und verschmolz dadurch mimetisch mit dem Bestehenden. Nicht Abgrenzung kennzeichnet die Bauwerke von Napoli, sondern Kontinuität. Diese besondere Form von «Stadtmachen» – wie Napolitano es ausdrückt – ist in verschiedener Hinsicht interessant; sie ist «super».

 

Vor der Clinica Mediterranea entsteht ein öffentlicher Raum. (Foto: Cyrille Weiner, aus der Serie «Assimilation douce», Napoli, 2020)

Genau das fand auch das Team des S AM und lud LAN ein, eine Ausstellung in seinen Räumlichkeiten zu realisieren. Sie sollte eine Erweiterung des Buches darstellen: Die Idee war, die formale Strenge der Publikation aufzubrechen und mit neuen Inhalten und Ausstellungsformaten zu ergänzen. Die Präsentation führt vor, was Architekturausstellungen leisten können. Beim Durchschreiten zeigen sich die sinnlichen Qualitäten, die eine physische Begehung von Räumen ausmachen. Wir sind für eine kurze Zeit gleichsam in Napoli.

Auch Literatur kann das. Aber anders. Ein Beispiel für das lebendige Vermitteln der Atmosphäre Napolis ist die neapolitanische Saga von Elena Ferrante, die ich sehr zur Lektüre empfehle. Die vier Bände bilden bezüglich einer Romantisierung der Stadt vielleicht eine Ausnahme. Wir erleben durch die Augen der weiblichen Erzählerin den fremden und dunklen «Rione» (Stadtteil), in dem die einheimischen und befreundeten Mädchen Raffaella Cerullo und Elena Greco aufwachsen. Ferrantes Bücher geben einen Einblick in die gelebte Stadt; Napoli ist gleichsam die dritte Protagonistin des Romanzyklus.

 

«Napoli Super Modern» im S AM (Foto © Tom Bisig)
Der Stadt und ihren Bewohner*innen eine Stimme geben

Um Alltag geht es ja auch in der Architektur, denn Städte werden schliesslich von Menschen genutzt. Das Bewusstsein für diese menschliche Perspektive und Massstäblichkeit fehlt in vielen Städten allerdings, etwa in der geordneten Schweiz. Auch das Gespenst der Tabula-rasa-Stadtplanung suggeriert, dass zuerst die Gebäude kommen und erst dann die Menschen. Die Erfindungsgabe der Stadtnutzer*innen, die kreative Appropriation des öffentlichen Raums, so klein er auch sei, kommt im Film «Homo Urbanus Neapolitanus» von Ila Bêka und Louise Lemoine auf wunderbare Weise zum Tragen; er wurde 2019 gedreht und ist Teil einer grösseren Serie von Stadtporträts, die ohne Kommentare auskommen und den beteiligten Menschen eine Stimme geben. Auf einer grossen Leinwand im letzten Raum bildet er den krönenden Abschluss der Ausstellung im S AM. Die Geräusche des Films, die den Alltag in Napoli akustisch erfahrbar machen, dringen bis in die anderen Räume und schaffen eine unmittelbare Präsentationsform, die unsere Aufmerksamkeit auf die städtischen Praktiken, Gewohnheiten und Verhaltensweisen der Bewohner*innen lenkt. Zu diesem «Tableau vivant» kommen die raumgliedernden Vorhänge, die auf beiden Seiten mit unterschiedlichen Fotos von Cyrille Weiner bedruckt sind und gleichsam Strassenräume erzeugen.

Wie manifestiert sich dieses Ineinandergreifen von Gemeinschaft und Architektur konkret in den Bauten? Auch das vermag die Ausstellung ganz detailliert darzulegen. Sie zeigt anhand von Modellen und Relief-Zeichnungen, wie die zwischen 1930 und 1960 errichteten Bauwerke mit dem bestehenden städtischen Gewebe umgehen. Wenn man die Stadt als Text liest, dann versuchen sie, die vorhandene Sprache aufzunehmen und dadurch zu erweitern. Daraus entsteht eine Vielstimmigkeit, die auf die Heterogenität der Stadt reagiert, statt sie zu ignorieren. Die Architektur widerspiegelt den Menschen und nicht umgekehrt. 

Bestes Beispiel dafür ist das Prinzip des «multiuso», also Gebäude, die Wohnen, Gewerbe und Arbeit vereinen wie das Büro- und Wohngebäude in Ponte di Tappia (1949–1963) von Salvatore Canino. Wenn Sie sogar als Fachperson den Namen dieses Architekten nicht kennen, müssen Sie sich nicht schämen. Viele der Namen, denen man in der Ausstellung begegnet, sind weitgehend unbekannt ausserhalb Italiens. Anders als die Mailänder Kolleg*innen stellen die Architekturschaffenden Napolis einen blinden Fleck in der Architekturgeschichte dar. Selten genug ist in dieser Namensliste auch eine Frau zu finden – die erste Frau übrigens, die in der süditalienischen Stadt das Architekturstudium abschloss: Stefania Filo Spaziale (1905–1988). Nicht nur ihr Name klingt überirdisch, sie zeichnete auch für das damals höchste Hochhaus von Napoli (1956–1958) mit verantwortlich.

 

Still aus dem Film «Homo Urbanus Neapolitanus» von Ila Bêka und Louise Lemoine (Foto © Bêka & Lemoine)

Der Bau ist kein Solitär, sondern fügt sich über eine geschickte Staffelung von Volumen ins städtische Gefüge ein und schafft eine Synthese zwischen Bestand und Neuentwurf. Beteiligt war sie auch beim Palazzo della Morte (1954–1960); das Wohngebäude ist kaum bekannt. Die Lösung, welche hier gefunden wurde, ist aber durchaus erwähnenswert. Das steile Gelände des Vomero nimmt das Team um Spaziale zum Anlass, den Zugang zum Bau neu zu formulieren. Durch diese neue Zirkulationslösung entsteht eine Art innere Treppenlandschaft, die auch eine Hoffunktion hat. Die durchlässige Beziehung zwischen Innen- und Aussenraum ist überhaupt eine auffällige Gemeinsamkeit des urbanen Lebens in der süditalienischen Stadt. Aber dieser Membrancharakter wird eben auch durch die Architektur begünstigt. Etwa durch einen Vorsprung in der Fassade, der dann flugs zur Ablage für einen informellen Markt umfunktioniert wird so wie beim Postgebäude (1933–1936) von Giuseppe Vaccaro und Gino Franzi. 

Die Ausstellung ordnet die Projekte nach fünf thematischen Gruppen, nämlich dem Fortbestehen der Stadt bezüglich Form, Sprache, Begrenzung, Funktion und Natur. All diesen Aspekten gemeinsam ist der Überbegriff des Fortbestehens. Das hat nichts Konservatives, sondern ist ein zutiefst realistischer Umgang, der hybride und alternative Modelle des Stadtmachens zulässt. Diese Haltung gründet auf dem Vertrauen, dass Disparates koexistieren kann, dass Städte hybride und fragmentarische Körper sind, in denen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stets gleichzeitig stattfinden. Das klingt vielleicht banal, ist aber als stadtplanerische Strategie keineswegs üblich.

 

 

Napoli Super Modern

Napoli Super Modern
Editiert von LAN Local Architecture Network, Benoit Jallon, Umberto Napolitano und Le Laboratoire R.A.A.R.

240 x 300 Millimeter
232 Seiten
230 Illustrationen
Hardcover
ISBN 9783038602187
Park Books
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