Die Pisé-Häuser von Fislisbach

Manuel Pestalozzi
3. April 2018
Bild: Manuel Pestalozzi

Vor 170 Jahren brannte fast das ganze Aargauer Dorf Fislisbach bei Baden nieder. Für den Wiederaufbau wurde ein Architekt engagiert. Er projektierte Stampflehmbauten, damals eine kostengünstige Novität.

Am Ostermontag setzte sich der Redaktor aufs Velo und fuhr über den Mutschellen. Fislisbach, die Agglomerationsgemeinde beim Westportal des Baregg-Tunnels, tangierte er auf dieser oft abgespulten Route von Zürich nach Baden bisher bloss. Diesmal nahm er sich Zeit, um für eine kurze Ortserkundung abzubiegen. Grund dafür war ein Artikel der Aargauer Zeitung, die an den Dorfbrand von 1848 erinnerte.
 
Am 30. März brach damals in einem Feuer aus, das innert kürzester Zeit 42 Häuser in Schutt und Asche legte. Sie hatten alle Strohdächer, das den Flammen reichlich Nahrung bot. Etwa 500 Menschen wurden obdachlos. Es gab zwar schon eine kantonale Gebäudeversicherung, doch die meisten Eigentümerinnen und Eigentümer waren unterversichert. Der Regierungsrat rief zu Spenden auf, die auch reichlich strömten.
 

Die verbliebenen Zeugen des nach «modernen» Prinzipien geplanten neuen Dorfs versinken heute im Agglomerations-Immergrün. Bild: Manuel Pestalozzi

Moderne vor der Moderne
Berichte über den Brand dokumentieren die gelebte Solidarität in der armen Schweiz des 19. Jahrhunderts: Der Wiederaufbau wurde offenbar systematisch angegangen, orchestriert von einem Hilfsausschuss, eingesetzt durch die Kantonsregierung. In einem Inventar-Rapport der Kantonalen Denkmalpflege Aargau liest sich die Zielsetzung des Wiederaufbaus wie ein Manifest der Moderne aus dem frühen 20. Jahrhundert: Man entwarf ein «Gegenbild des alten Dorfes, in allem eine neuzeitliche, luftige, regelmässige angelegte, gesunde, feuersichere und schmucke Siedlung», die besonders auch «hygienischen und ästhetischen Momenten» zu genügen hatte.
 
Komplettiert wurde dieser Top-down-Ansatz mit der Propagierung der Stampflehm-Bauweise als zielführende, kostengünstige Konstruktion – offenbar tat man dies gegen den Widerstand der ansässigen Baumeister und -handwerker, die über die «Dreckhäuser» lästerten. Als Architekt engagierte man den 23jährigen Alfred Zschokke, der eben seine Studien in Karlsruhe, München und Frankfurt am Main abgeschlossen hatte. Er entwickelte so etwas wie Archetypen des «Neuen Bauens»: einfache, praktische Bauernhäuser, die sich schnell errichten liessen. Gebrannte Ziegel und Backsteine waren vermutlich noch ein Luxus, man kann sich gut vorstellen, wie man in der Pisé-Bauweise eine rationale, kostensenkende Konstruktionsweise erkannte, die auch die Brandgefahr minderte.

Sieben Pisé-Bauten konnten gemäss der Aargauer Denkmalpflege 1848 errichtetet werden - an der Buchhaldenstrasse erkennt man die Typisierung. Bild: Manuel Pestalozzi

Gemäss dem Bericht in der Aargauer Zeitung waren die Neubauten innert kurzer Zeit errichtet. Die Pisé-Häuser hätten sich bereits im ersten Winter sie sich als ausgezeichnete Wärmespeicher bewährt. Alfred Zschokke, der später in Solothurn Kantonsbaumeister wurde,  habe gehofft, dass sich die Stampflehmbauweise weiter verbreitet. Dazu kam es aber nicht. Es brauchte mehr als 150 Jahre, bis diese Konstruktonsmethode wieder ins öffentliche Interesse rückte. Fislisbach besitzt ein gebautes Erbe, das ihre Dauerhaftigkeit belegt.

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