Formwillen und Einpassung – zum Tod von Ernst Gisel

Manuel Pestalozzi
10. Mai 2021
Die Aufnahme zeigt den skulpturalen Turm der Kirche von Effretikon aus dem Jahr 1961 und die Erweiterung des Gemeindezentrums von 1995 gleich nebenan. Immer wieder konnte Ernst Gisel in unmittelbarer Nachbarschaft seiner Projekte «weiterbauen». (Foto: Manuel Pestalozzi)

Der Zürcher Architekt hinterlässt ein grosses und breit gefächertes Werk, das sich durch eine zeitlose Beständigkeit auszeichnet. Es wird der Fachwelt eine fortwährende Inspiration sein.

Ernst Gisel wurde am 8. Juni 1922 als Sohn eines Sattlermeisters in Zürichs Vorort Adliswil geboren. Nach einer Lehre als Bauzeichner wollte er Künstler werden. An der Kunstgewerbeschule Zürich erwachte sein Interesse am Beruf des Architekten. Bald beteiligte er sich an Wettbewerben. Davon erzählt das Buch «Ernst Gisel Architekt», das im gta-Verlag in bereits mehreren Auflagen erschienen ist. Gisels erstes bekanntes Werk stammt aus dem Jahr 1941: Er entwickelte einen Wettbewerbsbeitrag für Wohneinheiten auf dem Areal einer Jugendherberge in Gersau. Gegen Ende seiner langen Laufbahn gestaltete er 2008 gemeinsam mit Luigi Snozzi vier Wohnhäuser in Vira im Tessin. Ernst Gisel verstarb am 6. Mai 2021 in seinem Haus in Zürich – wenige Wochen nur vor seinem 99. Geburtstag.

Die Manufaktur des Möbelherstellers Lehni im Gewerbegebiet beim Flugplatz von Dübendorf stammt aus dem Jahr 1976. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Im Laufe seiner über sechzig Jahre andauernden Karriere setzte sich Ernst Gisel mit so gut wie jeder Bauaufgabe auseinander. Seinen ersten grossen Erfolg landete er mit dem Parktheater in Grenchen. Der 1955 fertiggestellte Kulturbau inmitten einer Parkanlage machte ihn erstmals für seine eigenwillige, selbstbewusste Formensprache und seine sorgfältigen Details bekannt. Wie an etlichen anderen Bauplätzen konnte er in den 1990er-Jahren auch bei diesem Projekt Änderungs- und Ergänzungsarbeiten vornehmen.

Nicht zuletzt wegen den skulpturalen Qualitäten seiner Bauten und seiner Vorliebe für Materialien, die im ursprünglichen Zustand belassen werden können, verglich man die Architektur Gisels manchmal mit jener von Alvar Aalto (1898–1976). Wie beim grossen finnischen Meister fiel der wesentliche Teil seiner Schaffensperiode in eine Phase der Hochkonjunktur: Die Bedürfnisse wandelten sich zwischen 1945 und 1970 ebenso drastisch wie der Blick auf die Welt. Das hatte Auswirkungen auf das Wohnen, das Arbeiten, den Städtebau, die Kultur, den gesellschaftlichen Austausch und nicht zuletzt auch auf die Spiritualität. Auf all diesen Gebieten leistete Ernst Gisel wertvolle Beiträge. Er konnte in grossen Städten in der Schweiz und vor allem auch in Deutschland Projekte realisieren. Fast noch wichtiger erscheint aber seine Tätigkeit in der Agglomeration; dort konnten seine Wohn- und Bildungsbauten, seine Kirchen und Rathäuser dem oft wenig stabilen Siedlungsgefüge Halt bieten.

Die Kirche der Flughafengemeinde Oberglatt aus dem Jahr 1964 ergänzte einfühlsam den historischen Ortskern und verlieh dem Wandel im schnell wachsenden Dorf Ausdruck. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Bemerkenswert ist, dass die Schaffensperiode nach den kulturellen Disruptionen von 1968 und der Ölkrise (1973) im formalen Ausdruck und hinsichtlich der Materialisierung nahtlos an jene der Hochkonjunktur anschliesst; der aus bauphysikalischen Gründen nunmehr gebotene Schichtaufbau ergänzte wie selbstverständlich das bekannte architektonische Repertoire; äussere Sichtbacksteinwände oder vorgehängte Schieferplatten waren neue konstruktive Elemente, die in Gisels Werk für Kontinuität und Zeitlosigkeit sorgten. Er entwarf nicht nur schön und zweckmässig, sondern auch solide und mit einem schwer zu übertreffenden Sinn für räumliche Dimensionen. Mit Verve leistete Ernst Gisel zudem Beiträge an die Verdichtung (Überbauung Stadelhofen, Zürich, 1984) und das Bauen im geschützten Bestand (auf Stützen gestellter Baukörper im historischen Kollegiengebäude II der Universität Zürich, 1991).

Die erwähnten Nachfolgeaufträge, die oft Jahrzehnte nach dem Ursprungsprojekt erteilt wurden, weisen Ernst Gisel als einen «Architekten des Vertrauens» aus. Er erscheint im Rückblick eher als selbstbewusster, enorm talentierter Teamplayer denn als Star – und Teamplayerqualitäten kann man auch seinen unaufdringlichen Bauten zuerkennen, die sich selten in den Vordergrund drängen. Nachhaltigkeit hiess bei Gisel eben primär Robustheit. Über Generationen hinweg.

Ernst Gisel war wohl mehr ein Mann der Tat als einer der Worte: Seine Tätigkeit als Lehrer ausserhalb seines Büros blieb kurz: In den Jahren 1968 und 1969 unterrichtete er an der Architekturabteilung der ETH Zürich als Entwurfsdozent. Achtung verdienen seine Grosszügigkeit und sein soziales Engagement: 1999 schenkte er sein Blaues Atelier unterhalb des Klusplatz in Zürich der ETHZ. Die benachbarte Mehrfamilienhauszeile an der Hegibachstrasse von 1960 ging an die Stiftung zur Erhaltung von preisgünstigen Wohn- und Gewerberäumen der Stadt Zürich (PWG). Nach seinen Gründen gefragt, erinnerte Ernst Gisel 2017 in einem Interview an das Verständnis der Stadtentwicklung, welches der Architekt Hans Bernoulli (1876–1959) vertrat.

Ich bin Ernst Gisel als Student begegnet, als er in Zürich-Leutschenbach sein 1995 fertiggestelltes World Trade Center vorstellte. 1997 durfte ich ihn als Journalist im Blauen Atelier besuchen. Es ging um ein Kurzporträt. Die Wohnüberbauung in Stadelhofen als Beispiel zur Veranschaulichung seiner Haltung lehnte er auf meinen Vorschlag hin ab. Stattdessen schenkte er mir ein Buch über das Rathaus der Stadt Fellbach bei Stuttgart (1986), das ihm zu diesem Zwecke geeigneter schien. Wir kamen auf das Rathaus in Zürichs Vorortsgemeinde Dübendorf zu sprechen, ein siegreiches Wettbewerbsprojekt aus dem Jahr 1984, das beim Stimmvolk allerdings keine Gnade fand. Der Stadtpräsident sei eben ein «Tubel» gewesen und habe das Programm zu stark überfrachtet, brummte er. Es war ihm wohl bewusst, dass man im irdischen Dasein auch als Architekt nicht immer nach den Sternen greifen kann. Er ruhe in Frieden!

Freilufttribüne auf dem Areal von Schule und Freibad Auhof in Zürich-Schwamendingen (1958) (Foto: Manuel Pestalozzi)

Verwandte Artikel

Andere Artikel in dieser Kategorie